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Der bunte Jürgen R.

8. Dezember 2009 · von Theobald Tiger

Bunte_Rüttgers-1Seit wann wohnt Jürgen Rüttgers eigentlich auf Zeche Zollverein? Wohnt er nicht! Doch wohnt er! Der Eindruck drängt sich jedenfalls dem Leser der Gesellschaftspostille „Bunte“ auf, die den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und seine Landesmutter Angelika besucht und fotografiert hat. Als wär man bei ihm Zuhause, teilt das Promi-Blatt schon im Inhaltsverzeichnis mit. Wenn man in München bunte Blätter produziert, mag es ja sein, dass Pulheim, Rüttgers verschlafener rheinischer Wohnort, und die Kulturhauptstadt Essen im Revier, eins sind. “Wir-in-NRW” wissen das freilich besser. Der Landeschef auch? Bestimmt! Wollte er nur den Glanz der ehemaligen Zeche einfangen, den es daheim nicht gibt? Weltkulturerbe macht sich nun mal besser als Winkelbungalow. Und außerdem fühlt Rüttgers sich ja überall zuhause in seinem Land zwischen Weser und Rhein.

Na gut, die so genannte Homestory über den CDU-Ministerpräsidenten fünf Monate vor der Landtagswahl war schön eingefädelt, das konservative Medienhaus Burda steht da gerne bereit. Zumal Konzernherr Hubert Burda gerade den Cicero-Gründer Wolfram Weimer als Chefredakteur für sein schlingerndes Wochenblatt Focus engagiert hat. Die Bande nach Düsseldorf werden dann wohl noch enger geknüpft. Wolfram Weimers Schwester Britta werkelt als Gruppenleiterin in der Abteilung Politische Planung in der Staatskanzlei und ist vorwiegend damit beschäftigt, Jürgen Rüttgers bei Preisverleihungen oder Glamour-Terminen vorteilhaft in Szene zu setzen. Top-Journalist Weimer selbst begleitete den Ministerpräsidenten als „Think Tank“ in seine intellektuellen Johannes-Rau-Gespräche in der Berliner Landesvertretung. Und der Verlag von Weimers Frau Christiane Goetz gab vor drei Jahren ein Rüttgers-Buch (60 Jahre NRW: Land der Zukunft) heraus, das allerdings in den Regalen der Buchhandlungen verstaubte.

Bunte_MünteTitel-1Nun also Bunte. Während es SPD-Ikone Franz Müntefering mit seiner 40 Jahre jüngeren Frau auf den Titel des People-Blattes schaffte, lächeln Jürgen und Angelika dem Volk erst ab Seite 76 entgegen; daneben die Schlagzeile „Seit 27 Jahren GLÜCKLICH“. Doch bevor das Landespaar „offen über Liebe, Pantoffeln und das Geheimnis einer guten Ehe“ mit den Bunte-Reportern gesprochen hat, legten die Stylingberater und Visagisten des Magazins noch mächtig Hand an. Das Kölner Modehaus Weingarten stattete den Ministerpräsidenten und seine Angelika für die Fotos mit neuester konservativer Herbstmode aus – er in schwarz, sie in rot. Dabei kamen dann Kuschelfotos heraus, beide immer im Körperkontakt zeigen. In Wahlkampfzeiten will man wenigstens „daheim“ (auf der Zeche) Harmonie vorspielen. Und ein wenig Eleganz, die Jürgen Rüttgers im Alltag mit seinen schlecht sitzenden Anzügen von der Stange (Hosen zu lang, Sackos zu eng) und den zu kurz gebundenen Krawatten nun wahrlich nicht ausstrahlt.

Doch so ganz spielt seine Angelika nicht mit, zerstört sie doch das Bild vom braven Handwerkersohn Jürgen, das dieser so gern von sich in der Öffentlichkeit zeichnet. Da muss man schon staunen: zuhause packt der selbsternannte Arbeiterführer nicht mal die Bohrmaschine an. „Das mach ich,“ verrät die resolute Frau Rüttgers. „Da können dann schon mal drei Löcher bei raus kommen,“ bis es dann endlich passt. „Ich streiche auch die Wände und kann Billy-Regale aufbauen,“ verrät die Landesmutter ihre Vorliebe, im weltberühmten schwedischen Möbelkaufhaus die Einrichtung zu bestellen.

Und er selbst, der große CDU-Chef aus Nordrhein-Westfalen, der Partei-Stellvertreter von Angela Merkel, stellt sich dann auch noch mit unbedachten Worten ins Abseits. Er plaudert aus, dass er nicht in das SMS-Netzwerk der Kanzlerin eingebunden ist. Weil er kein Handy bei sich trage, weil er so gerne nachdenke und dabei nicht gestört werden wolle, gibt der Ministerpräsident zum Besten. Jürgen Rüttgers hat eben für alles eine Erklärung, auf der Verliererseite sieht er sich nie. Obwohl es ihn offenbar richtig wurmt, von der Kanzlerin so ausgegrenzt zu werden. Zumal seine Wirtschaftsministerin Christa Thoben mit der CDU-Chefin in Berlin rege SMS-Kurzmitteilungen austauscht, wie „Wir-in-NRW“ am Rheinufer aufgeschnappt haben.

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