Dienen, gehorchen und befehlen hat Boris Berger in zwölf Jahren bei der Bundeswehr gelernt. Dort brachte er es zum Hauptmann als Feldjäger auf der Hardthöhe, bevor er nach Ende der Dienstzeit zu Jürgen Rüttgers wechselte. Zunächst als Aktentaschenträger gesichtet, verschaffte sich der schneidige junge Mann schon zu Oppositionszeiten seit 2004 Respekt bei den Mitarbeitern und gewann schnell das Vertrauen des CDU-Chefs.
Im Sommer 2005 wechselte jener Boris Berger, erst Anfang 30, aus der CDU-Zentrale mit dem frisch gewählten Ministerpräsidenten in die Staatskanzlei und übernahm die Denkstube in der Regierungszentrale. Doch der Leiter der Abteilung Politische Planung hatte von Beginn an im Düsseldorfer Glaspalast eine wichtigere Funktion als nur ein leitender Ministerialer zu sein. Berger dachte und lenkte für den neuen Regierungschef, er zog an den Strippen in Partei und in Berlin, er bediente Medien und machte so selbst Politik. Nicht immer agierte der heute Mittdreißiger dabei im Sinne seines Herrn, manche brenzlige Situation entstand durch Bergers gelegentlich unbedachte Handlungen. Doch der CDU-Chef ließ seinem inzwischen engsten Vertrauten viel Freiraum, schließlich erledigte Berger für den Ministerpräsidenten auch viele schmutzige Dinge. So jemanden braucht man als Chef einer Regierung.
So wirkte der Staatskanzlist im Verborgenen entscheidend mit, um den damaligen Evonik-Chef Werner Müller als Vorstandsvorsitzenden der RAG-Stiftung zu verhindern. Stattdessen platzierte man dort den CDU-Vertrauten Wilhelm Bonse-Geuking. Auch bei der WestLB zieht Berger bis zum heutigen Tag an den Strippen. Erfolglos aber, denn dem „Banklehrling“, wie er sich selbst einmal bezeichnete, und seinem Chef misslang so ziemlich alles. Die einstmals stolze WestLB hat unter der Regierung Rüttgers einen unglaublichen Niedergang erlebt. Das hochverschuldete Land muss mit 8,5 Milliarden Euro für in eine Bad-Bank ausgelagerte Papiere haften. Mit dem Institut kann das Land nichts mehr anfangen, es kostet nur noch Geld, längst hat sich Rüttgers der NRW-Bank zugewandt, dort sitzt mit Dietmar Binkowska auch gleich ein Vertrauter auf dem Vorstandsstuhl.
Berger mischte überall mit, in der realen Politik wie im Postengeschacher der Staatskanzlei. Dort platzierte er nur willige Vertraute, im Gegenzug wurden anerkannte Fachleute und eigenständige Köpfe gefeuert. Besonders die Regierungssprecher und Chefs des Landespresseamtes kamen und gingen im Monatstakt. Doch nun – nach viereinhalb Jahren – hat Berger eine schwarze Truppe aufgebaut, die er steuern kann, wie er will – in der Staatskanzlei wie in der CDU-Zentrale. Der Wahlkampf kann kommen, das Netz mit der Düsseldorfer Wasserstraße ist perfekt geknüpft. Was stört es da, dass der Gesetzgeber eine strikte Trennung von Partei und Staat vorschreibt? Übrigens hat die SPD in früheren Jahren, zu Raus Zeiten, genauso gearbeitet.
Boris Berger, dem Jürgen Rüttgers schon 2005 große Kompetenz in Sachen Wahlkampf attestierte, ist Kopf einer so genannten „schwarzen Viererbande“. Er steuert aus der Regierungszentrale nicht nur den inzwischen wegen persönlicher Verfehlungen (Gehaltsaffäre) gelähmten CDU-Generalsekretär Hendrik Wüst, sondern pflegt seit dem 2005er Wahlkampf ein enges Vertrauensverhältnis zu Parteisprecher Matthias Heidmeier. Der Westfale aus dem nördlichen Sauerland, auch erst Anfang 30, arbeitete sich schnell vom Internet-Redakteur der hessischen CDU zum Vertrauten Bergers hoch. An seiner Seite lernte Heidmeier schnell die Tricks im politischen Geschäft. Heute verfügt der Kommunikationschef der Landes-CDU selbst über ein funktionierendes Netzwerk von gefälligen Journalisten, die bereitwillig das aufschreiben, was gewünscht wird. Und wenn es dann mal hakt, wird Berger selbst aktiv. Dann wirbt er bei vertrauten Journalisten, so wird berichtet, schon mal für die richtige Sichtweise und pflegt einen engen Kontakt zum mächtigen WAZ-Konzern mit den vier NRW-Blättern. Mit Bodo Hombach, dem Geschäftsführer des Mediengiganten und externen Ratgeber des Ministerpräsidenten, versteht sich Berger blendend, Hombach selbst macht aus seiner Wertschätzung für „Dr. Berger“, wie er ihn nennt, keinen Hehl.
Seit dem 1. Dezember verfügt Boris Berger über eine zusätzliche Geheimwaffe in der Staatskanzlei. Von einem auf den anderen Tag wechselte man die Leitung des Landespresseamtes aus: Berger hat nun mit Thomas Breuer dort einen engen Vertrauten platziert, der in den vergangenen Jahren zwischen CDU-Parteizentrale, CDU-Fraktion und Schulministerium hin und her wechselte. Der 32-Jährige, der wie sein Mentor in Niederkassel bei Bonn wohnt, dient dort, wo Berger in braucht. Nun also Staatskanzlei. Fünf Monate vor der Wahl und zum Auftakt des Wahlkampfs weiß Berger – und damit Rüttgers – in der wichtigen Medienabteilung einen wichtigen Zuarbeiter und Aufpasser. Denn längst hat Berger den Daumen über den noch amtierenden Regierungssprecher Hans-Dieter Wichter gesenkt, obwohl auch der von der Hardthöhe kommt und lange Zeit Sprecher des Verteidigungsministers war. Doch Wichter wünscht sich inzwischen wohl mehr, wieder in Afghanistan für die Bundeswehr und Nato zu sprechen, als unter Berger dienen zu müssen. Wichter spielt im Wahlkampf keine Rolle mehr, er ist kaltgestellt. Und die in Regierungskreisen als gut informiert geltende „Westfalenpost“ berichtete gar schon, dass Thomas Breuer nächster Regierungssprecher werden könnte. Ein deutlicheres Zeichen für Wichters abgelaufene Dienstzeit in der Düsseldorfer Staatskanzlei gibt es wohl nicht.
Das Handwerk, wie man Medien für sich gewinnt, hat Breuer in der CDU-Zentrale gelernt. So soll er im August 2008 einen Korrespondenten in die Wasserstraße bestellt haben, um eine Geschichte über den Vorsitzenden der Seniorenunion, Leonhard Kuckart, zu platzieren. Ohne Quelle stand dann wenig später in dessen Blatt zu lesen, dass die CDU-Spitze mit dem eigenwilligen Chef der Seniorenunion unzufrieden sei und man mit dem Landtagsabgeordneten Christian Weißbrich einen Gegenkandidaten aufbaue. Der wahre Hintergrund für die Attacke aus den eigenen Reihen gegen Kuckart war dessen offene Kritik an CDU-Landeschef Rüttgers – zu lesen war das freilich nicht zu lesen. Das war auch nicht beabsichtigt. Breuer durfte noch vor Veröffentlichung den Artikel lesen und informierte über den Inhalt auch seinen Generalsekretär Hendrik Wüst, der per e-mail ein „Klasse“ an Breuer funkte. Das geplante Sturz des Seniorenchefs misslang zwar, Kuckart blieb im Amt, doch es zeigt, wie in der CDU-Zentrale und jetzt in der Staatskanzlei gearbeitet wird.
Und wie eng die Kontakte geknüpft sind. Als Schulministerin Barbara Sommer vergangenes Jahr in Turbulenzen geriet, schickte Rüttgers auf Bergers Vorschlag hin Thomas Breuer als Aufpasser und Pressechef ins Ministerium. Seitdem herrschte Ruhe. Seinen Job kann er wohl.
Die Beaufsichtigung der „Püppi“ genannten Ministerin beanspruchte Breuer wohl so sehr, dass er nicht in die Wahlkampf-Beobachtung per Video von SPD-Spitzenfrau Hannelore Kraft eingebunden war. Doch die anderen drei Mitglieder der Viererbande gaben alles, um ihren Chef Jürgen Rüttgers aus einer politischen Malaise zu befreien, in die er durch die Beschimpfung rumänischer Arbeiter geraten war. Wie sie über politische Gegner denken, welches Gossenvokabular die feinen Anzug-Herren miteinander pflegen, konnte die Öffentlichkeit lesen, als ihr e-mail-Verkehr publik wurde. Eine deutlicheren Beleg für Bergers Cheffunktion gibt es nicht, stauchte er doch Wüst und Heidmeier schriftlich brachial zusammen: „Da ist richtig Scheiße angerichtet worden“ rüpelte der Staatskanzlist in Richtung CDU-Parteiarbeiter. „Ohne Not dicke Hose vorgetäuscht und dafür noch Prügel bekommen.“ Wüst, der Befehlsempfänger, schrieb kleinlaut zurück: „Da haben wir uns gleich mehrere Eigentore geschossen.“
Berger, der Staatsbedienstete, gibt im CDU-Wahlkampf ganz klar die Richtung vor. Er ist der Mann fürs Grobe und setzt um, was Rüttgers will. Wüst ist offenbar nur Befehlsempfänger und nun auch mit dem Image des Abkassierers behaftet. Kaum vorstellbar, dass Jürgen Rüttgers seinen General in diesem Wahlkampf wie geplant in den verbalen Kampf gegen SPD-Herausforderin Hannelore Kraft schicken kann.
Wie Berger arbeitet, bekam im Sommer der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma zu spüren. Ein zweistündiger Besuch beim Kölner Stadtchef reichte, damit dieser nach den Negativ-Schlagzeilen um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs noch vor der Kommunalwahl seine erneute Kandidatur für die CDU zurückzog. Das Ergebnis ist bekannt: Jürgen Roters heißt nun der Kölner Oberbürgermeister. Und der ist Mitglied der SPD.










3 Antworten bis jetzt ↓
1 Sozi // Dez 9, 2009 at 12:56
Was habt ihr denn anderes erwartet? Das haben die Roten doch vorher genauso gemacht. Für Johannes Rau war doch die Staatskanzlei gleich die Parteizentrale. Auch wenn der dicke Hombach in der SPD die Strippen gezogen hat. Nun hat er ja das Lager gewechselt und kann gleich dem Rüttgers die besten Tipps geben wie man das macht. Berger & Co scheinen ja ihr Geschäft zu verstehen. Aber gut, dass man als Normalbürger auch mal weiß, wie das alles funktioniert. Guter Artikel
2 Blauauge // Dez 9, 2009 at 14:36
Da wundert man sich über die Politikverdrossenheit! Es ist scheinbar immer der gleiche Ansatz: Nach der Wahl werden die eigenen Leute installiert, um die Fäden der Macht in die Hände zu kriegen. Inhalte werden zur Nebensache, der Machterhalt ist das eigentliche Ziel. Und so was nennt sich Arbeiterführer. Mag sein das es unter Rau genauso gelaufen ist, mein Eindruck war allerdings , das er mehr im Sinne der Menschen agiert hat als Herr Rüttgers es jemals schaffen wird. Selten ist der Spruch “Arroganz der Macht” derart personifiziert.
3 Max Malsch // Jan 2, 2010 at 14:59
Schauen Sie doch bitte mal auf unsere Seite.
Mit freundlichen Grüßen
Max Malsch
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