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O du fröhliche . . .

16. Dezember 2009 · von Theobald Tiger

In der Vorweihnachtszeit geschehen noch Zeichen und Wunder. Der Ministerpräsident hat Westfalen wieder entdeckt. Soest, er war in Soest. Nicht in Köln, nicht in Bonn auf dem Petersberg, auch nicht in Brauweiler, seiner geliebten Abtei. Und dann dieser Auftritt: Jürgen Rüttgers im eleganten schwarzen Anzug (war es etwa der vom Liebesinterview in „Bunte“?) nahm Platz auf dem harten Gestühl der historischen Wiesenkirche. Erste Reihe, die geschmückte Tanne im Blick. Links von ihm die immerzu lächelnde Landesmutter Angelika, rechts – ganz in schwarz – WDR-Intendantin Monika Piel, wichtig dreinblickend. Und im Rücken gut 800 Westfalen und Rheinländer, die der NRW-Chef besonders in sein Herz geschlossen hat und die ihm bestimmt in den vergangenen zwölf Monaten ordentlich zugejubelt haben. O du fröhliche. . .

Adventskonzert. Der WDR übertrug, 20.15 Uhr am Samstagabend, das Land hörte andächtig zu, sang womöglich auf dem heimischen Sofa mit – und zappte dann aber nur ganz heimlich auf das Zweite zu Plaudertasche Thomas Gottschalk. Das Sinfonieorchester kam aus – falsch nicht aus Dortmund – aus Köln. Es war ja ein Landeskonzert, die Rheinländer mussten doch auch dabei sein, sonst wären die so traurig gewesen. Bestimmt. Denn an diesem Abend – live im Dritten – hatten sich alle lieb. Alle kuschelten auf den engen Holzbänken, Minister, Staatssekretäre, Abteilungsleiter (nicht alle, aber wenigstens der eine), ganz viele wichtige und erfolgreiche Menschen. Und Wichtigtuer. Und Bodo Hombach. Ganz außen wurde er platziert, dort wo sich diese Masse Körper noch halbwegs wohl fühlen kann. Der große WAZ-Mann war nicht zu übersehen, sein graumelierter Charakterkopf ragte heraus. Und er sang auch mit, wie alle, bevor man zum Landesbuffet in die Stadthalle wechselte. O du fröhliche. . .

Westfalen also. Keine fünf Monate mehr, dann ist Wahl. Ja, da müssen auch die acht Millionen Westfalen von den satten Wiesen, von Hügeln und aus Tälern heim geholt werden ins Reich, pardon ins Rheinland. Eine neue Strategie in der Düsseldorfer Chefetage? Lassen sich die Menschen an Weser und Lippe so leicht ködern, mit einem einzigen Konzert? Das reicht wohl nicht, ahnt auch der Regierungschef. Also lud er am Montag nicht nur die Chefredakteure aller Zeitungen des Landes zum Weihnachtsessen in seinen Glaspalast. Nein, zwei von ihnen bekamen zuvor einen besonderen Termin. Die Chefschreiber der größten und wichtigsten Blätter aus Münster und Bielefeld durften den Ministerpräsidenten gemeinsam interviewen. Ein Westfalen-Gespräch sozusagen. Nur für die Menschen im Münsterland und in Ostwestfalen-Lippe. Bei so großer westfälischer Nähe vergessen wir doch die Verleihung des Staatspreises vor einer Woche auf dem Petersberg bei Bonn. Rheinland, egal. Vor Weihnachten ist Jürgen Rüttgers nur für die Westfalen da. Donnerwetter! Pardon: O du fröhliche . . .

Fröhliche Adventszeit!? Vielleicht sollten wir da doch eine kleine Rückschau auf den Petersberg halten. Denn mindestens einer verließ vor einer Woche diese grandios inszenierte Festlichkeit gebückt, geprügelt, gedemütigt. Wieder einmal. Der Regierungssprecher, der Herr Dr. Wichter. Ein Fehltritt, eine falsche Geste zur falschen Zeit. Dabei ist er doch immer so bemüht, alles richtig zu machen und dem großen Regierenden untergebend zu dienen. Aber vieles gelingt dem Westenmann nicht gerade. Nicht die Beschwerdebriefe, mit denen er kritische Düsseldorfer Korrespondenten im Auftrag seines Meisters bei Chefredakteuren anschwärzt. Nicht die Einstellung von Referatsleitern für den Bereich Internet, die er mit der Interpretation und Übersetzung eines altenglischen Textes von Clausewitz prüfte. Und auch nicht die Einfädelung eines WDR-Interviews in dem geschmückten Festsaal beim Staatspreis auf dem Petersberg. Geduckt habe sich der Regierungskommunikator an den Ministerpräsidenten und seinen Ehrengast, den polnischen Preisträger herangeschlichen, um die Bitte zum Fernsehinterview loszuwerden, berichten Teilnehmer. Just in dem Augenblick, als die beiden wichtigsten Herren der Veranstaltung durch die Mitte des Raumes schritten. Irgendwie unpassend soll es gewesen sein, so die Augenzeugen.

Wichter fand´s wichtig! Der wichtige Abteilungsleiter – ja der vom Adventskonzert – wohl nicht. Denn der knöpfte sich den armen Wicht aus der Staatskanzlei öffentlich vor. Festgäste und Journalisten erlebten ein Zusammenstauchen des Regierungssprechers durch Rüttgers´ Nächsten. „Ich mache Sie einen Kopf kürzer,“ soll der Staatskanzlist dem eingeschüchterten Sprecher wegen dessen Vorpreschens gedroht haben. Und: „Sie können demnächst für den Landkreistag sprechen, aber nicht mehr für die Landesregierung.“ Kündigt sich da ein erneuter Personalwechsel an? Der Ministerpräsident nutzt ja gelegentlich die stillen Tage für geräuschlose Rochaden. Aber gibt es da nicht noch andere Kandidaten als Wichter? Uns fallen da doch einige ein: Müller-Piepenkötter, Wüst, van Dinther, . . .

O du fröhliche . . . Weihnachtszeit (in der Staatskanzlei)

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7 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Robert // Dez 16, 2009 at 19:14

    Dass Bodo Hombach wegen seiner Körperfülle in dieser westfälischen Kirche auf der Bank ganz außen gesessen hat, ist wirklich bemerkenswert. Dass mit dem Regierungssprecher und dem Landkreistag, hat skandalöse Züge. Und die Übersetzung von Clausewitz-Texten kann nur eine Folge haben – Rücktritt! Haben alle dann noch gemeinsam “Oh du fröhliche” gesungen? Sorry, da erwarte ich mehr…

  • 2 NRW Bürger // Dez 16, 2009 at 23:41

    Selten so gestaunt, Panther, Tiger und Dompteur
    Alfons Pieper eine illustre Raubtiergruppe. Leider kann von denen keinen durch einen Reifen springen das muss oder besser sollte ein Guter
    Schreiber schon können. Wir müssen uns also weiter auf flaches Niveau einstellen. Vielleicht liegt es aber auch an den vielen Viechern im Fell, richten wir uns auf lausige Zeiten ein.

  • 3 Blauauge // Dez 18, 2009 at 10:46

    Ach NRW- Bürger, hast Du etwa eine Parteibrille auf? Ich finde schon spannend hinter die Kulissen der Mächtigen zu schauen. Denn wie man mit Mitarbeitern umgeht, verrät schon den wahren Charakter und der ist mir wichtig, wenn ich mir eine Meinung bilden soll.
    Da bin ich Panter, Tiger und Co dankbar für die Einblicke.

  • 4 NRW Bürger // Dez 18, 2009 at 22:37

    Also Blauauge keine Brille bei mir, deswegen für alle klar, bin nicht Blauauge pardon blauäugig. Doch wenn wir schon von einseitig sprechen, H. Kraft kommt hier gar nicht vor. Dortmund neue
    Bundesspitzen, wäre interessant den Hintergrund
    kennen zu lernen.

  • 5 bonzo90 // Dez 20, 2009 at 19:07

    Ach, was tut das gut!!! Endlich nicht mehr nur diese Hofberichterstattung über König Rüttgers und seinen jammervollen Hofstaat lesen zu müssen!!! NRW-Presse und Rundfunk schleimen gleichartig – wenn nicht sogar gleichgeschaltet. Weiter so – Tiger, Panter und Co.!!!!

  • 6 Dieter Preuß // Dez 21, 2009 at 10:47

    Die kritischen Anmerkungen aus Düsseldorf und dem Rest von NRW wären überzeugender, wären sie nicht mit sichtlichem Schaum vor der ansonsten spitzen Feder geschrieben! Wie tief müssen immer noch die Schmerzen sitzen, die die WAZ-Oberen den ehemals verantwortlichen Schreibern zugefügt haben? Die persönlichen Spitzen gegen den ehemaligen Chef wegen dessen Körperfülle und andere äußerlichen Gebrechen und innerlichen Schwächen der Politiker und der journalistischen Claqueure empfinde ich als unangemessen mies. Der nachrichtliche Inhalt des Geschreibsels ist dürftig und kritischen Journalisten eher unwürdig.

  • 7 Hans Lassmann // Jan 9, 2010 at 01:48

    Stimmt es denn etwa nicht, das der Wichter sich – und nicht erst durch den Rei(t)z-Brief an Fokus – unmöglich gemacht hat. Stimmt es etwa nicht, dass Rüttgers landauf-landab nur peinlich hochgeschrieben wird?

    Ich finde es jedenfalls prima, dass Pieper wieder als Schreiber mit spitzer Feder aus dem Ruhestand zurückgekehrt ist. Und ich würde als Insider gerne recherchieren und mitschreiben. Aber dürfen darf ich nicht. Dabei gäbe es gerade über das Binnenverhältnis Rüttgers und Hombach sowie Holthoff-Pförtner noch so viel mitzuteilen. Das ist eine richtige Zweck-Ehe, pardon, nichteingetragene politische Lebensgemeinschaft auf Zeit: Der eine will seine schwindende Macht erhalten, die anderen wollen die Lizenz zum Geld drucken.

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