Friedhelm Ost wurde 1942 in Castrop-Rauxel geboren, ist verheiratet und hat fünf Kinder. Der Volkswirt ging zunächst in den Journalismus, war Leiter der ZDF-Wirtschaftsredaktion, wurde von Bundeskanzler Helmut Kohl zum Regierungssprecher berufen, zog anschließend für die CDU in den Bundestag und leitete als Vorsitzender den Wirtschaftsausschuss. Der bekennende Fan von Borussia Dortmund berät heute Unternehmen und lebt in Bad Honnef am Rhein. Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Die jüngsten Krisen sind noch längst nicht gemeistert. Allzu gierige Bankenführer haben die Welt an den Rand eines Zusammenbruchs des Finanzsystems geführt. Nur das entschlossene Handeln der Politiker in Washington, Berlin und anderswo konnte ein Desaster wie vor 80 Jahren vermeiden.
Das von einigen Managern verursachte Beben war nur mit vielen hundert Milliarden Euro zu beruhigen. Von der Commerzbank über die Hypo Real Estate bis hin zu den meisten Landesbanken waren Katastrophenmeldungen zu vernehmen. Die Nachbeben sind bis heute zu spüren. “Bad banks” müssen als Deponien für den Müll toxischer Wertpapiere gegründet, viele Milliarden Euro noch abgeschrieben werden. Während sich die Finanzminister an die teure Schadensregulierung machen, fordern einige Manager aus Banken, die nur durch staatliche Hilfen überlebten, wieder höhere Boni-Zahlungen und wehren sich gegen schärfere Regulierungen ihrer Geschäfte.
Nicht allein die Vorstände des feinen Finanzgewerbes stehen im Fokus schier unbegreifbarer Ereignisse. Aus renommierten Konzernen wurden Korruptionsfälle bekannt – bei Siemens ebenso wie bei MAN. Spitzenleute – wie etwa Klaus Zumwinkel von der Post – entpuppten sich als grandiose Steuerbetrüger. Und was vor einiger Zeit der VW-Personalvorstand und einige Betriebsräte inszenierten, war schier unfassbar. Ebenso tun sich andere Unternehmen – von Lidl bis Schlecker – mit der Bespitzelung von Mitarbeitern, mit Lohndumping und mit der Einschüchterung ihres Personals hervor.
Gier, Korruption, Steuerbetrug, Untreue und anderes Fehlverhalten – auch Kartellabsprachen gegen die Verbraucher – sind die Ursachen einer tiefen Vertrauenskrise, in der sich die Soziale Marktwirtschaft und in zunehmendem Maße auch unsere Demokratie befinden. Zu Beginn des Jahres 2010 hat die Bertelsmann-Stiftung eine Studie auf der Basis einer repräsentativen Umfrage veröffentlicht: Danach wünscht sich mittlerweile fast jeder zweite Bundesbürger einen “Systemwechsel” in Bezug auf die Demokratie und Soziale Marktwirtschaft. 70 % (!) der Bürger haben kaum noch Vertrauen in die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft.
Gewiss, es waren immer nur Einzelfälle, die mit ihrem groben Fehlverhalten zu diesem Vertrauensverlust beitrugen. Angesichts von insgesamt 4 Millionen Firmen, Mittelständlern und Selbständigen Existenzen mag man das relativieren, doch alles Schönreden hilft nicht weiter. Die “schwarzen Schafe” gehören an den öffentlichen Pranger – nicht nur der Medien. Vielmehr sind vor allem klare Aussagen seitens der Politik und der Verbände sowie anderer Unternehmer oder Banker dringend erforderlich. Mit vornehmer Leisetreterei ist kein Staat zu machen – weder für unser politisches noch für unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.
Unsere Soziale Marktwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als eine sehr erfolgreiche Ordnung bewährt. Im Wettbewerb der Systeme hat sie gesiegt – über jede Spielart des Sozialismus und des Kapitalismus. Sie ist indessen nicht die total freie Marktwirtschaft eines liberalistischen Freibeutertums und auch nicht das völlig freie Spiel der Kräfte. Die Soziale Marktwirtschaft hat tiefe ethische und religiöse Wurzeln; sie ist als Ordnung ganz in den Dienst der Freiheit und der Würde des Menschen gestellt. Die sozial verpflichtende Marktwirtschaft stellt den Wert eines jeden Menschen obenan und lässt der Leistung des Einzelnen auch den verdienten Ertrag zukommen; so lautete das Vermächtnis von Ludwig Erhard, dem Vater dieser Ordnung. Maßhalten, Gemeinsinn und Achtung vor der Würde des anderen sind Elemente dieses stabilen und lebendigen und humanen Gesamtsystems.
Einer der wenigen renommierten Männer der deutschen Wirtschaft, die sich zu den jüngsten Fehlentwicklungen offen zu Wort gemeldet haben, ist der Vorsitzende der RAG-Stiftung, Wilhelm Bonse-Geuking: “Weil ethische Grundsätze seit geraumer Zeit nichts gelten, kam es zu der gegenwärtigen Krise. Sie ist zu bewältigen und künftig zu verhindern, wenn sich jede Führungskraft in der Wirtschaft ihrer Verantwortung gegenüber dem ihr anvertrauten Kapital und der Gesellschaft, von der sie selbst abhängig ist, bewusst ist.”
Deutschlands wichtigstes Kapital - das sind die Menschen, die im täglichen Miteinander in den Unternehmen den Wohlstand für alle erarbeiten. Ohne Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wird dies auch in Zukunft nicht möglich sein, doch gilt es mehr denn je, dafür wieder eine breite Vertrauensbasis zu schaffen.











7 Antworten bis jetzt ↓
1 Schönemark // Jan 25, 2010 at 16:24
Für eine Marktwirtschaft, in der die Schwachen schutzlos der brutalst möglichen Ausbeutung durch die Share-Holder und deren gierigen Statthalter ausgesetzt sind, ist das Adjektiv sozial wirklich nicht angebracht. Bei dieser Gelegenheit sollte darauf hingewiesen werden, dass der Erfinder der sozialen Marktwirtschaft Alfred Müller-Armac und nicht Ludwig Erhardt war.
2 Hartmud Scholz // Jan 25, 2010 at 19:38
Es ist richtig,die die Politik besonder die Sozialdemokratische und auch viele teile der CDU,müssen wieder Vertrauen schaffen,aufhören mit beschönigen der Lage.Sozial und Solidarität,müssen wieder im Vordergrund stehen.Die Politik sollte einsehen das die Gier und Maßlosigkeit ,einiger Menschen,der ganzen Menschheit schadet.Bei der FDP ist Hopfen und Malz verloren die Paar Menschen die in der Partei noch ein Soziales Gewissen haben,haben leider schon ein hohes Alter,bei den Westerwelles ist das Motto gebt denen die Viel haben die werden es schon richten.Nein die Politik muss wieder Glaubwürdig werden .Dann können wir das Volk Politik und die Wirtschaft dieses richten.Also wieder soziale Marktwirtschaft und soziales Gewissen,das schaft vertrauen.
3 matthias // Mrz 18, 2010 at 01:27
1796 die Bank von England in privaten Händen.
1913 die FED (Amerikanische Zentralbank) in
privaten Händen. Die deutsche Bundesbank in
privaten Händen. Die Geldmenge wird von
Familien festgelegt. Zins und Zinsenzins. Herr
Ost weis es besser.
Alle Probleme stammen vom privaten Bank- und
Geldsystem.
Der Staat muss das Geld heraus geben – nicht
private Zentralbanken. Damit wären alle Probleme beseitigt. Wer die Geldmenge beherrscht und Geld aus dem nichts macht,
der beherrscht auch die Wirtschaft.
4 Carlos // Apr 12, 2010 at 12:54
“Unsere Soziale Marktwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als eine sehr erfolgreiche Ordnung bewährt.”
Entschuldigen Sie bitte, aber das, was Sie “soziale Marktwirtschaft” nennen, das wurde in den letzten Jahrzehnten ABGESCHAFFT!
Es wäre nicht an der Zeit “Vertrauen zu schaffen”, sondern die drängenden Probleme unseres Landes, frei von machttaktischen Überlegungen, ergebnisoffen anzugehen.
Vertrauen in die Politik und Wirtschaft kommt dann von ganz alleine.
5 Mario // Mai 7, 2010 at 16:23
Herr Ost erkennt das Problem genau: Die Ethik ist der Schlüssel.
Wenn Niemand die ethischen Grundsätze im sozialen Miteinander achtet werden auch unsere Gesetze irrelevant – erst brennen Autos, dann werden (wie im Südamerika) Menschen getötet.
Ignoranz ist keine Lösung ; und wenn man sich die englischen Verhältnisse anguckt sind 99% des Kingdoms gegen das Investmentbanking-Establishment der Londener Innercity (vielleicht ändert England erneut die Welt mit einer ‘neuen Aufklärung’ nach der Wahl – haircuts für boni.).
6 Knürpsel // Mai 14, 2010 at 16:53
Unfaßbar, dieser totale Realitätsverlust in den Reihen der CDU.
Soziale Marktwirtschaft = Sozialer Kapitalismus
Ein Widerspruch in sich. Wie kann etwas sozial sein, das einzig dem Profit unterworfen ist? Eine Marktwirtschaft ist niemals sozial, aber sie sollte eigentlich durch das Sozialstaatsprinzip reguliert werden. Das aber ist genauso gründlich mißlungen, wie die Regulierung des Finanzwesens.
Dieser Pseudosoziale Kapitalismus hat also religiöse und ethische Wurzeln? Nun ja, die Religionen mischen da auch ganz schön hemmungslos mit, das ist kaum zu bestreiten. Was aber Kapitalismus mit Ethik zu tun hat, das erschließt sich wohl nur der CDU.
Aber es wird ja noch besser. Der Pseudosoziale Kapitalismus sei als Ordnung in den Dienst der Freiheit und Würde des Menschen gestellt, heißt es da. Nun denn, da habe ich beim Humankapital wohl etwas nicht richtig verstanden. Arbeitszwang und Tafeln können damit ja wohl nicht gemeint sein.
Und weiter heißt es, die sozial verpflichtende Marktwirtschaft – halt, da stimmt doch etwas nicht. Müßte es nicht heißen, die sozial verpflichtete Marktwirtschaft? Na ja, ist bestimmt nur ein Flüchtigkeitsfehler. Also, der Soziale Kapitalismus stellt also den Wert des Einzelnen obenan und läßt der Leistung des Einzelnen den verdienten Ertrag zukommen. Ja, das kenne ich, das hieß vor einiger Zeit noch “Jedem das Seine”. Oder war es “Arbeit macht frei”? Wie dem auch sei, Leistung soll sich doch wieder lohnen, daher ja auch die zunehmende Armut im Land. Wer nichts leistet, der hat eben auch keinen Wert und bekommt das, was ihm zusteht. Jeder ist eben seines Glückes Schmied. Nee, irgendetwas stimmt hier doch nicht, oder?
“Maßhalten, Gemeinsinn und Achtung vor der Würde des anderen sind Elemente dieses stabilen und lebendigen und humanen Gesamtsystems”, heißt es weiter. Ja, das Maßhalten fällt dem gemeinen Bürger immer leichter, sein Gemeinsinn spiegelt sich deutlich in den Milliarden für die Opfer in Banken und Wirtschaft wieder, deren Würde wahrhaft mit Füßen getreten wurde. Das ist wirklich human. Und sollte es mit der Stabilität doch nicht so hinkommen, dann haben wir ja noch die Bundeswehr. Die wird den Pseudosozialen Kapitalismus schon stabil halten – im Ernstfall.
Und dann wird der Bock endgültig zum Gärtner gemacht, wie man so sagt. Da soll also die Führungskraft sich ihrer Verantwortung bewußt werden und sich ethisch verhalten. Und ich hatte gedacht, das hätten sie doch, das sei der Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft. Aber nun gut, so einen sozialen Führer, den hatten wir doch auch schon einmal, der kam allerdings aus einer Arbeiterpartei oder so, nicht aus der CDU. Hat aber trotzdem nicht geklappt, so weit ich weiß.
Wohlstand für alle durch das Humankapital? Für alle? Wirklich? Hieß es nicht, der Wert des Menschen richte sich nach seiner Leistung, er bekäme das, was er verdiene? Das sei gerecht? Der Kommunismus sei tot? Und nun, nun ist da von Solidarität die Rede, von Freiheit?
Nein wirklich, ich verstehe das nicht mehr, das ist mir zu hoch, da muß ich passen. Aber egal, ich habe jetzt doch keine Zeit mehr. Ich muß meiner sozialdarwinistisch definierten natürlichen Pflichterfüllung nachkommen – in der Sozialen Marktwirtschaft.
7 Knudud_Knudsen // Aug 2, 2010 at 15:25
Deutschlands wichtigstes Kapital – das sind die Menschen,…….
Die Generation Praktikum..der Schrei nach Geburtenüberschuss..und die traurige Wahrheit
-oder wie ein Volk stirbt..
Der Untergang der abendländischen Gesellschaften ist schon lange eingeläutet und die Protagonisten feiern sich immer noch als ob nichts geschehen wäre.
Hochqualifizierte junge Leute,oft von Eliteuniversitäten mit Prädikatsdiplom dümpeln,falls sie überhaupt eine Anstellung bekommen,in sich ständig verlängerten Praktikantenpositionen vor sich hin und werden ausgelutscht um dann entsorgt zu werden. Junge Menschen mit Einwanderungshintergrund bekamen erst gar keine Chance,denn wer kann schon,in Unkenntnis der Unterrichtssprache,einem Wissen vermittelnden Stoff folgen.
Die Globalisierung hat die Karten neu verteilt. Deutschland,Weltmeister des Exportes war auch Weltmeister im Export von Arbeitsplätzen und Know How.Wir bluten langsam,gehemmt noch durch unsere enormen Sparrücklagen,aus. Die Rate an jugendlichen und jungen Selbstmördern hat beängstigende Zahlen erreicht und die Politik schläft den Schlaf der Ungerechten.
Wie soll vor diesem Hintergrund bei jungen Menschen eine Zukunftsplanung erfolgen?
Wer keine planbare Zukunft hat der kann diese auch nicht gestalten,von Nachwuchs kann da,verständlicherweise,keine Rede mehr sein.Stattdessen haben wir uns,wie im Fussball,auswärtige Player millionenfach ins Land geholt,ungebildet aber vermehrungsfreudig und mit anderen kulturellen Wurzeln. So verändert sich langsam das Gesicht der westlichen Kulturgesellschaften und Alle schauen weg.
Es kann vermutete werden,dass der Satz an Hochgebildeten ,die hoffnungslos sind, weiter zunimmt und man möchte ihnen zurufen:
„Formiert Euch..macht kaputt was Euch kaputt macht“
Knud
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