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Mensch Hannelore

10. Januar 2010 · von Theobald Tiger

Kraft3

Foto: SPD NRW.de

Hoch hinaus strebt Hannelore Kraft in diesem Jahr. In die 10. Etage des Düsseldorfer Stadttores will sie einziehen. Ins Eckzimmer mit dem freien Blick auf Rhein und Landtag. Das Zimmer des Ministerpräsidenten, pardon, der Ministerpräsidentin ist ihr Ziel. Am 9. Mai, also in vier Monaten, sollen die Nordrhein-Westfalen das beschließen, per Wahl. In der vergangenen Woche schnupperte die sozialdemokratische Spitzenkandidatin schon mal Höhenluft. 4. Etage, Mansarde, hinterste Ecke, ein Tischgeviert für ca. 20 Personen, SPD-Parteizentrale in Düsseldorf. Hinterzimmer-Romantik unterm Dach. Da kennen sich die Genossen aus. Krafts Start ins Wahljahr geriet zum Düsseldorfer R(h)einfall.

Jahresauftakt-Pressekonferenz. 40, 50 Kollegen sind gekommen, allein das ZDF soll in Mannschaftsstärke da gewesen sein, der WDR sowieso. Korrespondenten von Süddeutscher, FAZ, Welt, alle Regionalblätter – nur Spiegel und Focus fehlten. Mit einem solchen Andrang hat die Spitzenfrau der NRW-SPD wohl nicht gerechnet. Warum auch? Sonst kamen ja auch nur die paar Getreuen. Also beginnt sie schon vor der Zeit, als alle Stühle am Tisch besetzt sind, ihre Botschaften auszubreiten. Derweil transportieren fleißige Parteiarbeiter im langsamsten Aufzug Düsseldorfs weitere Stühle ins Dachgeschoss. Die Journalisten stehen lieber, sonst sehen und hören sie nichts von der hinter weiß getünchten Dachbalken in lila Kostüm-Jäckchen referierenden Kraft.

Organisationschaos oder gewollte Inszenierung? Die Herausforderin jedenfalls muss sich bei so viel Andrang gefühlt haben wie Obama im Wahlkampf. Wie bei einem US-Frühstück reichen ihre Mitarbeiter aus Pappschachteln trockene Muffins zum Kaffee. Rührei und Speck fehlen. Die erste Genossin des Landes liefert fade Hausmannskost anstatt eines saftigen Menus. Kein Hauch von Obamin.

Neue Ideen für das Land, eine Strategie für die Zukunft ihrer Partei, mit wem sie regieren will –  sie gibt keine Antworten. Im Gegenteil: sie beteilige sich nicht an der „Ausschließeritis“ tut sie kund. Was für ein Wort, was für eine Aussage. Heißt doch nur, mit Hannelore Kraft ist alles möglich. Rot-Rot, das Schreckgespenst, das die CDU von der SPD und ihrer Chefin zeichnet, kriecht durch die Luken in die Dachkammer der SPD. Was in vier Monaten ist, könne sie heute noch nicht sagen. Heute, also im Januar 2010, seien die Linken „nicht koalitionsfähig“. Aber im Mai . . .

Bis zum 9. Mai sind es noch ein paar Tage, ab heute zählen wir noch 119. Da kann ja noch einiges passieren. “Tatkraft” will sie zeigen. Hannelore Kraft will Mensch sein. Sie sucht die Begegnungen mit dem Volk, sie besucht Unternehmen, spricht mit den Chefs, den Angestellten und Arbeitern (wie einst Peer Steinbrück). Und anschließend berichtet sie davon. Denn beobachten lässt sie sich auf ihrer Tour „Von Mensch zu Mensch“ nicht. Abends präsentiert sie sich dann einem ausgewählten, eingeladenen Kreis als Mensch Hannelore Kraft aus Mülheim an der Ruhr. So macht man sich bekannt – denkt sie. Kleiner Kreis, abgeschlossene Räume. Hinterzimmer. SPD eben.

119 Tage Wahlkampf im Verborgenen. Das ist eine Strategie, auf die man erst einmal kommen muss. Die menschelnde Reise durchs Land, das hat Jürgen Rüttgers schon 2005 erfunden, da war er „nah bei den Menschen“. Doch dabei ließ er sich beobachten. Seine Kontrahentin hat nur einen Parteifotografen dabei, der nun die Fotos der Veranstaltung vom Vortag in Duisburg per Beamer an die Wand projiziert.

Was hat da nur der aufgeregte Hendrik Wüst für Sorgen? Der CDU-General, der tags zuvor von seinen Parteigranden in der Landesliste auf einen der hinteren Plätze geschoben wurde, poltert los und faselt vom „peinlichen Frühstart in den Wahlkampf“ der SPD. Vielleicht aber wollte er nur ablenken vom richtigen Wahlkampfauftakt seines Chef. Denn Jürgen Rüttgers lässt sich an diesem Wochenende geschickt ins Bild setzen. Freitag und Samstag als Landesvater bei der Eröffnung der Kulturhauptstadt 2010 im Revier. Und am Sonntagabend als Spendenonkel an der Seite des rumänisch-deutschen Barden Peter Maffay. Sammeln für Kinder im Swisshotel in Neuss. Das macht sich gut; und hat gar nichts mit Wahlkampf zu tun.

Das dachte sich wohl auch Sigmar Gabriel, der SPD-Vorsitzende. Denn der Genosse Sigi ließ sich auch von Maffay für den guten Zweck einspannen und servierte als Promi-Kellner das Menu dem Schirmherrn Jürgen Rüttgers. Wie ging noch mal die Geschichte von Koch und Kellner? Da sollte man genau drauf achten… Besonders in Wahlkampfzeiten.

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2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Beldar // Jan 10, 2010 at 18:23

    Was soll die arme Hannelore denn tun. Die regionalen Print-Medien dürfen ja nicht berichten. Dem WDR wurde offenbar eine Auszeit verordnet und er fügt sich. Die beiden TV-Lokalsender sind ja direkt der CDU-Parteizentrale untergeordnet. Also bleibt doch nur, so zu tun, als würde alles gut. Natürlich fehlen Hannelore Kraft die Konzepte und die Unterstützung der frustrierten Basis. Aber: das kleinere Übel ist sie doch allemal. Schlechter als schwarz-gelb kann man doch Landespolitik nicht machen. Und der Ausverkauf NRWs (siehe WestLB) sollte nicht weitergehen. 10 Jahre Rüttgers in Düsseldorf – Das wäre das Ende!

  • 2 wechselwunsch2010 // Jan 10, 2010 at 18:34

    Mensch Tiger, lieber Hinterzimmer als ständig Petersberg! Parteihistorisch ist das Hinterzimmer die Basisstube der Sozialdemokraten. “Zurück zu den Wurzeln” ist die richtige Strategie nach dem Kanzler der Bosse und der ungeliebten Harz IV Agenda.
    Hannelore Kraft muss die kleinen Leute zurückerobern und nicht die Yuppie -Journalisten in Düsseldorf.

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