Es war ein tumultartiger Parteitag, der am 13. Januar 1980 in der Karlsruher Stadthalle zur Gründung der Partei “Die Grünen” führte. Gegründet wurde die Partei als eine Protest-Bewegung, als eine Anti-Parteien-Partei. Die Presse urteilte: Tohubawohu, Krimi, Karneval.
Was für eine Veranstaltung! 1004 Delegierte drängten sich in die viel zu kleine Stadthalle der badischen Stadt. 1004 stand für das Bohrloch in Gorleben, Symbol des Widerstands der Anti-Atombewegung. In Karlsruhe hatte der “Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz(BBU) seinen Sitz. Und in Baden-Württemberg fanden die nächsten Landtagswahlen statt.
Ein einziger Stuhl war freigehalten worden, der für Rudi Dutschke. Der einstige Studentenführer hatte sich den Grünen angeschlossen, war aber am Heiligen Abend 1979, wenige Tage vor dem Kongress an den Spätfolgen des Attentats aus dem Jahre 1968 gestorben. Damit hatte sich eigentlich das Sammlungsmotto für die Bunten und Roten und Grauen erledigt. Denn das Motto hieß “Von Gruhl bis Dutschke”.
Herbert Gruhl war vordem CDU-Bundestagsabgeordneter und hatte sich als Autor des Buches “Ein Planet wird geplündert” einen Namen gemacht.
Dieser Gruhl sprach nun die Begrüßungsworte. “Meine Damen und Herren!” Weiter kam er nicht. Das Präsidium belehrte ihn: “Liebe Freundinnen und Freunde!” Also sagte Gruhl die Formel nach: “Liebe Freundinnen und Freunde unserer grünen Bewegung.”
In Karlsruhe war alles vertreten, was irgendwo am Rande protestierte, gegen irgendetwas war oder für etwas lärmte. Kommunisten, Bürgeraktivisten, Vertreter der Anti-Atom- und der Anti-Nato-Bewegung, Punks saßen neben Schlipsträgern, Konservative neben ehemaligen Gewerkschaftler, Umweltfreunde waren da, Vertreter, die die deutsche Scholle verehrten, katholische Entwicklungsgruppen, Feministinnen. Und wie alle hießen.
Es fehlte nicht an bekannten Namen. Der Künstler Joseph Beuys, der Dissident Rudolf Bahro, der im DDR-Gefängnis Bautzen gesessen hatte, der DDR-Philosoph Wolfgang Harich, der Schriftsteller Carl Amery, der Gewerkschaftler Willi Hoss, dessen Tochter heute eine bekannte Schauspielerin ist, Petra Kelly, Otto Schily, der aber nicht ans Rednerpult ging, der Ökobauer Baldur Springmann in seinem bunten Russenkittel. Joschka Fischer stieß erst später zu den Grünen.
Die Zeit für eine solche Gründung schien günstig: Gerade war die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert, die Nato hatte ihren Doppelbeschluss zur Nachrüstung verkündet, im USA-Atommeiler Harrisburg hatte es einen Unfall gegeben. Also donnerte August Haußleiter vom Podium: “Wir erleben in diesem Augenblick den Aufmarsch, das Vorstadium zum dritten Weltkrieg.”
Im Saal herrschte Rauchverbot, stattdessen wurde überall gestrickt. Es wurde diskutiert, geschrieen, gedroht. Chaos. Plötzlich zogen 254 nichtberechtigte Delegierte in den Saal. Sie wollten an der Gründung mitwirken. Man stritt stundenlang über die Doppelmitgliedschaft, beschloss die Rotation und das Verbot der Ämterhäufung.
Unzählige Anträge wurden gestellt, nicht behandelt, abgelehnt. Ein namenloser Delegierter forderte: “Mindestens ein Viertel der Kandidaten sollen solche Frauen und Männer sein, die eigenhändig Kinder großgezogen haben und nicht unglücklich gemacht haben.” Der Antrag kam nicht zur Abstimmung.
Minderjährige Angehörige einer illegalen “Indianerkommune” in rot gefärbten Haaren verlangten von den Delegierten, die Schulpflicht abzuschaffen, freie Liebe und das Recht auf Ausziehen von zu Hause ab zwölf Jahren. Wilhelm Knabe, Versammlungsleiter, bat die anwesenden 300 Journalisten, wenn möglich diese Forderungen nicht als Ausdruck grüner Aktivitäten zu werten.
Einem Präsidiumsmitglied war der tumultartige Ablauf auf die Nerven gegangen. “Ich fürchte, dass selbst die gewaltfreiesten Mitglieder der Versammlung nach und nach zu Flaschen greifen, wenn noch viele Geschäftsordnungsanträge gestellt werden.”
Am Ende stoppte ein Witzbold heimlich die große Saalruhr, um zu verhindern, dass Delegierte voreilig zu den Zügen eilten. Denn darin steckte ein großes Problem. Der letzte Zug nach Norddeutschland fuhr um 17.56 Uhr. “Zum Bahnhof brauchen wir 20 Minuten”, baten Delegierte um Verständnis, dass man sich nun beeilen müsse. “Und wir haben Gehbehinderte dabei”, schob der Mann nach. Abstimmung per Hand, Zwei-Drittel-Mehrheit geschafft, Inhalte auf den nächsten Parteitag verschoben. Man lag sich in den Armen und skandierte: Weg mit dem Atomprogramm.
Die Öffentlichkeit schüttelte über die Grünen den Kopf. Chefredakteure platzierten die Stories ihrer Korrespondenten auf die bunte Seite. Begründung: Das sei nur Klamauk und keine Politik. Die “Zeit” befand: “Karlsruhe hat die Untauglichkeit der grünen Bewegung bewiesen.”










1 Antwort bis jetzt ↓
1 Wunderlich // Jan 17, 2010 at 11:22
Ich danke für diese nette Rückschau! Das liest sich interessanter, als viele Kommentare zu den Grünen aus den hiesigen Tageszeitungen.
Hinterlasse einen Kommentar