Die Reaktion war genauso, wie wir sie vorhergesagt haben: Nach dem erneuten Ausbruch aus einer nordrhein-westfälischen Haftanstalt – dieses Mal in Münster – antwortet die Landesregierung, wie immer. `Unter rot-grün war es schlimmer´, ist alles, was Jürgen Rüttgers dazu einfällt, dem die entsprechende Nachfrage bei seiner Neujahrspressekonferenz überhaupt nicht gepasst hat, weil ihm alle kritischen Fragen missfallen und er es auch offen zeigt. Den Satz “unter rot-grün war alles schlimmer” hat er von seiner Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter, deren Regierungsarbeit sich auch im fünften Jahr schwarz-gelb darauf beschränkt, rot-grün für alle Mängel verantwortlich zu machen und selbst abzutauchen. Oder eine Kommission einzusetzen, wie sie es jetzt im Fall der Haftanstalt Aachen gemacht hat; wo die beiden Schwerverbrecher Heckhoff und Michalski Ende November unter bisher nicht geklärten Umständen entfliehen konnten und erst eine Woche später wieder eingefangen wurden. Weil es so gut passt, soll die Kommission jetzt auch gleich die Zustände in Münster untersuchen.
Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch. Wenn die Frau nicht ein äußerst taktisches Verhältnis zur Realität und zum Rechtsstaat hätte, könnte sie es längst besser wissen.
Erstens: die Haftanstalt in Münster ist 150 Jahre alt und dringend renovierungsbedürftig. Man braucht keine Kommission, um das festzustellen; es würde reichen, sich den Bau anzuschauen. “Knackis flüchten über Regenrinne”, titeln die Kollegen der Bild Zeitung und liefern dann alle Details über marode und angerostete Gitter, die längst nicht mehr heutigen Standards entsprechen. Den beiden flüchtigen Häftlingen reichte eine simple Eisensäge aus der Werkstatt, um das Hindernis zu überwinden. Und was sagt die Ministerin: “Es gibt weder strukturelle Mängel, noch ist es Pech in der Sache”. Das ist falsch. Hätte man hat die Gitter rechtzeitig gegen härtere Metalle ausgetauscht, wie sie heute in anderen Haftanstalten verwendet werden, säßen die beiden noch in Haft.
Zweitens: diese Ministerin feiert sich für die vielen neuen Stellen, die sie im Gefängnisbereich geschaffen hat. Lassen wir die Zahlen sprechen. Unter rot-grün ist die Zahl der Mitarbeiter in NRW Gefängnissen von 1999 bis 2005 um 355 Stellen auf 7211 gestiegen. Unter schwarz-gelb werden nach dem gültigen Haushaltsplan bis Ende 2010 insgesamt 7550 Menschen in den Gefängnissen arbeiten, das entspricht einem Plus von 339 Stellen. Wer es ganz genau haben: das sind 4,7 Prozent mehr. Das ist mehr als nichts, aber eben bei weitem nicht das, was der Sektor braucht. Bei einem Krankenstand von zum Teil weit über 10 Prozent fordern die Gewerkschaften sofort mindestens 700 neue Mitarbeiter, um die schlimmsten Missstände abzustellen. Wer weiß, wie die 339 neuen Stellen zustanden gekommen sind, wundert sich nicht mehr über die Klagen des Personals. 250 Stellen wurden für die neue Haftanstalt Wuppertal gebraucht, 80 Stellen sind für 150 neue Haftplätze in Büren reserviert gewesen. Unter dem Strich heißt das: in den anderen Gefängnissen gibt es nichts, gar nichts. Weil die Belastung gestiegen ist, liegt der Krankenstand so hoch. Die Ministerin nimmt das nicht zur Kenntnis. Sie garniert jede ihrer Reden mit den vielen neuen Stellen, die sie geschaffen hat. Das ist Realtitätsverweigerung.
Drittens: sie hat ein taktisches Verhältnis zum Rechtsstaat. Als Heckhof und Michalski ausbrachen, wusste sie wenige Stunden später, woran es gelegen hatte. Nein, natürlich war es nicht der Personalmangel oder sonst irgendetwas, was sie zu verantworten haben könnte. Es war – so wörtlich – ein “hochkrimineller” Mitarbeiter. Für eine ehemalige Richterin ist das ein bemerkenswerter Satz. In der Tat steht ein Mitarbeiter aus Aachen unter Verdacht und wurde verhaftet, aber die Sachlage ist längst nicht so klar, wie es die Ministerin Glauben machen wollte; außerdem ist der Mann noch nicht verurteilt. Die Unschuldsvermutung verkommt so zur taktischen Manövriermasse für eine Ministerin unter politischem Druck.
Im Fall Herford ist es genau anders herum. Ob es im dortigen Jugendgefängnis wirklich Folter gegeben hat, wie ein 16 jähriger behauptet, der bis zum Wochenende in der Türkei bei einer Resozialisierungsmaßnahme weilt, kann im Moment niemand belastbar wissen. Die Ministerin nutzt in diesem Fall aber die Unschuldsvermutung, um ihre Untätigkeit und den mangelnden Eifer der Staatsanwaltschaft zu entschuldigen, die die Ermittlungen nach fünf Monaten noch nicht zu Ende gebracht hat. Und wenn die Opposition sie attackiert, argumentiert sie mit dem Fall Gelsenkirchen, wo es im März 2008 die Misshandlung eines Gefangenen durch einen Zellengenossen gegeben hat. “Durch die Opposition aufgebauscht”, lautet das Urteil der Ministerin. Dabei wurde ein Häftling im Juni des vergangenen Jahres vom Landgericht Essen wegen der Vorgänge zu zwei Jahren und sechs Monaten zusätzlich zu seiner schon bestehenden Strafe verurteilt. Dem Betroffenen wurden Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung nachgewiesen. Die Gefängnisleitung wurde anschließend ausgetauscht. Alles nur aufgebauscht?
Quelle des Fotos: http://www.justiz.nrw.de/Presse/index.php










4 Antworten bis jetzt ↓
1 Franz Stäbchen // Jan 20, 2010 at 18:24
Werter “Ignaz Wrobel”, zweifelsohne wirft die Häufung der Zwischenfälle in der NRW-Justiz Fragen auf. Diese stelle ich mir auch. Aber die Art und Weise, in der Sie hier als “Käptn-Oberschlaubischlumpf” auftreten, finde ich einfach nur zum Kotzen – nach dem Motto: >>Gibbet Probleme inne Knäste, frag Onkel Ignaz, der is der Beste!<<
2 wut2010 // Jan 20, 2010 at 20:22
Endlich mal eine Analyse, die dem Geschwafel von Frau Müller Piepenkötter Fakten entgegen setzen. Sieht man doch jetzt, das alle Äußerungen nur Schönfärberei sind, wie schief die Lage in diesem sonst so stillen Ressort ist, wie fehlbesetzt der Ministerposten. Rüttgers, der ja bisher auch alles zugedeckt, abgewehrt oder verleumdet hat, nun endlich Führungsstärke zeigen muss und dieses wurschteln endlich beendet. Bravo!
3 Beldar // Jan 21, 2010 at 00:18
Interessiert das noch jemanden in NRW. Das ist doch mittlerweile fast wie zu den besten Kohlschen Zeiten. Probleme werden nicht gelöst sondern ausgesessen. Die meinungsbildenden Medien sind blind und/oder taub. Und selbstherrliche Journalisten, für die Meinungsfreiheit, Unabhängigkeit und objektive Berichterstattung Fremdworte sind, wie Markwort , Reitz oder Gössmann, sorgen dafür, dass es im Lande publzistisch ruhig bleibt. Dann kann die Justizministerin und Ihr Chef 100% drauf bauen. Übrigens: Focus-Gott Markwort ist Aufsichtsratsvorsitzender von Playboy Deutschland und FDP-Mitglied. WAZ-Reitz kommt von der RP , RP-Gössmann von der Bild. Und das Abendland geht seinem Ende entgegen. Zumindest journalistisch. Bis dahin lesen wir aber Blogs, wie Euren!
4 RSG Hörer // Mai 7, 2010 at 12:22
Im Radio RSG (”Radio Remscheid Solingen” Webseite: http://www.radiorsg.de/) lief heute Morgen zwischen 06:30 und 07:00 Uhr ein Bericht zu weiteren Justiz-Vorfällen in der JVA Remscheid (”Liebeszellenmord”). Der/die Redakteur/in recherchierte offenbar seit einigen Tagen in dem Fall/den Fällen. Eine Auskunft wurde dem Radiosender vom Justizministerium verwehrt.
Dafür ereilte den Radiosender ein Anruf aus der CDU-Kreisgeschäftsstelle Remscheid (für die CDU-Remscheid tritt Justizministern Müller-Piepenkötter als Landtagskandidatin an). Der Bericht wird nun nicht mehr vor der Wahl gesendet. Eine Auskunft beim Radiosender bekommt man auch nicht mehr (zwischenzeitig nur durch die Chefredaktion, nicht die/den Redakteur/in des Beitrags).
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