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Blattkritik: Anschieben, Foto, und weg!

17. Februar 2010 · von Kaspar Hauser

Es war nicht gerade die Woche aktivster politischer Berichterstattung in NRW, wenn man mal von dem Verbal-Amok redenden lupeWesterwelle absieht. In dieser Sache waren sich die Kommentatoren einig: Offensichtlich aus einer Panikattacke heraus versucht der Ober-Liberale auf Kosten der Hartz-IV-Empfänger sein besserverdienendes Klientel zu beruhigen, dass die FDP nicht in alte Zeiten zurückfällt und statt Mövenpick- zur Umfaller-Partei mutiert. Nur BILD versuchte ein wenig Verständnis zu zeigen, die WELT fand im Laufe der Woche ein paar Sympatisanten, mehr Unterschied war allerdings nicht zu erkennen.

Darum wenden wir uns der Rüttgerschen Schneeshow zu, die einem klassischen Hollywoodstreifen mit Johne Wayne ähnelt. Ein Washingtoner Hotel - von der Außenwelt abgeschnitten – beherbergt eine Gemeinschaft mit sehr unterschiedlichen Interessen. Einen NRW-Führer, der sich eine „Bildungsreise“ auf Steuerkosten verordnet hat und nun dringend die Belege erarbeiten muss, damit der Steuerzahler nicht auf die Idee kommt,  das ganze als Wahlkampf-Foto-Beschaffungstour zu entlarven. Dazu seine Adjutanten, die dem launischen Chef alle Unbequemlichkeiten beiseite räumen wollen, nun aber vor übermenschlichen Probleme gestellt sind und von den amerikanischen Freunden nur müde belächelt werden, wenn sie fragen, wann es denn weiter gehen könnte zu Freund Arnie nach Kalifornien. Und dann die illustre Journalistenschar, bespickt mit Chefredakteuren und Premium-Korrespondenten, die sich eine ganze Woche genommen haben den Pulheimer zu begleiten. Nun saßen sie alle in diesem altehrwürdigen “Hay Adams“ und sprachen zuallererst über den amerikanischen Wetterbericht. So fielen dann auch die ersten Berichte aus, die in der Rheinischen Post wie in der Neuen Westfälischen sogar als eigener Blog auf den Online-Portalen niedergelegt wurden.

Sven Gösmann, Chefredakteur des Hauptstadtblattes, schaffte es ganze achtmal, die weiße Pracht und die Wirkungen auf die nordrheinwestfälische Reisegruppe zu beschreiben.

Ansonsten redete und schrieb er über das, was in der Heimat passierte und der MP kommentierte: Schwarz, Grün, Opel, Hartz IV und die Koalition in Berlin. Gösmann spickte seine Blogs mit leichten Spitzen über Rüttgers, was dem täglichen Rheinischen Post-Leser positiv auffiel …

„Chefblog“ hieß es auf der der Seite der Neuen Westfälischen. Man fragt sich, welcher Volontär sich das  einfallen hat lassen?  Chef-Mitreisender Thomas Seim hatte nach drei uninspiriert formulierten Einträgen offensichtlich keine Lust mehr, es folgte noch eine Zusammenfassung im Blatt. Dabei ging es – wie in der RP  - um Schnee und diverse Heimatthemen. Die angeblichen wichtigen politischen Gespräche des Ministerpräsidenten einer “erfolgreichen USA-Reise” (so die Staatskanzlei) fanden nur am Rande Erwähnung.

Ob Die Welt, die Financial Times Deutschland, der Kölner Stadtanzeiger, der WDR oder die WAZ  -alle gaben sich die Ehre und berichteten ähnlich pflichtschuldig über den US-Trip. Mit dabei auch Der Spiegel in Person des Kollegen Jürgen Dahlkamp. Diese Personalie ist allerdings pikant, denn Rüttgers-Sprecher Wichter hatte am Düsseldorfer Büro vorbei im Berliner Hauptstadtbüro des Magazins um hochkarätige Begleitung gebeten und bekam den kritischen Hamburger Reporter ins Reisegepäck. Eine erste Kostprobe seiner Eindrücke lieferte Dahlkamp in der aktuellen Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins ab: Dass Rüttgers über die leicht süffisanten Zeilen in der Rubrik ”Personalien” glücklich ist, darf bezweifelt werden.

Absoluter Höhepunkt der Berichterstattung war dann das Missgeschick eines Busfahrers, der das sommerbereifte Trossgefährt in eine Schneewehe gesetzt hat. Den  der Verzweifelung nahen Begleiter schickte dieser Vorfall der Himmel. Endlich ein Bild, das nicht dem eines Touristen ähnelt (wie vorm Weißen Haus oder auf dem Capitol Hill). Rüttgers endlich als echter Arbeiterführer, der gleich einen ganzen Bus aus einer Schneewehe zu befreien scheint. Was für eine Schlagzeile! Mit diesem Ereignis hätte sich die Reise dann doch gelohnt. Dankbar wurden die Bilder des zupackenden Ministerpräsidenten nach Deutschland gemailt. Sven Gösmann und dem WDR verdanken wir sogar bewegte Bilder von diesem bewegenden Ereignis, das wir natürlich in der Rubrik ”schon gesehen” dokumentieren.

Man sollte genau zuhören, wie der NRW-Chef seine Kommandos gibt: Wichter hier, Wichter da. Der habe das ja schließlich bei der Bundeswehr gelernt. Leider wurden dann die Kameras ausgeschaltet, als die wahre Geschichte ihfren Lauf nahm: der Bus blieb stecken, die Aktion des Arbeiterführers blieb folgenlos, aber die Bilder waren im Sack. Dann verabschiedete sich Rüttgers von seiner Begleittruppe und stieg in den schneesicheren  4-Wheel-Drive. Der Ministerpräsident ließ sich durchs menschenleere Washington ins Hotel fahren – der Tross stampfte zu Fuß hinterher. Eine Geschichte, die keiner schrieb. Warum eigentlich nicht? Sind da etwa neue Bündnisse im Schneelager entstanden? Wohl nicht.

Die von der Staatskanzlei nach der Rückkehr herausgegebene Pressemitteilung konnten wir nur in der regierungsfreundlichen RP in Kurzform nachlesen. „Es war eine erfolgreiche Reise. Ich konnte viele gute Gespräche führen. Trotz der schwierigen Wetterbedingungen und der Absage der Programmpunkte an der Westküste haben die wichtigsten Termine stattgefunden,“ durfte der Ministerpräsident noch mal sagen. Diesmal ohne spitze Bemerkungen von Reisebegleiter Sven Gösmann. Der pflegte wohl seinen Jet Lag.

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