Für Hannelore Kraft geht es um die Wurst. Scharf geräuchert, fest gepresst in hauchdünnen Kunstdarm wie am Mittwochabend im Freischütz in Schwerte; oder nach Wiener Art, hell und dampfend, tags darauf im Henkelsaal zu Düsseldorf. Die Fastenzeit ist angebrochen, aber die Genossen langen kräftig zu. Sie wollen zulegen und schicken ihre Frontfrau allabendlich über die Dörfer. „Hannelore Kraft wird Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen“, stimmt SPD-Bezirkschef Norbert Römer am Aschermittwoch seine 800 Parteifreunde in dem vollbesetzten Saal des Ausflugslokals an der Schwelle zwischen Pütt und Sauerland ein. Frenetischer Jubel. Keiner denkt hier an die 23 Prozent, die ein Forschungsinstitut der SPD noch am Morgen bundesweit testiert hatte.
In der Düsseldorfer Altstadt, in dem dunklen Raum direkt an der Partymeile, bedarf es keines Einpeitschers. Der nahezu greise Moderator Reinhard Münchenhagen inszeniert eine leise Veranstaltung. Das Publikum kommt aus der gleichen Altersliga. Die SPD mobilisiert in diese Tagen ihre Generation Lassalle, um den „Aufbruch für NRW“ mit der roten Spitzenkandidatin zu dekorieren.
160 Jahre nach Inhaftierung und Verurteilung des legendären Arbeiterführers in Düsseldorf kuschelt die Urururenkelin im lila Kostümjäckchen auf einer weißen Ledercouch, vor sich eine Schale mit frischem Obst, Bananen, Äpfel, Trauben, Ananas. Was das soll, weiß wohl nur die Werbeagentur. Hinten gibt´s Würstchen umsonst. Sonst ist alles in Butter. Aber erst, nachdem sich die Kandidatin und der von ihr bezahlte Befrager am gemeinsamen „Lieblingsland Frankreich, die tollen Weine, das Essen und die wunderbare Sprache“ berauscht haben. „Je ne regrette rien“, entrücken die beiden auf den weißen Sofas in ihre eigene Welt. Sie bereuen nichts. Auch die 400 herangekarrten SPD-Fans, zumeist im Rentenalter, nicht? Sie hören still und staunend zu.
Zuvor mussten sie schon fast ein Stunde verfolgen, wie sich Hannelörchen aus der Arbeitersiedlung in Mülheim an der Ruhr zur Weltreisenden nach Sri Lanka und Borneo, zu Ehefrau, Mutter und Politikerin Hannelore entwickelte. Die Frau, die „aufbrausend“ sein kann, die noch abends um 23 Uhr mit dem 17-Jährigen Sohn Jan politische Diskussionen führt, die mit dem „immer schnelleren“ Hund fünf bis sechs Kilometer laufen geht, aber im Winter den Cross-Trainer bevorzugt, die am Wochenende mit 14 Freunden einen großen Spiele-Abend veranstaltet und die „alle Fragen“ aus dem Publikum beantworten will, „nur keine zum Thema Sex“. Den Glauben, dass die Genossen vielleicht Intimes aus dem Sexualleben der auf dem Ledergestühl hin und her rutschenden 48-Jährigen wissen wollten, hat sie in diesem Moment exklusiv. Doch die Frau, die CDU-Regierungschef Jürgen Rüttgers am 9. Mai ablösen will, erntet für diesen Lapsus wenigstens noch ein paar Lacher.
An Selbstbewusstsein hat es der rauen Ruhrgebietsseele mit der „inneren Ruhe,“ dem geringen Faible für Ordnung und dem „Willen zur Macht“ nie gefehlt. Sie wolle mal ein Buch schreiben, erzählt sie dem wissbegierigen Münchenhagen jetzt schon zum vierten Mal auf dieser Tour „von Mensch zu Mensch“. „Ein Buch darüber, wie sie mal in die SPD eintreten wollte, es aber nicht gelang, weil kein Aufnahmeantrag vorhanden war.“ Die Geschichte ist in zwei Minuten erzählt – auf das Buch darf man gespannt sein. 1994 war es dann doch soweit, sie wurde Sozialdemokratin, weil die SPD in Mülheim die Kommunalwahl verloren hatte.
Und dann plaudert sie über Stallgeruch, den man in den Ortsvereinen bekommt. Und den der Sohnemann in Kindertagen schon erschnüffelte, als die Mutter abends aus den verrauchten Hinterzimmern der Stadtteilkneipen nach Hause kam und nach Zigarettenqualm roch. „Mama, du kommst wieder von der SPD“, habe er dann gesagt. Kluges Kerlchen. Geraucht wird heute weniger und mit dem Begriff Stallgeruch können auch nicht mehr so viele Genossen etwas anfangen. Aber mit der einzigen politischen Aussage in der Talkrunde: „Wir sind die einzige Partei, die für soziale Gerechtigkeit steht“, sagt Kraft auf die Frage, wie sie heute Bürger zum Eintritt in die SPD überzeugen wolle. Das ist doch mal ein Bekenntnis. So zum Schluss. Obwohl der Herr Münchenhagen „noch Fragen für zwei Stunden“ gehabt hätte. Irgendwann ist es aber genug. Man muss auch abtreten können.
Wie am Abend zuvor in Schwerte. Nach Hannelore Kraft erklimmt Sigmar Gabriel die Bühne. „Hannelore, ich hätte dir noch stundenlang zuhören können“, charmeurt der kugelige Parteivorsitzende. Gabriel ist ein höflicher Mensch. Denn außer dem SPD-Boss sind wohl die pflichtschuldig lautstark jubelnden Traditionssozis des Reviers froh, als die schrill schreiende und giftende Spitzenfrau das Rednerpult freimacht. Zuvor bekamen die an ihren Tischen eingeklemmten roten Parteifreunde nicht nur gut gefüllte Bierkrüge hingestellt, sondern auch noch eine mit biederen Gags gespickte Wahlkampfrede der Möchtegern-Ministerpräsidentin serviert. Und dann hat ihre Düsseldorfer Wahlkampftruppe auch noch ein paar Schildchen basteln lassen mit dem einfallsreichen Spruch „Hannelore wir packen das“. Gut fürs Foto, mehr aber nicht.
Dann kommt Gabriel. Der hatte sich morgens in Vilshofen schon warm geredet. Er hält eine intelligente Rede, hat tolle Sprachbilder eingebaut, greift Guido Westerwelle scharf an, spielt mit Stimme und Publikum wie einst sein Lehrmeister Gerhard Schröder, und nennt Jürgen Rüttgers einen „falschen Fuffziger“. Da ist er, der Unterschied zwischen Regional- und Bundesliga. Da spüren die Genossen, dass doch noch was gehen kann in Nordrhein-Westfalen mit Rot-Grün, aber nicht mit Rot-Rot-Grün. Der Wunsch, dass Gabriel „hier 50 Veranstaltungen machen muss“, wird dann auch flugs an den langen Tischreihen formuliert.
Ob es so viele Termine werden, ist nicht bekannt. Aber dass der Erneuerer der torkelnden SPD in seinem Bemühen auch an dem NRW-Wahlergebnis gemessen wird und sich schon allein deshalb in Bottrop, Bielefeld und Bonn auf den Marktplätzen tummeln wird, ist fest verabredet zwischen Berlin und Düsseldorf. Und wenn die wahlkämpfende Hannelore Kraft dann in der sanften Frühlingssonne die Menschen mit ihrer marktschreierischenRede von den Plätzen nicht vertreiben will, kann sie vielleicht zuvor den ein oder anderen Redenschreiber oder Medientrainer aus Gabriels Gefolge zu Rate ziehen.
Wenn es dafür aber nicht schon zu spät ist.












4 Antworten bis jetzt ↓
1 zoom » Umleitung: « // Feb 19, 2010 at 23:01
[...] SPD ohne Sex: Kraft, Wurst und Ledersofa ohne SEX… WirInNRW [...]
2 Ruhrpilot - Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet « Ruhrbarone // Feb 20, 2010 at 11:17
[...] SPD II: Für Kraft geht es um die Wurst…Wir in NRW [...]
3 juhu32 // Feb 20, 2010 at 15:03
Mensch Tiger, warum so negativ? Die Frau hat nun mal einen anderen Stil als Clement oder Steinbrück. Und nur an öffentlichen Auftritten zu messen, welches Format die Frau hat, ist eindeutig zu kurz gesprungen. Gut die Idee mit Münchenhagen kommt wahrscheinlich mal gerade bei 60+ gut an, da muss man noch ein Format finden welches die jüngeren anspricht. Ich bin mir sicher, dass sie eine sehr gute Ministerpräsidentin abgeben würde, den zum Regieren braucht man anderen Qualitäten als im Biersaal.
4 Hartmud Scholz // Feb 22, 2010 at 17:01
Jetzt wo Wüst in die Wüste geschickt worden ist erwarte ich von Frau Kraft,das Sie endlich die CDU und Rüttgers angreift .Nur mit Freundlichkeiten gewinnt man keine Wahlen,Fehler hat die Regierung doch wohl genug gemacht.Also bitte ein sauberen aber auch , Lauten, Aggressiven Wahlkampf!
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