Für unangenehme Schlagzeilen in der politischen Berichterstattung den Kopf hinhalten müssen in der Regel diejenigen, die in vorderster Reihe stehen. Das wird gelegentlich sogar sichtbar. So notierte unter anderem die WAZ beim jüngsten Zukunftskongress der CDU, dass Ministerpräsident Jürgen Rüttgers „mit belegter und vergrippter Stimme“ Hof hielt und ließ ihn ihren Lesern erklären, der Vorwurf von Käuflichkeit – Stichwort ‚Sponsoring-Affäre‘ – sei ihm „unter die Haut gegangen“. Während der christ-demokratische Landesvorsitzende noch an den – auch medial abklingenden – Nachwehen zu leiden hatte, bekam er überraschend Genesungshilfe aus einer Richtung, mit der er nun wirklich nicht rechnen konnte. „Kraft für Rüttgers“ brachte etwa die Financial Times Deutschland auf den Punkt, womit die SPD-Vorsitzende nicht nur ihren eigenen Genossen überrumpelte, sondern auch gleich jeden – rechnerisch – möglichen Bündnispartner für einen Regierungswechsel am 9. Mai brüskierte: Ob CDU, Grüne oder Linke – Krafts auf den ersten Blick nur in saisonalen Nuancen – „Straße fegen statt Schneekehren“ (Westfälische Nachrichten) – von Westerwelle zu unterscheidendem Vorschlag, also der „Sommervariante des schneeschippenden Hartz-IV-Empfängers“ (Neue Ruhr Zeitung) empörte im Spektrum der Parteien nahezu jeden – außer den Liberalen.
„Schwer vermittelbar“ urteilte die taz und „Klassischer Fehlpass“ kommentierten die Aachener Nachrichten. „Nur noch peinlich“ pikierte sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung und vom „sozialpolitischen Fallbeil“ sprach gar die WAZ, das rauszuholen der Spiegel mit einem kleinen Interview Kraft „auf’s Glatteis“ (taz) verführen konnte. Dumm gelaufen.
Normalerweise sind es – wie im Fall „Rent-a-Rüttgers“ – tatsächlich ja die Berater, die den Stein eines Anstoßes ins Rollen bringen. Bei Hannelore Kraft muss man da Zweifel haben. So blieb u.a. der taz „unklar“, was die Oppositionsführerin überhaupt angetrieben hat. Deshalben spekulieren die Kollegen einfach mal, ob es „klammheimliche Absicht war, …. bei jenen zu punkten, die glauben, dass Westerwelle zwar übertreibt, aber irgendwie doch recht hat. Oder ist es pure Naivität. Oder beides.“ Sicher ist der Autor aber im abschließenden Urteil: „Bessere Schützenhilfe kann sich die FDP jedenfalls kaum wünschen“.
Die wird sie allerdings auch brauchen. Denn wie deren Landesvorsitzender Andreas Pinkwart im Interview mit dem Westfalen-Blatt klarstellt, liegt sein Ziel am 9. Mai bei „zehn Prozent plus X“. Klingt ambitioniert für jemanden, der aktuellen Umfragen zufolge zwischen sechs und sieben Prozent der vorhergesagten Stimmen dümpelt. Aber nun ja. Das ist offenbar so etwas wie eine Kompensations-Kalkulation, denn u.a. in der Kölnische Rundschau darf sich der neue CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid vom vormals ausgegebenen Ziel „40 plus X“ erklärtermaßen verabschieden.
Da stellt sich doch gar nicht mehr die Frage, wer sich den klaren Blick für die politischen Gegebenheiten in den vergangenen Wochen erhalten hat.
Den Durchblick verloren haben wir selbst dieser Tage allerdings bei einer Berichterstattung („Gabriel und die Käsemacher“) der Süddeutschen Zeitung. Mit dem vorweggenommenen Ergebnis „in Sachen Polit-Sponsoring haben sich die Sozialdemokraten selbst düpiert“ seziert der Beitrag eine Einladung der Bundes-SPD an niedersächsische „Bierbrauer, Fischer und Käsehersteller“. Darin sei die „Hoffnung“ vorgetragen worden, mit der Aussicht auf Gespräche mit Sigmar Gabriel ein bevorstehendes Treffen mit SPD-Bundestagsabgeordneten zu beköstigen. Zu den offenkundigen Gepflogenheiten der Marke „Rüttgers“ – so die Autorin – gäbe es allerdings zwei Unterschiede: Erstens sei Gabriel kein Regierungsvertreter und zweitens – jetzt kommt’s – „wurde für die Gespräche weder Bares noch ein Fässchen Bier verlangt“. Hallo? – Weder Pivo noch Penunze? – Brauereien, die – wenn schon nicht um Bares – auch nicht um ein Fässchen Bier angebettelt wurden? – Ja um was denn dann? – Das hätte der Leser denn doch gern gewusst – nur der Klarheit wegen.
Aber so machen wir alle mal Fehler – und das ist ja manchmal irgendwas zwischen ärgerlich und menschlich. So wie in den „Tagesthemen“ der ARD, deren Sprecherin mit Blick auf die NRW-Wahl und ihrer Bedeutung für den Bund unlängst annoncieren durfte, das Ergebnis „im größten Flächenland“ sei wieder völlig offen. Oder auch nach dem oben schon einmal zitierten Zukunftskongress der CDU: In ihrer Berichterstattung („Es gibt Bier und Frikadellen für alle“) nuschelt – lautschriftlich quasi – die Recklinghäuser Zeitung schon mal über den „Miniserpräsident“. Auf derselben Veranstaltung, die nach offiziellen Angaben – und Beobachtung der allermeisten Chronisten – von 500 Teilnehmern besucht wurde, zählten der General-Anzeiger und der Kölner Stadtanzeiger doch tatsächlich 700 Teilnehmer. Da drängt sich der Schluss auf, die Kollegen hätten jeden zweiten Gast schon doppelt gesehen, oder? – Aber wie gesagt, es gab ja Freibier für uns alle ….










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