Die zum Duell hochstilisierte TV-Debatte zwischen Ministerpräsident Rüttgers (CDU) und der Spitzenkandidatin der SPD, Hannelore Kraft, zeigte einige Tiefpunkte, aber leider keine Höhen. Angesichts der immer mehr zur Richtungswahl stilisierten Entscheidung am 9. Mai eine Überraschung. Weder Kraft aber noch weniger Rüttgers nutzten die Gelegenheit, dem Wahlvolk klare Argumente für Ihre Politik zu vermitteln. Die meisten Beobachter werteten die zahme Auseinandersetzung als ein „Unentschieden“. Vermutlich aus Ratlosigkeit. Alle, die von Kraft klare Worte zu den LINKEN erwarteten, wurden auf ganzer Linie enttäuscht.
Eher unterhaltsam dagegen die Bewertung des „ Haus-und-Hof“ Politikwissenschaftler von ZDF, WDR und Ministerpräsidenten, Karl-Rudolf Korte, der das TV-Duell beim WDR als Sternstunde des Wahlkampfes sah.
Viel spannender, leider vom Wahlbürger fast unbemerkt, verlief eines der TV-Fernduelle “Sie oder Er? Wähler wollen’s wissen” von Kraft und Rüttgers bei den Privaten. In einer Gemeinschaftsaktion der privaten Regionalprogramme von SAT1 und RTL sowie den Regionalausgaben der BILD-Zeitung in NRW beantworteten die Spitzenkandidaten nach dem Vorbild amerikanischer “Townhall Meetings”, Fragen der Bürger. So ganz mochte man den demokratischen Traditionen aus USA nicht folgen. Alle Fragen waren daher vorab einzureichen. Zur Sicherheit wurden den vortragenden Bürgern vorher strikte Verhaltensanweisungen gegeben.
Erwartungsgemäß schlug sich Kraft in der ersten Ausgabe wacker. In der zweiten Ausgabe am Freitag 23. April – man hätte hinterher allerdings meinen können, es sei Freitag der 13. – stellte sich der Ministerpräsident den Fragen der Wähler. Hier lief zuerst fast alles nach Wunsch. Das Minenspiel von Rüttgers verriet schon vorab, dass es hier Überraschungen im Vorfeld „abgeregelt“ wurden.
Dann aber patzte der Ministerpräsident, dem die Labels “Arbeiterführer”, “Sozialverträglichkeit” und “Bürgernähe” doch immer so wichtig sind, bei einer einfachen aber folgenschweren Frage.
Hier kurz als Geschichte in vier Bilder dokumentiert:
Bürgerfrage: „Herr Ministerpräsident, (…) bei den Banken spricht man immer nur von zukünftigen Regeln. Warum hat man nicht bei Bürgschaften, die von Steuergeldern bezahlt werden knallharte Bedingungen gestellt. Z.B. Boni, Abfindungen.“
Antwort des Ministerpräsidenten: „Warum ist das nicht gemacht worden. Da gibt es zwei Sachen. Erstes teilweise ist es gemacht worden. Also z.B. da wo Geld gezahlt worden ist, um eine Bank zu retten, ist die Frage der Bonuszahlungen geregelt worden, ist sogar die Frage der Gehälter geregelt worden. “
Rüttgers weiter im O-Ton: „Die kriegen nur 500.000 im Jahr“. Raunen im Publikum. Unruhe und Fassungslosigkeit. (Nachfrage aus dem off: 500.000 nur? Rüttgers: „ja“
Weiter Unruhe und blankes Entsetzen auf den Rängen. Moderator: „Darf ich hier mal die Frage, wer HIER 500.000 EURO verdient?“ (Rüttgers ringt nach Fassung. Hatte wohl an seinen „Rent a Rütgers“ Stundenlohn gedacht!)
Der Ministerpräsident nimmt doch noch die Kurve. Hier der O-Ton Rüttgers: „Nein ich weiß, noch mal: nur, Komma“ (dann geht es wieder in ruhigeren Bahnen weiter)
Was lernen wir: Auf sicherem Gelände kommt man schon auch mal ins Straucheln. Konnten in der Woche davor die Bürger und Beobachter über den Versprecher des SPD-Vorsitzenden staunen, so überraschte der Ministerpräsident letzten Freitag mit Einblicken in seine Vorstellungswelt von Mindestlöhnen für führende Banker! Ein Versprecher. Sicher auch, aber eben nicht nur. Die Fassade bröckelt. Aber es hat ja kaum einer gesehen!














4 Antworten bis jetzt ↓
1 Martin // Apr 28, 2010 at 14:04
Bei welcher Minute ist das Zitat denn zu finden?
Hier der Link: http://www.rtlregional.de/player.php?id=10495
2 Tweets die Anatomie eines Versprechers erwähnt -- Topsy.com // Apr 28, 2010 at 14:05
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Tom Beam, NRW Newsdesk und Wir in NRW Blog, Wir in NRW Blog erwähnt. Wir in NRW Blog sagte: Anatomie eines Versprechers. #Rüttgers fast unbemerkt bei RTL in der Fragestunde "asugesuchter" Bürger http://tinyurl.com/36llfdh #ltw10 [...]
3 Gabriele Gans // Apr 28, 2010 at 14:09
Im zweiten Teil (bei den Bildern verlinkt) bei ca. Min. 17. Es gibt auch noch einen “Gesamtfilm” bei SAT! regional und RTL. Da war es bei ca. Min. 41ff zu sehen.
GG
4 Hagen Kruska // Apr 28, 2010 at 15:18
“Nur” trifft doch zu. Verglichen mit den Gehältern die Banker auserhalb der Krise erhalten haben. Ackermann rund 10 Mio. € und mehr.
Meiner Meinung nach soll ein Banker ruhig mehrere Millionen verdienen. Wenn er seine Arbeit gut macht und die Bilanzsumme und vorallem den Aktienkurs steigern kann. Dies gilt nicht für Pleite-Banken die das Geld ihrer Anleger verprassen. Aber fähigen Leuten muss man viel zahlen um sie zu halten. ich finde diese Praxis sollte auch in der Politik Anwendung finden. Welcher in der Wirtschaft gefragte Manager entscheidet sich schon für 5000€ netto im Monat in die Politik zu gehen?
Ich jedenfalls nicht.
Vielleicht ist das amerikanische Modell der Erfolgsprämien sinnvoller, wird von einigen Unternehmen angewandt: Ein CEO bekommt eine Aktienoption, er kann nach auslaufen seines Vertrages eine bestimmte Anzahl an Aktien für den Preis erwerben, der dem Kurs zu Beginn seiner Amtszeit entspricht. Schafft er es also den Kurs von 100 $ auf 200$ zu steigern macht er einen Gewinn von 100%. Wäre mal eine Überlegung wert, allerdings folgt in unserer Neidgesellschaft dann wieder der große Aufschrei, weil jemand dann 1 Mrd. oder mehr verdienen könnte.
PS: bin mal gespannt auf die wütenden Kommentare unserer spießigen, neidischen Kleinbürger die jetzt folgen werden!
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