Was war los diese Woche? – Ja, die „Spendenaffäre“ der CDU natürlich. Aber dazu – scheint uns – ist noch nicht alles gesagt. Deshalb seien an dieser Stelle nur die Worte der einstmals regierungstreuen – ach nee, jetzt ja immer noch (das ist wahre Kontinuität) regierungstreuen – Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zitiert. Die legt sich wie kein anderer mit erhobenem Zeigefinger CDU-schützend ins Zeug, um ihre Bewertung der Vorgänge rund um die Rüttgers-Unterstützungs-Initiative „Wähler für den Wechsel“ und eines gewissen Tim Arnold auf folgenden Punkt bringt: „Beweise liegen nicht vor“ und „Vermutungen allein reichen nicht“. „Genau hinsehen, bitte“ rät der WAZ-Mann und wir sagen „Völlig korrekt!“ – deshalb warten wir lieber noch auf das eine oder andere „Aha-Erlebnis“ – in diesem Zusammenhang, das die Rüttgers-Netzwerker noch in Frankfurt, Berlin und Düsseldorf für uns bereit halten.
Da gilt es, in Duktus und Diktion klare Linie zu fahren. Mal schauen, wer länger durchhält. Sich im Endspurt eines Wahlkampfs an die immer gleichen Worthülsen zu klammern, hat übrigens für Politiker Vor- und Nachteile. Einerseits müssen sie in Interviews ihre Antworten nicht mühsam – fein gedrechselt – aus der Kleinhirnrinde schälen. Geübte Standardformulierungen aus dem Kurzzeitgedächtnis abzurufen, macht es auch einfacher (jedenfalls vor Nur-eine-Zeitung-Lesern oder Volontären) schnell im Geiste oder wenigstens spontan zu erscheinen.
Doch wer sich – in Koalitionsaussagen zum Beispiel – an immer den gleichen Wortlaut fesselt, unterschätzt die Nebenwirkungen dieses Rezepts: Zum einen fragen sich die Leute, warum Politiker das tun (vermutlich weil Verbalakrobaten unter ihren Parteistrategen es ihnen eingebläut und bei jedem Abweichen von der Linie mit Prozentpunktabzug gedroht haben). Und der Wähler hinterfragt die in Beton gegossenen Phrasen der Politiker nach ihrem Wahrheitsgehalt oder – fühlt sich zu Interpretationen eingeladen.
Wie etwa bei Hannelore Kraft (SPD), die auf die Frage eines wie auch immer gearteten Miteinanders der Farben Rot-Rot-Grün nach dem 9. Mai stets antwortet, die Linkspartei sei „weder regierungswillig noch regierungsfähig“ – oft ergänzt noch um das Wörtchen „derzeit“. Das mündet in der Rheinischen Post schon mal in Formulierungen wie „Sie sagen, die SPD suche nicht die Zusammenarbeit mit der Linken…“ – immerhin. Gleichzeitig kommen die „Westfälischen Nachrichten“ zu dem Ergebnis „Kraft hält sich Linksbündnis offen“ und der „Kölner Stadtanzeiger“ lässt den Mainzer Politologen Jürgen Falter unkommentiert zur Einschätzung kommen „Rot-Rot-Grün ist noch nicht vom Tisch“. Soviel zum Thema Interpretationen – und Irritationen.
Irritiert hat uns diese Woche übrigens gleich mehrfach die Süddeutsche Zeitung. Zum einen kommt ein Leitartikler zu der Prognose, ein Ende „der kurzen Ära des christdemokratischen Ministerpräsidenten … wäre kein rasanter Absturz, keine plötzliche Abwahl“. Vielmehr würde „dieser Ministerpräsent nach nur fünf Jahren Amtszeit sanft entschwinden“. Hallo? – Wie bitte? – Wenn das, was Jürgen Rüttgers zur Zeit erlebt kein „rasanter Absturz“ ist – dann bitte was? Es deutet sich auch durch nichts an, dass dieser Regierungschef sanft entschwindet, sondern eher, dass eine womöglich ausreichende Zahl von Wählern ihn mit ‚Pauken und Trompeten‘ aus dem Amt jagen will. Und nebenbei – auf die „nur fünf Jahre Amtszeit“ haben es Vorgänger von Jürgen Rüttgers – wie Fritz Steinhoff, Wolfgang Clement oder Peer Steinbrück übrigens nie gebracht. Insofern sind fünf Jahre doch völlig in Ordnung. Ausreichend meint sogar manch einer.
Noch irritierter waren wir bei Lektüre eines anderen Beitrags – in derselben Ausgabe übrigens – der uns damit vertraut machen will, Sigmar Gabriel habe mit Blick auf das Wahlziel seiner Partei in NRW nun endgültig die Orientierung verloren. So habe er sich nicht nur in die Hochrechnung verstiegen „wenn nur genügend Leute am 9. Mai zur Abstimmung gingen, könne ‚Rot-Rot-Grün‘ eine Mehrheit bekommen“. Dieser laut Süddeutsche „kleine, wenngleich bezeichnende Versprecher“ war Hannelore Krafts Bundesvorsitzendem in einer Pressekonferenz tatsächlich rausgerutscht und damit habe er „gerade jenes Bündnis proklamiert, vor dem die Christdemokraten und Liberale tagtäglich warnen“. So weit, so richtig.
Um das Bild eines mit den aktuellen Gegebenheiten an Rhein und Ruhr allenfalls peripher vertrauten Dampfplauderers komplett zu machen, fasste das Blatt Gabriels Zuversicht noch mit dem Satz zusammen „Rot-Grün habe die besten Chancen, Schwarz-Grün in Nordrhein-Westfalen …. abzulösen“. – Sorry, liebe Münchner Kollegen, so ‚deppert‘ daher kommt Gabriels Wahlkampfhilfe nun doch nicht – wir haben kein ‚Schwarz-Grün‘ in NRW und gesagt hat er’s auch nicht.
Der kleine Lapsus wäre der Süddeutschen möglicherweise nicht passiert, wenn ein anderer Beitrag – leider auch in derselben Ausgabe – nur einen Tag früher erschienen wäre. Der würdigt die Arbeit („Beruf: Skeptiker“) der nicht nur im US-Journalismus hochangesehenen Fast-Checker – also von Dokumentaristen, die Passion & Perfektion darin entwickeln, vor Erscheinungstermin Fehler in den Artikeln ihrer Kollegen zu finden. Mit Blick auf „Schwarz-Grün“ teilen wir – vermutlich mit Sigmar Gabriel – das Bedauern, dass außer den von der SZ genannten Redaktionen Spiegel, Stern und Focus kaum noch ein deutsches Printmedium – mal mehr oder weniger erfolgreich – solche Faktenprüfer beschäftigt.
Bis nächste Woche!










5 Antworten bis jetzt ↓
1 Tweets die Blattkritik: ‚Genau-Hinsehen-bitte‘ erwähnt -- Topsy.com // Apr 24, 2010 at 09:24
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von NRW Newsdesk erwähnt. NRW Newsdesk sagte: Blattkritik: ‚Genau-Hinsehen-bitte‘: Was war los diese Woche? – Ja, die „Spendenaffäre“ der CDU natürlich. Aber da… http://bit.ly/daBj2o [...]
2 ingeborg // Apr 24, 2010 at 16:54
Keine Buchung ohne Beleg.
gruss i.
99 Luftballons …
3 Wähler // Apr 25, 2010 at 00:53
*grins*
Gruss
4 Peine // Apr 26, 2010 at 12:52
WAZ regierungstreu? Gehörte diese Zeitung nicht zum Zeitungsimperium der SPD?
Das die WAZ CDU-freundlich sei, höre ich hier zum ersten Mal.
5 EX-SPD Mitglied // Apr 30, 2010 at 08:33
Der WAZ -Konzern betreibt seid Jahrzehnten schon eine SPD-freundliche Berichterstattung
und es gibt nicht selten Tage, da hat man z.B bei der NRZ das Gefühl,das man nicht eine neutrale und überparteiliche Informationsquelle vor sich liegen hat,sondern ein Kampfblatt der SPD.
Ich werde es nie vergessen ,wie auf der Homepage der NRZ 2002 eine Umfrage zur damaligen Bundestagswahl gelaufen ist und die damalige PDS bei dieser Umfrage auf 8 % kam.
2 Tage später wurde diese Statistik von der Homepage genommen und erschien dann ohne Aufführung der PDS nach einem weiteren Tag auf der HP wieder.
Auf Nachfrage lautete es dann, man hätte die PDS einfach nur vergessen
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