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Ein Revier für die Kultur

7. April 2010 · von Alfons Pieper

pieper_xl2Die spektakuläre Eröffnungsfeier unter Schnee und Eis ist ein paar Wochen vorbei; die Eröffnung der spektakulären Ausstellung „Ruhrblicke“ der besten Fotokünstler der Welt auf Zollverein steht kurz bevor. Nach nur wenigen Wochen staunt Europa über diese Kulturhauptstadt Europa. Ruhrgebiet – Kulturgebiet? Das gibt es doch gar nicht. Die Zuschauer aus der Ferne suchen immer noch nach Klumpen von Kohle und halten ihre Nasen in den Wind, um den Gestank eines Stahlwerks wenigstens zu riechen, wenn sie das Werk schon nicht sehen. Und die Einheimischen können die vielen Lobenshymnen schon nicht mehr hören. Ja, es gibt Grünes im Revier, es gibt Wiesen, Wälder, ja Menschen, die weder auf den Bäumen noch unter Tage leben, und mit denen man reden kann. Und es gibt Theater, Opernhäuser, Ausstellungen, Industrie-Denkmäler. Aber, wo bitte ist das Ruhrgebiet? Wo ist der Dreck?

 Keine Sorge, Dreck gibt es noch. Aber liebe Berliner, Dreck und Schmuddel-Ecken habt ihr auch. Man schaue sich im Wedding um oder in Neukölln. Und auch in Friedrichshain, ein Viertel, das ziemlich in ist, findet sich manch schmutziger Fleck.

 Das Ruhrgebiet ist ein zusammengewürfeltes Gebiet mit über fünf Millionen Einwohnern. Wobei die alte Industrie, also Kohle und Stahl, abstirbt. Und überall da, wo etwas stirbt, bleibt eine Ruine zurück. So verlief die Geschichte des Ruhrgebiets über Jahrzehnte. Ruinen oder besser Brachen waren das Ergebnis. Wenn etwas dicht gemacht wurde, nahm der letzte Mann den Schlüssel mit. Der Rest blieb.

Dann kam die IBA, die Internationale Bau-Ausstellung. Und es kam ein Professor Karl Ganser aus der Ulmer Gegend. Und der hatte die Idee, aus den Industrie-Ruinen etwas zu machen. Sie aufzumöbeln, um sie vorzuzeigen. Als Industrie-Denkmäler. Und Ganser lehrte die Menschen an der Ruhr, sich nicht länger ihrer alten Industrien, an denen man sich die Hände schmutzig gemacht hatte, zu schämen, sondern sie auszustellen. Ganser pries die Industriewerke als Kathedralen und ließ sie aufhübschen. Stolz auf das Erreichte zu sein, stolz darauf zu sein, was man über Jahrzehnte geleistet hatte und nicht in Schutt und Asche zu gehen. Den Kopf zu heben, nicht über andere, sondern auf Augenhöhe mit den anderen deutschen Landsleuten, den Bayern zum Beispiel. Schaut her, wir haben viel zu bieten und hinter den Gebäuden und Gewerken steckt sogar noch eine Philosophie. Es war Gansers Werk, das den Gedanken der Bewerbung für den Wettbewerb um die Kulturhauptstadt Europa erst ermöglichte.

 Und nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang ein anderer, der ebenfalls damals wesentlich die Kampagne gestalten half: der frühere Evonik-Chef Werner Müller, einst Bundeswirtschaftsminister unter Kanzler Gerhard Schröder. Müller, der in Mülheim lebt, ein Feingeist, der die klassische Musik liebt und der als Manager das Ruhrgebiet verkörpert, dem in seiner Stammkneipe die Wirtin ein feines Pils zapft und wunderbare Bratkartoffeln serviert, setzte sich mit dem Konzern an die Spitze der Bewegung. Die spektakuläre PR-Show, die Essen ins Licht setzte, das was Müllers Idee. Wer weiß, wie weit man ohne sie gekommen wäre, und wer weiß, ob man Görlitz, dieses städtebaulich-architektonische Kleinod an der polnischen Grenze, ausgestochen hätte?

 Essen steht stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet. Für die Metropole Ruhr, die es in dieser Form ja nicht gibt. Der Bochumer lebt in Bochum und kauft dort ein, den Dortmunder zieht es nicht nach Essen und der Essener wird nicht nach Duisburg fahren, um dort einzukaufen oder ins Theater zu gehen. Eine Metropole hätte eine Philharmonie, an der Ruhr hat jede Stadt ihre eigene.

 Das ist ja der Reiz des Ruhrgebiets, das es sich aus vielen Städten, 53 sind es, zusammensetzt. Es ist so groß wie etwa Berlin, aber eben nicht eine Stadt, die sich als ein Gemeinwesen fühlt. Mülheim ist Mülheim und Oberhausen ist Oberhausen. Nicht mal und schon gar nicht im Fußball gibt es den Ruhrgebiets-Fan, der nur auf die Karte der Borussia aus Dortmund setzte oder Schalke nachläuft. Eher fühlt der Fan des VFL Bochum mit den Bayern als mit den Blauweißen aus Gelsenkirchen. Aber gleichwohl gibt es den Mythos Ruhrgebiet. Der wurde immer dann lebendig, wenn etwas mit der Kohle passierte, wenn ein Pütt dicht gemacht wurde, wenn Arbeitsplätze gestrichen wurden, wenn ein Unglück geschah. Dann standen sie zusammen. Solidarität, die gab es immer und die wird es an der Ruhr immer geben. Ein Wir-Gefühl. Der Selbstdarsteller, der Blender und Angeber ist eher woanders zu Hause.

 Das Ruhrgebiet hat sich gewandelt, aber nicht erst jetzt. Der Wandel dauert ewig an. An die Stelle der Schwerindustrien sind innovative Unternehmen getreten. Man nehme die Solarindustrie in Gelsenkirchen oder das High-Tech-Revier in Dortmund um die Universität herum.

 Universitäten gab es früher in der Industrieregion nicht. Weil es Kaiser Wilhelm so wollte. Die Arbeiterschaft sollte malochen und nicht auf dumme Gedanken kommen. Geschichte. Längst gibt es im Revier eine Hochschul-Landschaft von Dortmund über die Ruhr-Uni in Bochum, die in Essen bis zur Uni in Duisburg. Und in Hagen, am Rande des Reviers, quasi beim Übergang zum Sauerland, steht die Fernuniversität.

 Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur, so lautet das Leitmotiv des Programms. Das Bochumer Schauspielhaus hat einen Ruf weit über die Region hinaus. Vergessen wir nicht die Theater in Dortmund und Essen, in Mülheim, Oberhausen und Moers oder die Ruhrfestspiele in Recklinghausen, die entstanden sind durch den Tausch Kohle gegen Kultur. Im Revier, wird, auch wenn das merkwürdig klingen mag, Hochkultur geboten und nicht nur fürs Bildungsbürgertum. Hier werden Kunst-Ausstellungen durch die Großindustrie gesponsert, um die die Region überall im Bundesgebiet beneidet wird. Man denke an das prachtvoll neu eröffnete Folkwang-Museum in Essen, an das Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg, an die Küppersmühle.

 Der besondere Reiz sind die einstigen Índustriestätten, die durch Prof. Karl Ganser zu neuem Leben erweckt wurden. Die Zeche Zollverein steht hier stellvertretend für viele andere renovierte Industriebauten, die Ruinen waren, unansehnlich, und die jetzt dem Zuschauer manches Staunen abringen.

 Wer das Ruhrgebiet erleben und kennenlernen will, muss sich Zeit nehmen. Er wird, wenn er neugierig ist und sich auf die Region und die Menschen dort einlässt, nicht enttäuscht werden. Der Kumpel ist geradlinig, spricht ohne Unschweife aus, was er meint. Der Ruhri ist ein Typ, mit Mutterwitz, ein Schatz, ein Lichtblick. Wer es genauer wissen will, höre die Hymne von Herbert Grönemeyer. Der kennt das Revier, weiß, wie die Menschen tief im Westen fühlen. Bodenständig sind sie, zupackend.  

 Das Ruhrgebiet ist anders, anders, als es in vielen Vorurteilen dargestellt worden ist. Es ist vielfältig und es ist spannend.  Und es gibt mehr her als nur für ein Jahr Kulturhauptstadt. Das Ruhrgebiet ist ein ständiges Erlebnis.

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