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Waterloo für Rüttgers/Berger/Krautscheid

9. Mai 2010 · von Kaspar Hauser

18:42 Uhr Rüttgers übernimmt Verantwortung für Wahlniederlage

18:42 Uhr Rüttgers übernimmt Verantwortung für Wahlniederlage

Es ist gelaufen für den Ministerpräsidenten. Schluss, aus, vorbei. Statt auf den Angstwahlkampf zu reagieren und sich um die angeblich stabilitätssichernden Konservativen der CDU zu scharen,  sind  die Wähler den Schwarzen in Scharen davongelaufen. Das ist zwar sicher nicht die alleinige Schuld von Jürgen Rüttgers, doch er ist der Erste, der die Quittung kriegt. Für Schwarz-Gelb in Berlin, die dilletierten, zuletzt im Umgang mit Griechenland und der Finanzkrise. 

Aber auch hausgemachte Themen haben nicht so verfangen wie sie sollten: Ausgerechnet beim Thema  Bildungspolitik punktete die CDU nicht wie vorgesehen. Der Leidensdruck von Eltern, Lehrern und Schülern wurde fehleingeschätzt. Und die Statistiken lügen nicht, das NRW Schulsystem wurde von Experten übereinstimmend als ungerecht entlarvt, denn wenn Schulerfolg im wesentlichen von der Herkunft abhängt, taugt das System nicht, egal was man daran renoviert. Und das spüren die Menschen, die sich natürlich beste Perspektiven für ihren Nachwuchs wünschen, auch wenn sie arm sind. Wer das nicht begreift, verliert Wahlen zu Recht.

Und es ist noch ein anderes Gespür, das die Wählerinnen und Wähler zurückzucken ließ, wenn es um das Kreuzchen für Rüttgers ging. Es sind wahrscheinlich gar nicht die konkreten Dinge, die da vorgefallen sind. Ob es die Rent-a-Rüttgersaffäre ist, die Krankenkassenbeiträge des Herrn Wüst, zu Unrecht entlassene Mitarbeiter, die Bezüge der Frau van Dinther, der Dienstwagen für Herrn Berger und nicht zuletzt die Parteispendenaffäre um “Wähler für den Wechsel” ist, das wurde vielleicht noch als Peanuts abgebucht. Nicht aber das Gefühl, dass hier jemand war, der es mit allen Dingen immer ganz genau nimmt, dem Bürger vermittelt, sehr detaillierte Kenntnisse zu allem Möglichen zu haben und gleichzeitig einer Partei vorzustehen, die mit allen möglichen Tricksereien agiert, wovon er selbst aber  grundsätzlich nichts gewußt hat und darum für nichts verantwortlich ist. Das verzeihen weder Sympathisanten noch  Bürger. Von der großen Politik verstehen viele sehr wenig, aber wenn man nicht ernst genommen wird, spüren  das viele ganz genau.

Man könnte jetzt ein bisschen Mitleid mit Jürgen Rüttgers haben, denn es liegt schon ein Stück Tragik in dieser Entwicklung. Jürgen Rüttgers hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie gern er dieses Amt ausgeführt hat und es war aus jeder Pore zu spüren, dass hier  jemand Stolz auf sich selbst war, es geschafft zu haben. Er, der steife Junge mit Sprachfehler aus kleinen Verhältnissen wurde CDU-Ministerpräsident in der SPD-Hochburg NRW. Da wird man schnell zum gefühlten Denkmal. Dass er nun ausgerechnet über die Aktionen der wenigen stolpert, denen er blind vertraut hat, ist fatal. Er, der hochgradig Mißtrauische wird für sein bißchen Vertrauen bestraft, ein Fall für die Couch.

Durch all die Affären ins Stoplern geraten, gelingt nun nichts mehr. Alles was sich seine Berater für den Wahlkampf  ausdachten, funktionierte nicht. Die vor Monaten noch völlig unbekannte Hannelore Kraft ist inzwischen in den Popularitätswerten vor Rüttgers und es ist für ihn keine Besserung mehr in Sicht.

Seine Reaktion spricht Bände, ein typischer Rüttgers eben, er übernimmt verbal die Verantwortung zieht aber keine persönliche Konsequenz. Er will weiter mitmischen, kann nicht loslassen von der Macht trotz historischer Niederlage der CDU.  Vielleicht fordert er noch zur großen Koalition auf, wegen der schwierigen Lage im Lande.

Was das aktuelle Geschehen mit Rüttgers Position im Machtgefüge der CDU macht, ist absehbar. Wer immer aus der Position der Stärke heraus agiert hat, der Kanzlerin und Parteivorsitzenden ein ums andere Mal in die Parade gefahren ist, und auch sonst keine Gelegenheit ausließ, sich Feinde zu machen, hat in der  Niederlage sicher nicht die besten Karten. Manche werden versucht sein, ihm die Eiseskälte selbst spüren zu lassen, mit der er sich Mitarbeitern wie Weggefährten entledigt hat. Auch im innerparteilichen Machtgefüge hat er keine Stammtruppen, Wendigkeit war eher sein strategisches Geschick. Neue Ämter werden da wohl nicht unmittelbar auf dem Silbertablett serviert.

Über das Schicksal seiner beiden Zuschläger Boris Berger und Andreas Krautscheid machen wir uns im Moment keine Sorgen, vor allem die Bundes CDUler lassen keine Gelegenheit aus, die hausgemachten Fehler zu erwähnen. Über die Schuldigen muss man nicht mehr vor Gericht sitzen. Vielleicht verlassen sie ja die Politik in Richtung Wirtschaft. Nur, für Loser ist dort eigentlich auch kein Platz reserviert.

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21 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Tweets die Waterloo für #Rüttgers/#Berger/#Krautscheid ltw10 erwähnt -- Topsy.com // Mai 9, 2010 at 19:39

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Wir in NRW Blog erwähnt. Wir in NRW Blog sagte: Waterloo für #Rüttgers/#Berger/#Krautscheid http://tinyurl.com/2fejvo7 ltw10 [...]

  • 2 Von-der-Biegung-des Flusses // Mai 9, 2010 at 19:49

    Vielen Dank all denen, die sich gewehrt haben! Am Schluss hat sich gezeigt, dass man unter allen Umständen gegen solche Figuren wie Berger & Co. ankämpfen muss. Auch klar, dass keine von den Figuren beim ersten Statement hinter Rüttgers standen. Nur Christa Thoben, Ulla Heinen… und Frau Rüttgers. Drei Frauen! Keine Männer in Sicht: kein Boris Berger, kein Thomas Breuer, kein Generalsekretär… das ist die Wahrheit! Typisch, mit Verlierern will man nicht aufs Bild. – Nochmal: danke diesem Netzwerk für den Mut und die Entschlossenheit, diese Truppe zu kippen. Diese Figuren hätten niemals in solch politisch und menschlich verantwortliche Positionen kommen dürfen. Was für ein Sieg, diese Figuren gelegt zu haben… jeder einzelne, der dazu beigetragen hat, dem gehört mein Dank. Ein Lächeln geht über mein Gesicht…

  • 3 Bruno Bär // Mai 9, 2010 at 19:56

    Stimmt es, dass dies das schlechteste Wahlergebnis für die SPD seit 1954 ist ?

  • 4 GG // Mai 9, 2010 at 20:07

    So stimmt das nicht. Für Landtagswahlen wäre das so, aber in den letzten 10 Jahren gab es deutlich schlechtere Ergebnisse: Schauen Sie unter http://www.wir-in-nrw-blog.de/2010/05/zur-ausgangssituation-der-landtagswahl-in-nrw-vom-9-mai-2010/ (Mit Bildern, damit kein Missverständnis entsteht!)

    GG

  • 5 Michael Eggert // Mai 9, 2010 at 20:16

    Gute Analyse, wenn auch nicht frei von Häme. Ich habe selbst in der letzten Wahl Rüttgers mitgewählt und habe es sehr bereut. Neben den unappetitlichen Kleinigkeit und dem unerträglichen “Arbeiterführer”- Image, das wenig eingelöst wurde, war es vor allem die desolate Bildungspolitik. Ich arbeite selbst in einer Schule in einem schwierigen Stadtteil und erlebe die Perspektivlosigkeit von Grundschülern in bestürzender Weise.

  • 6 Stefan Scholz // Mai 9, 2010 at 20:51

    Die SPD hat das bei Landtagswahlen schlechteste Ergebnis aller Zeiten in NRW eingefahren – und verliert sich im Jubel… dafür gibt es keinen Anlass – auch wenn die Freude, diese CDU/FDP-Regierung hier rasch zu verabschieden, groß ist.

  • 7 Towelie // Mai 9, 2010 at 20:56

    Zunächst einmal ist das vor allem ein Sieg für Die PARTEI.Sie ist angetreten um den “Rüttgers Club” zu stürzen und das ist ihr auch gelungen.
    Ebenso wie 2005, als man antrat um das “Schröder Regime” zu beenden.

  • 8 PJ // Mai 9, 2010 at 21:05

    Meine Herren. Das System Rau wurde nach 39 Jahren (inkl. Kühn), über Clement dann mit Steinrück 2005 abgewählt. Rau hat das Sytem 27 Jahre lang verfeinert und verfilzt, trotzdem fühlte in NRW jeder etwas wie Nestwärme.
    Rüttgers’ System hat gerade mal 5 Jahre überlebt, auch weil in NRW eine gewisse Kälte eingezogen war.
    Merke: Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe. Was dem Herrn geziemt, geziemt noch lange nicht dem Knecht. ;-)

  • 9 Spider9999 // Mai 9, 2010 at 21:15

    Einfach nur G-E-I-L !!! :-D

  • 10 AnnHamacher // Mai 9, 2010 at 21:16

    Auf den zweiten Blick, der nicht so sehr parteipolitisch fixiert ist, ergibt sich eine auch in NRW wie im Bund weitgehende Zernierung der großen politischen Parteien. Die SPD versucht mit medialer Unterstützung zu verschleiern, dass H. Kraft die SPD auf das NRW-SPD- Niveau von 1950 geführt hat. Die CDU hat ihren Wahlerfolg von 2005 in erster Linie der Debakel-Politik Schröders im Bund zu verdanken. Dass die SPD als Oppositionspartei im Bund nicht in NRW stimmenmässig profitiert hat ( aber eine Machtoption evtl.erhalten hat) sondern die Grünen, sollte der SPD zu denken geben. Bei einer Wahlbeteiligung von deutlich unter 60% haben die Nichtwähler offensichtlich die Wahlen entschieden. Im Zweifel löst der altvertraute rote Filz den jüngeren schwarzen Filz ab; getoppt werden könnte das nur durch den kombinierten schwarz-roten Bündnisfilz.

  • 11 Malte // Mai 9, 2010 at 21:18

    Zitat: Nochmal: danke diesem Netzwerk für den Mut und die Entschlossenheit, diese Truppe zu kippen,….

    Wie eklig das doch ist….

  • 12 Spider9999 // Mai 9, 2010 at 21:30

    @ Stephan Scholz:
    “Die SPD hat das bei Landtagswahlen schlechteste Ergebnis aller Zeiten in NRW eingefahren – und verliert sich im Jubel… dafür gibt es keinen Anlass –”

    Doch es gibt durchaus einen Anlass zum Jubel:
    SPD und Grünen ist es gelungen, sowohl in NRW als auch im Bundesrat die Mehrheit der Tigerenten zunichte zu machen – und das ist mehr als gut so ! :-D

  • 13 Laubhaufen // Mai 9, 2010 at 21:35

    Das ist ja alles ganz nett soweit, trotzdem bleiben diverse bitere Nachgeschmäcker.

    Die Wahlbeteiligung zB ist ja wohl mehr als bitter, sollte sich wirklich beinah die Hälfte aller Bürger in NRW von der Politik verabschiedet haben?

    Da sollten die Herrschafften in Berlin und Düsseldorf mal drüber nachdenken

    Ebenso bitter finde ich, dass die SPD ihren offensichtlichen Stimmverlust als Sieg bejubelt.

    Sollte Frau Kraft da etwas verkehrt verstanden haben?
    Ich frage mich da bisweilen, ob es eigentlich eine Grundvorausetzung für den Job des Berufspolitkers ist die Realitäten nicht erkennen zu können.

    Vielleicht findet sich ja wer, der der Hannelore das mal erklärt.

    bis neulich

    der Laubhaufen

  • 14 peter77 // Mai 9, 2010 at 21:43

    Hm, das mit dem Bundesrat trifft wohl zu.
    Als Pessimist erwarte ich folgendes Szenario:

    Variante 1: Die SPD findet sich als Juniorpartner an der Seite der CDU wieder.

    Variante 2: Rot-Grün versucht es mit der Linken wie in Hessen mit den gleichen Ausgang wie in Hessen: Wir werden eine beispiellose Medienhetze erleben mit dem Ergebnis, dass das “Gewissen” von ein paar SPD-Abgeordneten von der CDU aufgekauft wird und/oder Neuwahlen so lange, bis es für Schwarz/Gelb wieder reicht.

  • 15 PJ // Mai 9, 2010 at 22:02

    Variante 1 ist doch ok. Tat und täte dem Bund auch besser zu Gesicht stehen.

  • 16 viele Möglichkeiten // Mai 10, 2010 at 00:39

    Vieleicht findet man nach diesem Ergebnis DIE LINKE in der Schlagwolke von “Wir in NRW”.

  • 17 O.Kremer // Mai 10, 2010 at 01:04

    Sei es drum, ein Transatlantiker weniger für Bertelsmann. Frau Kraft war aber noch nicht eingeladen bei Herrn Mohn, aber das wird sich schnell ändern.

  • 18 Links anne Ruhr/Links zur Wahl (10.05.2010) » Pottblog // Mai 10, 2010 at 08:31

    [...] Waterloo für Rüttgers/Berger/Krautscheid (Wir in NRW) – [...]

  • 19 Michael Mohr // Mai 10, 2010 at 09:04

    Gäbe es diesen Blog nicht, hätten wir noch Schwarz-Gelb in NRW und das wäre schlecht. So zeigt sich, dass der oft gescholtene und als amateurhaft beschimpfte Online-Journalismus in Verbindung mit professionllem Recherche-Journalismus, durchaus eine fruchtbare Symbiose eingehen können. Also, am Ball bleiben.

  • 20 Willibald // Mai 10, 2010 at 10:04

    Zitat: Nochmal: danke diesem Netzwerk für den Mut und die Entschlossenheit, diese Truppe zu kippen,….

    Volle Zustimmung. Tschüß Boris. Bester Planungschef in der Staatskanzlei aller Zeiten. Diese amateurhafte Leistung wird schwer zu toppen sein. Demnächst gibbet wieder Manta-Platten und Panzerkekse wie aus den faden Bundeswehrzeit zum Fressen und keine Scampis. Freu….

  • 21 Soara // Mai 10, 2010 at 12:06

    Coole Seite !

    ich freue mich auch, daß das System Rüttgers gekippt wurde. und hoffe, es ereilt NRW nicht das gleiche Schicksal wie das Saarland, wo der MP ja auch abgewählt wurde…………….

    *Daumen drück*
    und viele Grüße aus *Saarmaika* :o (

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