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Eine fröhliche Opposition

10. Juni 2010 · von Alfons Pieper

pieper_xl2In so guter Laune hat man die SPD selten gesehen. Fröhlich, lächelnd, hoffnungsvoll, gelassen und scheinbar unbeschwert erlebte man rund Tausend jüngere und ältere Sozialdemokraten, aktive und passive Politiker, Partei- und Fraktionsvorsitzende, Ex-Kanzler und Ex-Ministerpräsidenten sowie Sympathisanten und Freunde bei der traditionellen Spargelfahrt, die der so genannte Seeheimer Kreis, das ist die Mitte-Rechts-Gruppierung der Partei, jährlich veranstaltet. Dieses Mal ist es das 49. Treffen dieses einflussreichen Kreises. Es ist der Teil der SPD, der gern regiert, der Gerhard Schröder mag, der gern Joachim Gauck ins Schloss Bellevue heben würde und den die Frage umtreibt, ob es Hannelore Kraft, die Spitzenfrau der SPD in NRW, schafft, Ministerpräsidentin des bevölkerungsreichsten Landes zu werden.

Fast hatte man den Eindruck, die SPD wollte auf der Spree einen Spruch ihres früheren Vormannes Franz Müntefering vergessen machen. Opposition sei Mist, hatte der mal zu Kanzler Schröders Zeiten gesagt. Aber an diesem herrlichen Sonnen-Abend ist davon nichts zu spüren. Im Gegenteil, Opposition kann schön sein, weil man nicht wegen einer Sparpolitik verprügelt wird, weil man nicht dauernd durchs Fegefeuer der öffentlichen Kritik gejagt wird. SPD 2010, das ist eine Partei, die geschont wird. Agenda 2010, das war gestern. Jetzt steht Merkel im Rampenlicht und die Opposition genießt es, dass sie dort nicht steht.

Natürlich spürt man gerade im Kreise der Seeheimer die Sehnsucht, wieder regieren zu wollen. Damals haben sie Willy Brandt unterstützt, als er Kanzler war, dann Helmut Schmidt. Heute freuen sie sich über den Auftritt des Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, der ihnen das Gefühl vermittelt, er könnte es schaffen. Ungeachtet aller Zahlen und Rechnungen, die eigentlich anderes besagen. Wie der sein Freiheitsgelübde ablegt als Lehre aus zwei Diktaturen, die der einstige Pfarrer und Bürgerrechtler und Stasi-Gegner, das zieht die Menschen auf der “Paloma” in ihren Bann. Und da spielt es keine Rolle, dass Gauck parteilos ist. Und auch so auftritt.

Auch die SPD-Führung vermeidet den Eindruck, als wollte sie Gauck vereinnahmen. Sigmar Gabriel, der SPD-Chef, versichert dem Kandidaten sogar die Unterstützung und Sympathie der Partei, wenn Gauck Dinge sage, die der SPD nicht gefielen. Auch da applaudieren die Genossen. Man wird auf den Ernstfall warten müssen.

Weil alles so schön ist an diesem Abend außer dem Spargel, den der Koch zu früh aus dem Wasser genommen hat und der beinhart serviert wird, kommt auch so etwas wie Vorfreude auf. Die Rede ist von NRW, von Hannelore Kraft. Hans-Jochen Vogel, der alte Fahrensmann der Partei, der ihr viele Jahre gedient hat und dem sie manches verdankt, räumt offen ein, dass er der Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin diesen Weg so nicht zugetraut hätte. Eindrucksvoll, sagt er, habe sie die SPD aus den Tiefen wieder ans Licht geführt. Meinen Sie, dass sie es schafft? Hoffen und Bangen. Es liegt ja mehr an der FDP und den Grünen, ob eine tragfähige Koalition zustande kommt.

NRW, das schmerzt die Genossen noch heute. Sie leiden darunter, dass sie 2005 aus dem Amt in Düsseldorf gejagt worden sind. Vom Wähler. Kaum einer hatte vor einem halben Jahr an einen möglichen Wiederaufstieg in so kurzer Zeit gedacht. Und jetzt sind die Hoffnungen da.

Es passt ins Bild, dass Christina Rau, die Witwe des einstigen Bundespräsidenten und beliebten NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau, an Bord ist. Ihr Erscheinen signalisiert, dass die Partei begriffen hat, das Denkmal Rau nicht dem amtierenden CDU-Regierungschef Jürgen Rüttgers zu überlassen. Auch das hat Frau Kraft geändert und ihn zurückgeholt in die SPD.

Acht Monate nach der schlimmsten Wahlniederlage im Bund fühlt sich die SPD wieder im Kommen. Und den Seeheimern ist es gerade recht so. Dank des lächelnden Gauck, der ihnen durch seinen Auftritt und seine Worte Optimismus und Nachdenklichkeit einflößt, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, ob er es wirklich schaffen könne. Das scheint nicht sein Thema zu sein. Er redet über das Vertrauen, das die Politik braucht und das sie zurückgewinnen muss. Und immer wieder über das, was er den Leitstern über seinem Leben nennt: die Freiheit. Zum Thema des Tages, die Sparpolitik der Regierung, sagt er ausdrücklich nichts. Und bekommt dafür den Applaus. Gauck redet davon, dass es nicht darauf ankomme, Genuss und Wohlbefinden stetig zu steigern. Er sagt Verantwortung und meint die Verantwortung für den anderen.

Als das Schiff ablegt und auf den Wannsee hinaus fährt, ist Gauck schon weg. Wegen anderer Termine? Mag sein. Aber möglich auch, dass der Kandidat von SPD und Grünen unabhängig bleiben mag. An diesem Abend und sicher auch später- an welchem Platz auch immer.

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9 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 dr.friedrich schreyer // Jun 10, 2010 at 08:33

    “…Als das Schiff ablegt und auf den Wannsee hinaus fährt, ist Gauck schon weg. …”

    Das trifft mich doch, da kommen erste Zweifel bei mir auf. Das finde ich dann doch etwas seltsam. Warum ist er dann gekommen? Oder war das so vereinbart??

  • 2 dr.friedrich schreyer // Jun 10, 2010 at 08:36

    Was hat Gauck denn in voller Länge gesagt. Mich würde jetzt interessieren, ob da einiges von dem stimmt, was die LINKE jetzt so heftig kritisiert.

  • 3 Matthias Albrecht // Jun 10, 2010 at 14:04

    Einen Audiolink der Rede auf dem Schiff gibt es hier:

    http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio54290.html

    Gruß Matthias

  • 4 zoom » Umleitung: Geißler, Wanne-Eickel, Blogger und Gauck, SPD als fröhliche Opposition. « // Jun 11, 2010 at 00:01

    [...] die Sparpolitik der Regierung, sagt er ausdrücklich nichts. Und bekommt dafür den Applaus … WirInNRW Tags »   Gauck, Geißler, SPD, Wanne-Eickel « Trackback: [...]

  • 5 Max.Flügelschmied // Jun 11, 2010 at 07:10

    Es dürfte sehr interessant werden wie sich die ganzen Facebook und sonstige Innitiativen auswirken. Die Zeichen sind eindeutig Wulf hat die Mehrheit und die Linke wird durch ihr Verhalten Herrn Wulf mit wählen. Sollte es NRW Neuwahlen geben wird der Wähler das zu quittieren haben. Es ist für mich eine ernste Sache wenn Leute in der Partei „die Linke“ die DDR hochhalten.

  • 6 Michael Mohr // Jun 11, 2010 at 08:30

    Nach diesen Morgennachrichten über das Scheitern der Sondierungsgespäche für eine Ampel in NRW, glaube ich nun auch, dass Neuwahlen der einzig mögliche Weg aus dem Dilemma sind.

    Als Außenstehender muss man ja wirklich den Eindruck haben, dass Herr Papke von der FDP alleine die Richtung angibt und sagt, was “seine Partei” in NRW darf oder nicht darf.
    Herr Papke ist nun mal strikt gegen eine Ampel.

    Soweit bisher bekannt, war ja noch nicht einmal die Schul- oder Bildungspolitik das Hauptproblem in den Gesprächen.

    Unüberwindbar sind wohl die Einstellungen zur Energiepolitik. Die FDP ist und bleibt eine Partei der Atomkraftfetischisten und damit Interessenvertreter der großen Konzerne wie RWE und Vattenfall.
    Dabei möchte ich zu bedenken geben und vielleicht hat dies bei den Gesprächen auch eine entscheidende Rolle gespielt, dass NRW ein “Umschlagplatz für Atommüll” ist.
    Der gesamte Atommüll und vor allen Dingen die Castor-Transporte nach Gorleben, gehen durch NRW. Im kommenden Herbst werden Castor-Transporte von bisher nicht gekannter Größe und Menge durch NRW rollen.

    Die Vorbereitungen für Groß-Demonstrationen dagegen sind in vollem Gange.
    Natürlich hätte eine Ampel solche Transporte nicht verhindern können, aber ein Zeichen aus NRW ist nötig, dass der Ausstieg aus dem Ausstieg verhindert wird und der Atommüll nicht weiter anschwillt.

    In Sorge, M.M.

  • 7 Reinbert Hauser // Jun 12, 2010 at 19:03

    Papke ist zudem erklärter Gegner der Windkraft. Er spricht ausdrücklich von “Windindustrieanlagen”, weil sie nach seiner Diktion eigentlich gar keine Energie erzeugen. Ich habe ihn zweimal in Bürgerversammlungen gehört – mit dem kann kein Grüner (und auch nur ganz wenige andere Menschen) friedvoll zusammenarbeiten. Mit sozialliberal ist bei dem nix zu holen.
    Liebe NRW-FDP: Spaltet euch doch! Die paar Genscher-, Baum-, Hirsch-Jünger die noch da sind, melden sich bei der Piratenpartei an und koalieren mit rot-grün. Gute Idee, oder?

  • 8 soschautsaus // Jun 12, 2010 at 19:33

    Was Herr Mohr hier beschreibt ist genau das, was man derzeit bei einigen Sozialdemokraten beobachten kann. Hannelore Kraft schreitet durch die Parteilandschaft, gibt eine Absage nach der nächsten raus, sei es am linken Rand oder mit der CDU, und meckert dann anschließend noch, dass niemand bereit sei, das Parteiprogramm der SPD zu kopieren. Oder sich in den Inhalten zu entwickeln, wie sie es euphemistisch umschreibt.

    Hin und wieder kommt dann auch der Hinweis zur FDP, dass diese sich gefälligst wieder als “richtige” liberale Partei aufstellen solle. Also als Partei, die hier in NRW nie eine Rolle gespielt hat. Richtig handelt man nämlich nur, wenn man sozialdemokratisch handelt. Alles andere ist grober Unfug, wie es die Autoren dieses Blogs -natürlich stets objektiv – beweisen.

  • 9 HansPeter.Stein // Jun 13, 2010 at 18:26

    Was sind denn hier für Traumtänzer unterwegs? Ein Hans-Jochen Vogel, “… räumt offen ein, dass er der Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin diesen Weg so nicht zugetraut hätte. Eindrucksvoll, sagt er, habe sie die SPD aus den Tiefen wieder ans Licht geführt.”

    Zum schlechtesten Ergebnis, das die SPD in NRW je eingefahren hat? By the way, wen, außer eingefleischten SPD-Traditionalisten, interessiert eigentlich das Gelaber des Herrn Vogel?

    Eine Christina Rau, deren “… Erscheinen signalisiert, dass die Partei begriffen hat, das Denkmal Rau nicht dem amtierenden CDU-Regierungschef Jürgen Rüttgers zu überlassen….” – Lassen Sie doch die CDU Werbung für Mehltau machen – das Nichtstun Raus zu wiederholen kann doch wohl nicht das Programm fürs 21. Jahrhundert sein!

    Alles in allem – eine gescheiterte Partei mit zweitklassigen Politschauspielerinnenn in der ersten Reihe auf dem Weg in die absolute Bedeutungslosigkeit!

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