
Das zweite Opfer der Rücktritteritis - Bundespräsident Köhler , Bild Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bundesbildstelle
Die deutsche Sprache wandelt sich im Laufe der Zeit dann doch auch durch den Erfindungsreichtum nicht zuletzt der Redenschreiber im politischen Gewerbe. „Ausschließeritis“ ist so eine verbalisierte Hirnwindung, die es schaffen könnte, in die engere Wahl für das Unwort des Jahres 2010 zu kommen. Wir wollen nun ein neues hinzufügen: die „Rücktritteritis“ als Begriff für eine neue Krankheit, die offensichtlich politische wie andere Würdenträger zu befallen scheint. Krankheit deshalb, weil mit der zunehmenden Anzahl von Rücktritten, das öffentliche Verständnis diametral abnimmt. Erhielt Walter Mixa für seinen Rücktritt vom Augsburger Bischofsamt noch ungeteilte Zustimmung, war es bei Roland Koch schon zwiespältiger. Hatte der Mann sich nicht für fünf Jahre wählen lassen? Unabhängig davon ob man den Hardliner aus Wiesbaden mochte oder nicht, warf sein Rücktritt doch erste Fragen auf, ob nicht was Pathologisches mitschwang in der Begründung mit der anderen Lebensplanung. Spätestens bei Horst Köhler reift die Idee zur Gewissheit, es muss etwas mehr im Rücktrittspiel sein als rationale, politische Analyse oder das unabwendbare Eingestehen politischer Fehlleistungen. Auf jeden Fall etwas Ansteckendes, irgendein neuer Erreger, gegen den sich die sonst so resistenten politischen Dickhäuter offensichtlich nicht wehren können. Wenn ein paar kritische Stimmen und Artikel einen Bundespräsidenten aus den Schuhen schubsen können, sollte man die Wirkung des Krankheitskeims keineswegs unterschätzen. Zumal es Anzeichen gibt, dass es sich bei der Rücktritteritis um eine Zwangshandlungen auslösende Form handeln muss. Oder gibt es eine andere Erklärung dafür, dass Horst Köhler seinen Rücktritt vom Blatt ablas und die sofortige Wirkung hinterherschob, als hätte er diesen Effekt zum ersten Mal wahrgenommen und sich insgeheim fragte: “Was tue ich hier eigentlich?”
Es gibt nun erschreckende Anzeichen dafür, dass die Rücktritteritis auch mutieren kann und absolut Rücktrittresistente befällt. In Düsseldorf gibt es einen ersten Fall. Die dortige Landtagspräsidentin hat ihren Rücktritt erklärt. Ein Vorgang der alle Beobachter in maßloses Erstaunen versetzte, denn die Frau klebte an ihrem Amt als wäre sie ein Testimonial für den politischen Langzeitkleber des Jahrhunderts. Noch vor wenigen Wochen streifte sie durchs Land um andere CDUler zum Rücktritt aufzufordern, damit sie an den geliebten Arbeitsplatz zurückkehren kann. Auch der Skandal um die von der RAG kassierten 30.000 Euro als Sitzungsgeld für wenige Beiratssitzungen focht die dickfellige Textilingenieurin in keiner Weise an. Ihr eigenwilliges Umgehen mit den Parteimitgliedsbeiträgen wurde von ihr abgetan, als ob es mit ihr nichts zu tun hätte. Und ein Rechtsaußen im eigenen Wahlkampfteam war nicht mal einen Kommentar wert. Nein, bei einem so anerkannt hohen Grad an politischer Anstandsresistenz müssen außergewöhnliche Dinge passiert sein, die einen so radikalen Wandel der van Dintherschen Äußerungen erklären. Denn politisch isoliert war die Frau außerhalb der Frauenunion schon lange, verhasst bei ihren Mitarbeitern sowieso. Auf zuletzt gutes Zureden selbst der Bezirksoberen hörte sie nicht und die Funkstille zur Staatskanzlei ließ sie bisher nicht innehalten. Und jetzt soll ein staubtrockenes Gutachten aus Münster plötzlich der Grund sein, dass zu tun was ihr Parteifreunde wie -feinde seit Monaten nahelegen? Das kann gar nicht sein. Wir identifizieren das äußerst aggressive bakterium politicus rücktrittus als Ursache. Der Keim hat sich Ihrer offenbar bemächtigt und fremdgesteuert. Das Wort Rücktritt soll nämlich im Wortschatz der 52-jährigen gar nicht vorkommen, wissen Vertraute.
Die Folgen dieses ersten Düsseldorfer Falls der Rücktritteritis und einer möglichen Epidemie sind im Moment in keiner Weise abzusehen. Selbst die willfähigen Politastrologen wie Prof. Korte werden kaum vernünftige Erklärungen finden für das, was im Fall van Dinther zu Tage trat und welche Kreise dies noch bei den bisher Mächtigen zieht, ist unabsehbar. Man stelle sich vor, der Erreger greift um sich! Jürgen Rüttgers würde plötzlich für immer in Pulheim bleiben, Boris Berger die Staatskasse von seiner Anwesenheit entlasten, Andreas Krautscheid der Partei einen Neuanfang ermöglichen und Frau Müller Piepenkötter würde sich selbst Einzelhaft verordnen! Offenbar aufgeschreckt durch dieses Horrorszenario soll die Unionsspitze führende Restistenzologen beauftragt haben ein Antiserum zu entwickeln. Nicht bestätigten Gerüchten zufolge, will man Edgar Moron (SPD) als Basisspender gewinnen. Der Mann hat ebenfalls bei der RAG kassiert und wäscht seine Hände nach wie vor in Unschuld.











11 Antworten bis jetzt ↓
1 ingeborg // Jun 9, 2010 at 15:51
Das Antiserum mit dem Basisspender wird für die Unionsspitze ein Reinfall da er offensichtlich nicht von bakterium politicus rücktrittus infiziert ist. Oder gibt es das Serum etwa schon und er ist grundimmunisiert? Oder ist die Krankheit noch nicht ausgebrochen? Fragen über Fragen. Hat er gespendet? Wem und wann?
Wer ist Frau Müller-Piepenköther
gruss i.
2 Düsseldorf - Blog - 09 Jun 2010 // Jun 9, 2010 at 21:18
[...] Rücktritteritis – jetzt auch in Düsseldorf! [...]
3 Wähler // Jun 10, 2010 at 04:05
A U F H Ö R E N
das ist ein ernstzunehmender Angriff auf meine Bauchmuskulatur!
Diametral bekomme ich jetzt Diarrhoe….
Gruss ihr Schlawiner..
4 Kaspar Hauser // Jun 10, 2010 at 06:55
@ingeborg:
Danke für den Hinweis, ist jetzt korrigiert.
5 willy // Jun 10, 2010 at 13:56
Nee, liebe Leute, das ist zuviel. Schluss mit van Dinther.
6 Rheinsprotte // Jun 10, 2010 at 14:04
Da kommt doch Hoffnung auf! Mir fallen gleich ein paar weitere Kandidaten ein, die unbedingt von der Rücktritteritis befallen werden müssen z.B. die Regierungspräsidenten Büssow, Lindlar und Diegel, die ihre Behörden entweder privat- oder parteiinteressenorientiert führen.
Und natürlich Jogi Löw, wenn er denn tatsächlich Klose spielen lässt statt Cacau oder Kiessling.
7 ingeborg // Jun 11, 2010 at 14:53
Langsam glaube ich auch an eine Epidemie. Das Bakterium ist wiederum mutiert (BPM) und führt nunmehr zu Blindheit. Beweis – man kann z.B. den Artikel 55 GG nicht lesen. Eventuell hilft ein Ausflug in die Berge mit einem guten Freund der auch Zeit hat und kochen kann. Natürlich ohne Frauen.
Landtagsjuristen gelten als sicheres Heilmittel.
gruss i.
8 emden09 // Jun 12, 2010 at 11:01
Ja, ich habe auch gelacht, aber mir doch eine Pointe erhofft in der etwas klarer würde, WARUM deise seltsame Krankheit nun ausgerechnet Frau D. befallen hat. Bei allen anderen wäre mir eine feindlich verabreichte plötzliche Überdosis politischen Anstands (sozusagen der “goldene Schuss”) als Erklärung Recht gewesen. Aber Frau D. war doch bisher selbst gegen Infusionen mit diesem Kraut resistent. WARUM also, WARUM nur?
9 NRW Bürger // Jun 12, 2010 at 18:07
Frau van Dinther scheint doch auf einem Wege der Besserung oder sagen wir mal Ihr wurde das richtige Mittel verordnet. Der gute Edgar Moron
als langgedienter Empfänger scheint resistent. Das
wäre ein guter Ansatzpunktfür die neue, alte
Opposition.
10 ingeborg // Jun 13, 2010 at 09:26
Nach zähen, langwierigen Forschungen habe ich den auslösenden Mechanismus identifizieren können. Er tummelt sich in der letzten Sequenz und sendet unmissverständliche kranke Signale.
http://www.youtube.com/watch?v=ymeQWJP6_3U
gruss i.
11 Dave // Jun 20, 2010 at 15:00
Gegen den Erreger Rücktritteritis ist noch keine Impfung in Sicht, da alle verfügbaren Mittel für die Bekämpfung der schrecklichen Schweinegrippe aufgebraucht wurden.
Am 30. Juni droht der nächste Ausbruch von Rücktritteritis, der viel größere Dimensionen einnehmen könnte, laut verlässlicher Quelle “Der Spiegel”:
“Im Kanzleramt gilt die Präsidentenwahl
als Schicksalstag. Sollte Joachim Gauck,
der Kandidat von SPD und Grünen, ins
Schloss Bellevue einziehen, wäre dies der
letzte Beleg, dass Merkel keine Gestaltungs – und Durchsetzungskraft mehr hat. Es wäre
das Ende der Kanzlerschaft Merkels.”
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