Wenn man ihm begegnet, grüßt er fast immer mit „Glückauf“. Da weiß man, woher Norbert Römer kommt. Er ist ein Mann der Kohle, obwohl er nie unter Tage gearbeitet hat. Aber als ehemaliger Chefredakteur der IGBE-Zeitschrift “Einheit” und als Pressesprecher der Bergbau-Gewerkschaft ist er der Kohle auf ewig verbunden. Der 63-Jährige ist ein Mann des Reviers. Er stammt aus Castrop-Rauxel. Am heutigen Freitag wird Römer zum Fraktionschef der NRW-SPD im Düsseldorfer Landtag gewählt. Er tritt an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und ihrer rot-grünen Minderheitsregierung die Mehrheiten zu besorgen. Er muss ihr den Rücken frei halten, er muss die Politik im Hintergrund organisieren. Zusammen mit Reiner Priggen, dem grünen Fraktionschef. Auf die beiden erfahrenen und mit allen Wassern gewaschenen Abgeordneten wird es nun ankommen, der Koalition die parlamentarische Basis für ihr Regierungshandeln zu besorgen. Schon der erste Debattentag, nur wenige Minuten nach Vereidigung der Minister, zeigte wie schwierig dieses Projekt wird. Vor allem der „heimliche Oppositionsführer“ Gerhard Papke von der Mini-FDP wird sich als wortgewaltiger Gegenspieler positionieren.
Doch solche Aufgeregtheiten beeindrucken Römer nicht, er wirkt stets ruhig und gelassen, auch ein wenig fröhlich. Das kann man nach all den Anstrengungen der letzten Monate verstehen. Römer hat daran mitgewirkt, die nach dem Wahldesaster 2005 am Boden liegende einst so stolze SPD wieder aufzurichten. Dabei galt es darauf zu achten, dass der Laden nicht auseinanderbrach. 39 Regierungsjahre hatten die Partei ermüdet, sie war am Ende. In der Boxer-Sprache würde man sagen: Sie war angezählt und schwer getroffen, aber dann stand sie, noch ein wenig benommen, wieder auf.
Die Lage ist so: Von 300 000 Mitgliedern sind nur 40 Prozent geblieben, viele, Zehntausende verließen ihre parteipolitische Heimat in den Regierungsjahren von Gerhard Schröder. Vertrauen war verloren gegangen, die SPD wurde nicht mehr als bodenständig empfunden, nicht mehr als die Partei wahrgenommen, die sich um die Arbeiter, überhaupt um die Menschen kümmert, vor allem um den kleinen Mann. Die Verlässlichkeit war dahin. Wer das Ruhrgebiet kennt, weiß, dass das ein ganz schwerer Brocken war.
Norbert Römer ist stets ein Mann des Reviers geblieben, ein Kumpel-Typ, auf dem man sich verlassen kann. Er ist loyal nicht nur zu seiner Chefin. Schaut man sich seinen Werdegang an, so hat er sich von der Pike raufgearbeitet, erst kleiner Journalist, dann Gewerkschaftssekretär, am Ende Landtagsabgeordneter der SPD in NRW, Chef des Bezirks Westliches Westfalen, Schatzmeister der Partei. Unter Führung von Hannelore Kraft und der Mitarbeit von Norbert Römer ist es gelungen, Vertrauen zurück zu gewinnen, weil beide nie abgehoben haben und immer bei den Leuten geblieben waren. “Wir sind noch lange nicht am Ziel”, räumt Römer heute ein. “Da gibt es noch manche Baustelle, die wir aufräumen müssen, manche Zweifel, die wir beseitigen müssen.”
Er ist seit einiger Zeit der starke Mann hinter Hannelore Kraft. Und es heißt, ihm sei es gelungen, das Vertrauen der Sozialdemokratin aus Mülheim zu gewinnen, was kein leichtes Spiel gewesen sein kann. Denn sie gilt als ausgesprochen misstrauisch. Was man wiederum verstehen kann, wenn man die letzten Jahre im Ruhrgebiet verfolgt und manchen Gesinnungswandel einiger ihrer so genannten Parteifreunde erlebt hat. Hannelore Kraft war nach dem Machtverlust an Rhein und Ruhr ziemlich allein und alleingelassen.
Dass Kraft schon in den letzten Monaten immer wieder in Betriebe ging und dies auch als Regierungschefin beibehalten will, dass die SPD wieder die Kümmerer-Partei werden will, darauf weist Römer nur allzu gern hin. Dazu passt, dass die SPD die Ergebnisse ihrer Sondierungen mit anderen Parteien stets mit der Parteibasis diskutiert, sich immer wieder vor Ort die Zustimmung zu ihren Plänen bei den Mitgliedern geholt hat. Immer nah an den Menschen bleiben, ihren Alltag erleben, damit Politik nicht an den Nöten der Arbeitnehmer vorbei gemacht wird. So war es guter Brauch im Ruhrgebiet, so hat es Kraft erfahren im Revier, so hat es auch Römer über Jahrzehnte im Bergbau gelernt. Das Zechensterben drohte eine ganze Region in einen Friedhof zu verwandeln. Aber mit Hilfe der Gewerkschaft, die damals noch IGBE hieß, und eben auch mit den SPD-geführten Landesregierungen gelang es, den Strukturwandel so zu organisieren, dass niemand ins Bergfreie fiel. So heißt das in der Sprache der Kumpel.
Dem Arbeitnehmer helfen, damit der Region geholfen wird, damit es keine Unruhen gibt, das war der Sinn der Politik damals. Damals ging es um große Konzerne, längst hat es viele andere Bereiche erwischt und auch dort muss der Wandel sozialverträglich gestaltet werden. Eine Herkules-Aufgabe, an deren Gelingen gerade sich die Zukunft der alten Arbeiterpartei SPD entscheiden kann
Wer Norbert Römer von früher kennt, urteilt: Ein knallharter Rechter. Nun, er war immer ein eher konservativer Sozialdemokrat, kein Kommunisten-Freund und kein Anhänger linker Spinnereien. Wer ihn heute erlebt, wird konstatieren, dass er an Statur gewonnen hat. In den Sondierungsgesprächen gab er den Abräumer für seine Chefin, den Mann fürs Grobe. Die CDU, namentlich Jürgen Rüttgers, wissen davon ein Lied zu singen. Das Ziel war, und daran hat er mitgewirkt: Hannelore Kraft muss Ministerpräsidentin werden.
Der Mann der Kohle ist Römer geblieben, aber natürlich haben in den Koalitionspapieren auch die erneuerbaren Energien und der Klimaschutz ihren Platz gefunden. Was er mit seinem politischen Gegenüber bei den Grünen, Reiner Priggen, beim Thema Energie ausgehandelt hat, hat auch seine Kritiker überzeugt. Römer: “Wir machen aktive Industriepolitik für NRW”.
Die Minderheitsregierung war nicht das Wunschergebnis. Aber die Wahl und die Sondierungsgespräche haben nun mal dazu geführt, dass NRW künftig von Rot-Grün regiert wird, ohne dass die Koalition über eine absolute Mehrheit verfügt. Also muss eine Mehrheit im Landesparlament für bestimmte Gesetzesvorhaben gesucht werden. Das wird die Stunde des Parlaments werden können. Dann ist neben der Chefin auch der Fraktionschef der SPD, Römer, gefragt, sein Verhandlungsgeschick wird er einbringen müssen. Er gilt ja als ein Mann des Ausgleichs, der Partnerschaft, der betont, das Kapital habe dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. Und das Ringen um soziale Gerechtigkeit ist sowieso das Thema der Ministerpräsidentin wie ihres Fraktionschefs.
Auf die Zukunft des Industrielandes NRW, die Zukunft der dort lebenden 18 Millionen Menschen angesprochen, zitiert Norbert Römer einen seiner alten Vorbilder, den früheren IGBE-Chef und Ex-SPD-Bundestagsabgeordneten Adolf Schmidt: “Wir machen mit anständigen Mitteln anständige Politik für anständige Menschen.”












7 Antworten bis jetzt ↓
1 Kommentator // Jul 16, 2010 at 11:46
Er scheint ja so ein toller Hecht zu sein, dass gestern beim Thema Studiengebühren schon einmal alles schief gegangen ist, was schief gehen kann. Es läuft echt super mit dieser Minderheitsregierung. Das neue Kabinett ist ja wohl ebenfalls lachhaft, wird aber vermutlich in wenigen Stunden schon hier auf diesem ach so kritischen Blog gefeiert werden. Liebe Leute, macht die Augen endlich auf! Ihr habt zu Recht auf Rüttgers und Co. rumgehackt, aber jetzt muss es kritisch weitergehen, oder ihr macht endlich ein SPD-Logo auf den Blog.
2 albertus28 // Jul 16, 2010 at 18:18
hat sich denn der schwarze Kanal”ala Schnitzler DDR” nicht erledigt;
Alois Pieper bekommt auch noch einen Posten zB
Botschafter von NRW in Nord-Korea.
3 Wähler // Jul 17, 2010 at 03:01
Das finde ich gut Herr Alfons Pieper, das Sie Herrn Gerhard Papke von der Mini-FDP als Polittrottel darstellen. Selten so eine Offenheit gesehen, ihr Blog lohnt sich.
Gruss
4 AuchEinWähler // Jul 19, 2010 at 13:56
Für alle, die Politik ja per se immer besser machen würden, als die Handelnden, aber den Hintern gar nicht erst von der Couch oder vorm Rechner hochkriegen: Diese Minderheitsregierung zeugt von Mut. Es gibt sie, in dieser Form, bundesweit zum ersten Mal und sie setzt auf echte Demokratie mit wechselnden Mehrheiten. Das auf den Weg gebracht zu haben, impliziert neben einer gehörigen Anstrengung auch eine besonnene und zuversichtliche Haltung. Und die kaufe ich Norbert Römer und den übrigen der Regierungskoalition, nach ihrem ruhigen aber gezielten Auftritt der letzten Wochen, ab.
5 wolfgang1951 // Jul 20, 2010 at 22:06
Ich glaube es wird sich was ändern. Denn wie unter Rüttgers kann auch eine CDU unter Laumann nicht weitermachen. Wenn erst der Katzenjammer verflogen ist und das Aspirin seine Wirkung zeigt, muß auch in dieser Union wieder Leben einkehren. Ewig kann man auch dort nicht trauern, nur weil es jetzt in NRW wieder nach vorn geht.
6 Friedel Gerricke // Jul 25, 2010 at 10:37
Da zeichnen Sie aber einBild von Norbert Römer, dass aber sehr von der realität abweicht. Römer ist jemand, der keine Kritiker duldet und auch schon mal als Pressesprecher IGBE gegen ihn misslibiege Journalisten gern bei Chefredakteuren vorstellig wurde.
Römer ist dem unsäglichen Wolfgang Clement sehr artverwandt. Das zeigt schon die tatsache, dass sich der junge Norbert Römer bei seinem damaligen Chef, dem “Ekel von Datteln” (Eigenbegriff über den damaligen SPD-Bürgermeister) und einstigem Chefredakteur der “Einheit” als Dritter im Redaktionsbunde gern Liebkind machte.
Er wußte stets, wie man sich im Winde zu drehen hat, um immer gut voran zu kommen. Auch das beherrschte sein Vorbild Wolfgang Clement stets.
Nun stützt er ersteinmal die Kraft – doch das Misstrauen sollte sich die Mülheimerin gerade gegen Römer bewahren. Denn die Unterstützung durch den “Kohle-Mann” gibt es garantiert nur so lange, wie es Norbert Römer selber nützt. Der Mann will weiter nach oben. Zielstrebig. Und dabei – dass hat er als Jungredakteur schon bei der IGBE bewiesen – setzt er gern auch mal seine Ellenbogen ein, um für sich Platz zu machen und andere zu Boden zu werfen.
Übrigens: Wenn es ihm persönlich nützt, dann läßt er auch schon mal die Kohle Kohle sein…Die Kumpel an der Ruhr sollten das eigentlich längst wissen.
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