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Laschet und Röttgen wie einst Kohl und Strauß – Männerfreunde, Parteifreunde

28. August 2010 · von Theobald Tiger

Kämpft um den Vorsitz der NRW-CDU: Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Foto: BMU

Kämpft um den Vorsitz der NRW-CDU: Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Foto: BMU

Die Ferien sind zu Ende. Jürgen Rüttgers kehrt zurück. Die CDU hat wieder Führung, hat wieder ein Gesicht. – Jürgen wer? Sechs Wochen Atempause auf dem eigenen Anwesen in Südfrankreich haben den einst unumschränkten Herrscher der Christdemokraten im Rheinland und in Westfalen vorgeführt, was er wirklich ist: ein Abgewählter. Nicht nur im Staatsamt, jetzt auch in seiner Partei. Der Mann, der mit 59 Jahren seine politische Zukunft schon hinter sich hat, der den Übergang in der CDU moderieren wollte, wird nicht mehr gebraucht. Jürgen Rüttgers hat seine Partei in Trümmern zurückgelassen. Nun wollen zwei aus den Rüttgerschen Ruinen ein stabiles Gebäude errichten. Norbert Röttgen und Armin Laschet. Baumeister ist keiner von Ihnen. Einen Architekten wie Rüttgers brauchen sie aber schon gar nicht.

Nehmen wir zunächst einmal Armin Laschet. Der ehemalige Frauenminister hat in den vergangenen fünf Regierungsjahren zahlreiche Affären hinter sich gelassen und sprang am desaströsen Wahlabend flugs rheinisch hinterlistig vor jede Kamera, um der CDU wenigstens noch ein verlegenes Lächeln zu verpassen. Geholfen hat dem kleinen Aachener dieser Schachzug vom 9. Mai nur wenig. In die erste Reihe haben ihn die Rüttgers, Krautscheids und Laumanns nicht gelassen. Laschet musste gar mehrere lange Abende mit Laumann in dessen Wohnzimmer-Kneipe „Zum Dröje“ im Düsseldorfer Kreativ-Viertel rund um die Lorettostraße tief ins Glas schauen, um wenigstens den Dienstwagen zu sichern. Die Fraktion nämlich wollte den Karrieristen aus dem System Rüttgers nicht als ihren Vorsitzenden. Ebenso wenig wie Angela Merkel, die den am Zaun des Kanzleramtes rüttelnden Laschet nach der Bundestagswahl nicht einmal zum Gespräch vorließ. Der Traum vom Bundesintegrationsminister blieb eine Schäfchenwolke am Himmel über dem Tivoli. Da ließ Laumann seinen Parteifreund nach vielen Pils, Kölsch und Korn in den abgespeckten Dienstwagen eines CDU-Fraktionsgeschäftsführers steigen und packte ihm noch eine halbe Abgeordnetendiät obendrauf. Mit gut 15 000 Euro im Monat konnte für Laschet der Totalabsturz vom Minister zum einfachen Abgeordneten gerade noch abgefangen werden.

Laschet, der ewige Zweite, hat es in seiner Karriere nie ganz nach oben geschafft. Er war Kofferträger bei Rita Süßmuth. Dass er zur legendären Bonner Pizza-Connection von jungen CDU-Abgeordneten und Grünen gehörte, wird in diesen Tagen hervorgezaubert, um Laschets angebliche frühe politische Weitsicht zu unterstreichen. Er selbst verschwieg diesen Umstand gern, solange die CDU auf Konfrontationskurs zu Grün war. Und da es Laschet selbst in dem schwarz-grünen Geheimbund zu keiner Bedeutung brachte, erinnerte sich zuletzt kaum einer der politischen Beobachter oder Parteifreunde an dessen grünen Anstrich. Laschet war eben immer gerade das, was angesagt war.

Zuletzt war er ziemlich schwarz. Er empörte sich, wenn reihenweise Skandale aus Rüttgers´ Regierungsapparat aufgedeckt wurden. Über die Unverschämtheit, den Unantastbaren mit Vorwürfen zu überziehen – nicht über die Verfehlungen in dessen Verantwortungsbereich. Vielleicht schlug er sich auch auf die Seite der affärengeplagten Parteifreunde in der Staatskanzlei, weil in seinem eigenen Ressort vieles unrund lief. Dabei wurde doch in Laschets Ministerbüro oftmals bis tief in die Nacht gearbeitet.

Verlegenheitskandidat des Rüttgers-Lagers: Armin Laschet. Foto: nrw.de

Verlegenheitskandidat des Rüttgers-Lagers: Armin Laschet. Foto: nrw.de

Nun ist der Aachener Kreisvorsitzende der Verlegenheitskandidat des Rüttgers-Lagers. Laumann, der bullige Westfale, ist kein Mann für den Parteivorsitz. Als Fraktionschef kann er ausgleichen und angreifen. Mehr nicht. Der Charme des lächelnden, gewinnenden Spitzenkandidaten und damit des Herausforderers der nach wenigen Monaten schon sehr beliebten SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (Platz 6 der beliebtesten deutschen Politiker im ZDF-Politbarometer) ist Laumann nicht auf den Leib geschrieben. Rüttgers´ Favorit war Andreas Krautscheid. Der Generalsekretär. Der Mann, der nach den Wüst- und Berger-Affären in der CDU-Zentrale im Frühlingswahlkampf der CDU die Macht retten sollte. Das Ergebnis ist bekannt. Krautscheid badet nun selbst Affären und Niederlagen aus, die er in den letzten Monaten anhäufte. Er hat durch seinen panikartigen Konfrontationswahlkampf wohl die letzten und entscheidenden 1,5 Prozent verspielt, die Rüttgers und der schwarz-gelben Ministerriege den Job kosteten. Nun verspielt er auch noch seinen eigenen Job. Denn als Generalsekretär brachte er nahezu den gesamten Parteiapparat gegen sich auf. Von Lauschangriffen auf einzelne Mitarbeiter der CDU-Organisation ist die Rede, dem einstigen Wasserträger von Jürgen Rüttgers steht bei einigen Vorgängen das Wasser bis zum Hals, berichten Kenner der CDU-Parteiorganisation.

Krautscheid ist ein Trickser. So drängte er den kleinen lächelnden Laschet mitten in der Sommerpause, seine Kandidatur für den Parteivorsitz bekanntzugeben. Großes Hallo und Tamtam, Laumann und Krautscheid nahmen sich ihren Hoffnungsträger in die Mitte, marschierten in den Landtag und präsentierten sich der Landespressekonferenz. Der vermeintliche Gegner urlaubte derweil in Österreich, wanderte über grüne Almen entlang von klaren rauschenden Bächen. Bundesumweltminister Norbert Röttgen genoss die Natur  fernab vom schmutzigen politischen Alltagsgeschäft.

Ein Schachzug aus der Billigschublade Krautscheids, Marke Schlecker. Kalte Rache kann man es auch nennen. Denn vor einem Jahr hatte Röttgen im Rhein-Sieg-Kreis den CDU-Kreisvorsitzenden Krautscheid in einer geheimen Kampfabstimmung mit einer Stimme im eigenen Vorstand geschlagen, als es um die Kandidatur des CDU-Bezirksvorsitzes Mittelrhein ging. Diese Machtbasis hatte sich der schwarze Hoffnungsträger vieler CDU-Mitglieder in NRW gesichert, bevor der Niedergang des Systems Rüttgers richtig begann.

Jetzt aber greift Röttgen nach der Krone in NRW. Laschet hat mit Krautscheids und Laumanns Hilfe in internen Sitzungen durch geschicktes Taktieren zwar die Mehrheit der Funktionäre hinter sich gebracht, doch die Stimmung bei den 160 000 CDU-Mitgliedern an Rhein, Ruhr und Weser tendiert eher zum strahlenden Berliner Re-Import. „Röttgen ist der Mitglieder-Kandidat, Laschet der Funktionärs-Kandidat,“ beschreibt ein CDU-Grande die derzeitige Ausgangslage. Wenn das so ist, dann wird die CDU in Nordrhein-Westfalen auf links gedreht. Denn Röttgen muss und wird den gesamten auf Rüttgers ausgerichteten Apparat umkrempeln und viele Vertraute positionieren. Inhaltlich steht er außerdem für einen sich öffnenden Kurs der Union. Mit Röttgen verabschiedet sich die CDU von der FDP und macht sich hübsch für die Grünen. Seine Atompolitik mit dem Ziel der Begrenzung von Laufzeiten der Kernkraftwerke ist das deutliche Zeichen und wird von der Kanzlerin gestützt.

Röttgen ist eine große Gefahr für die SPD. Geht es bei Neuwahlen, die längst nicht anstehen, einmal um den einen verbliebenen relevanten Koalitionspartner – nämlich die Grünen – kommt es darauf an, wer die stärkste Fraktion wird: CDU oder SPD. Da können wie bei der letzten Wahl schon ein paar hundert Stimmen den Ausschlag geben.

Aber Röttgen ist auch eine Gefahr für Laschet, Laumann und Krautscheid, alle drei kämpfen um ihre Jobs. Denn der Berliner aus dem Rheinland hat schon zu Beginn seines Antritts fulminante Zeichen gesetzt. Er informierte zunächst per Brief die CDU-Mandatsträger und –Funktionäre über seine Kandidatur. “Respekt vor der Partei”, nannte es ein Berater aus seinem Umfeld. Tags darauf marschierte er in die CDU-Zentrale in der Düsseldorfer Wasserstraße, um der Presse zu begegnen. Nicht im Landtag, in der CDU-Landesgeschäftsstelle, quasi als Hausherr. Röttgen sendete mit diesen symbolischen Akten Signale in die CDU, dass er der Partei-Kandidat sein will, nicht der aus Hinterzimmern und Kungelrunden.

Röttgen fightet und ist strategisch gut sortiert. Er hat seit drei Wochen wichtige und kluge Köpfe um sich geschart, die die CDU im Land in allen ihren Gliederungen kennen und über beste Verbindungen in alle Kreisorganisationen verfügen. Die Berater haben ihm wohl auch gesagt, dass er mit allen Konsequenzen nach NRW komme müsse. Er könne nicht in Berlin bleiben, wenn er Ministerpräsident werden wolle. Genau das macht er, wenn er Parteichef wird und es in eine NRW-Wahl geht. Dann gibt er Berlin auf – vorübergehend. Denn ein CDU-Chef aus NRW hat auch immer Bundesambitionen. Röttgen sowieso.

Erstaunlich, dass für Röttgen gewichtige Partei-Granden kämpfen: Norbert Lammert, Bundestagspräsident und im mitgliederstarken Ruhrgebietsverband ein einflussreicher Strippenzieher. Und Christa Thoben, die Merkel-Vertraute, die in diesem Herbst im Alter von 69 Jahren zur Schatzmeisterin der Bundes-CDU gewählt wird. Thoben wie auch die Kölnerin Ulla Heinen, beide CDU-Vize in NRW, können nach dem jämmerlichen Abgang der säumigen Beitragszahlerin Regina van Dinther die nicht zu unterschätzende Frauen-Union für Röttgen gewinnen, auch wenn Laschet mal Frauenminister war. Ein dritter Partei-Vize hielt sich auf einer der letzten Vorstandssitzungen vornehm zurück: Oliver Wittke. Der CDU-Ruhrgebietschef opportuniert mit allen Optionen und erklärte sich für keinen der beiden Kandidaten. Dabei scheint längst klar, dass der Ex-OB von Gelsenkirchen und von Jürgen Rüttgers wegen eines Führerscheindelikts als Verkehrsminister gefeuert, bei einer Wahl von Röttgen dessen neuer Generalsekretär wird. Aber das muss man ja nicht sagen. Lammert, Thoben, Wittke – das Ruhrgebiet wählt Röttgen.

Das Rheinland ist gespalten, aber selbst im Kreisverband Aachen laufen ehemalige Laschet-Vasallen zu Röttgen über, wissen CDU-Insider. In der nordrhein-westfälischen CDU hat ein schmutziger Wahlkampf hinter den Kulissen begonnen. Zwei Männerfreunde, so behaupten sie, sind zu Gegnern geworden. Manche sagen auch einfach Parteifreunde, die vornehme Umschreibung für Feindschaft. Und manch einer erinnert in diesen Tagen an die legendäre Männerfreundschaft von Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß. Die Union hat schon grausame Machtkämpfe erlebt. Wie auch die SPD. Man denke nur an Schröder und Lafontaine.

Der Abschied von der Macht hat in der NRW-CDU tiefe Wunden hinterlassen. Und ein Wunderheiler ist längst nicht in Sicht. Die CDU kann nicht einmal in ihren Reihen auf einen Unbelasteten zurückgreifen, der den Wahlkampf der beiden Kandidaten fair und unabhängig moderieren könnte. Jürgen Rüttgers fällt aus, der ist außer im Urlaub auch noch im Laschet-Lager gesichtet worden; und Generalsekretär Andreas Krautscheid hat sich selbst aus dem Rennen genommen. Bliebe vielleicht noch jemand wie Helmut Linssen. Der Ex-Finanzminister ist einer, der in der CDU Nordrhein-Westfalens uneingeschränkte Anerkennung und Sympathie genießt.

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4 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Ralle // Aug 28, 2010 at 09:33

    Männerfreundschaft? Vielleicht, aber auf völlig anderem Niveau als zu Zeiten von Kohl und Strauss. Was gerade in der NRW-CDU abgeht, ist bestenfalls ein Provinztheater, eigentlich eher eine Schmierenkomödie. Die Akteure und Motive mögen vielfältiger NAtur sein, aber eines ist doch sonnnenklar: je mehr sich die CDU in NRW zerfleischt oder zumindest miteinander beschäftigt, desto weniger innerparteiliche Probleme hat Angela Markel. Sie ist die eigentliche Profiteurin. Eine geschwächte CDU in NRW gibt ihr für vieles freie Hand. Gegen die Interessen der CDU und gegen die Interessen der Bürger!

  • 2 wolfgang1951 // Aug 28, 2010 at 19:49

    Was wird mit Röttgen, wenn dieser das Umweltpaket und die AKW-Laufzeiten zur Unzufriedenheit der ” umweltfreundlichen” CDU-Mitglieder durchbringt. Ein abgehalfteter Umweltminister als Landesvorsitzender? Der kann dann doch nur neue Trümmerhaufen aufschütten.

  • 3 Erika Berger // Aug 29, 2010 at 13:26

    Gut informierter und informierender Artikel. Respekt

  • 4 Wähler // Aug 29, 2010 at 22:42

    Ich lach mich schlapp, Röttgen als Vereiniger? Laschet als in Funktion als Pipihansel?
    Warum ewig besoffen? nur weil die Jungen blöd sind?
    Besser kann man Kraft und Merkel doch garnicht die Stimmen nehmen. Die Volksparteien sind fertig! Gut oder auch nicht, das werden die nächsten 20 Jahre beweisen…

    Gruss

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