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Münchhausen

20. Februar 2011 · von Josef Fuchs

Münchhausen: Kurz vor dem Einschlag!

Münchhausen: Kurz vor dem Einschlag!

Das passte ja wie die Faust aufs Auge. Am Samstagabend zeichnete der Aachener Karnevalsverein Dr. a. D. zu Guttenberg als „Ritter wider den tierischen Ernst“ aus. Endlich mal hatten die Karnevalisten, die sich gern mit Rittern der konservativen Art schmücken, einen sicherlich nicht gewollten Volltreffer zu verzeichnen. Denn darüber, dass es der Gutsherr aus dem Fränkischen nicht immer „tierisch ernst“ nimmt, darüber erteilt er dem Land seit Tagen eine wahrhafte Lehrstunde. Jedenfalls beweist seine Doktorarbeit, dass er einen Orden gegen den wissenschaftlichen Ernst allemal verdient hat.

Ein Abkupferer von hohen Gnaden. Wenn die Recherchen von Wissenschaftlern, Internetfreaks, Zeitungen wie der Süddeutschen und der Neuen Züricher stimmen, dann hat der adlige Herr seine Doktorarbeit wahllos aus Zeitungsartikeln, Seminararbeiten von Studienanfängern, Aufsätzen von staatsrechtlichen Koryphäen und Texten eines Vorgängers im Amt des Verteidigungsministers abgeschrieben. Ja, er soll sogar als Abgeordneter Aufträge an den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages gegeben und dessen Expertisen in seiner Dissertation verbraten haben. Das alles ist kein Spaß, sondern tierisch ernst.

Denn der Herr, der sich da mit allerlei Schummeleien, mit Ausnutzung seiner Privilegien als Bundestagsabgeordneter und damit mit öffentlichen Geldern einen Doktortitel ergoogelt hat, ist im Hauptberuf „Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt“ (IBuK) einer Bundeswehr, die die härtesten Herausforderungen ihrer Geschichte zu bestehen hat. Nur mit Disziplin, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit sind diese Aufgaben zu leisten.

Strahlt einer Glaubwürdigkeit aus, der sich seinen akademischen Titel – sagen wir es vorsichtig – aus anderen Quellen zusammenschreibt, kann einer Disziplin und Unterordnung verlangen, der sich mit fremden Federn schmückt und dem Volk erzählt, er habe die Arbeit in „mühevollster Arbeit“ zusammengeschrieben? Zusammen schreiben lassen, vermuten laut „Kölner Stadtanzeiger“ inzwischen längst Koalitionsfreunde des Gutsherren.

Guttenberg googelt und gaukelt den unabhängigen Politiker vor, einen, der anders ist als all die anderen, die Parteikarriere zum Glücklichsein brauchen. Ihn dagegen braucht die Partei (CSU), braucht das Land, um glücklich zu sein. Redet uns jedenfalls die „Bild“ ein, von deren Chefredakteur KT protegiert wird.

Das Land, oder – um Guttenbergs Ego gerecht zu werden – die Welt hat andere Probleme als die fehlenden Fußnoten einer Promi-Dissertation. Wohl wahr. Aber darf sich einer gerieren, für die Problemlösungen dieses Landes – pardon, der Welt – unabkömmlich zu sein, der fortan als Spottfigur für jeden Umgang mit ehrlicher Arbeit da steht? Wohl kaum!

Der Ritter wider den wissenschaftlichen Ernst hat sich zur Ikone stilisiert und stilisieren lassen. Zu einer Ikone, die sich ihre Strahlkraft durch das Abkupfern von Erstsemesterarbeiten erschlichen hat. Ist das den Applaus der Karnevalisten bei der Aachener „Ordens“-Verleihung wert? Da möge jeder sein eigenes Urteil fällen.
Längst sprechen die aufgedeckten Fakten dafür, dass das „Märchen vom ehrlichen Karl“ (Spiegel) mit der Realität nichts zu tun hat. Umso schlimmer, dass sich eine Front breit macht, die den Minister trotzdem im Amt halten will. Ein akademischer Hochstapler in einem Schlüsselressort dieser Republik? Sollte sich das bestätigen, sind wir angekommen in einer Münchhausen-Republik.

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7 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Feliks Dzerzhinsky // Feb 20, 2011 at 22:13

    Das hat der arme Mann nicht verdient:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

  • 2 Blacky // Feb 21, 2011 at 21:22

    Er hat wohl abgeschrieben und dafür sind die Regeln klar, der Titel wird aberkannt. Es gibt einen Doktortitel “honoris causa” /ehrenhalber, aber gnadenhalber bisher nicht.

  • 3 Katharina // Feb 22, 2011 at 10:04

    Er kann gar nicht selbst entscheiden, ob er den Titel behält oder nicht.
    Der Titel wird anerkannt oder aberkannt, aber nicht von ihm.
    Was bildet er sich ein, das Volk so zum Narren zu halten.
    Gut, es ist Karneval, Fasching, da kann man es versuchen. Er macht sich selbst zum Narren. Wie alle Selbstverliebten, merkt er es nicht.

  • 4 Wilhelm Wiesche // Feb 24, 2011 at 17:52

    Von wegen er kann gar nicht selbst entscheiden, denn die Uni spielt ja mit!
    In der gestrigen Pressekonferenz verlautbarte die Uni , dass „der Titel zurückgenommen“ wird, anstatt dass er “aberkannt“ wird und dafür erstmal ausführlich -auch rechtlich- geprüft wird. Von „Aberkennung“ und „rechtlicher Prüfung“, wie es bei jedem anderen Doktoranten geschehen wäre, war keine Rede, auch wenn es heute in einigen Zeitungen anders mag.
    Also: Bayrische Uni schützt bayrischen Politstar der bayrischen Staatspartei. Bananenrepubliken der ganzen Welt lassen grüßen.

  • 5 Wilhelm Wiesche // Feb 24, 2011 at 19:50

    Es muss natürlich heißen:
    …………..auch wenn es heute in einigen Zeitungen anders stehen mag.

    Aktualisierung:
    Nun hat der Ältestenrat des Bundestages wegen der anscheinend rechtswidrigen Beauftragung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages für die Doktorarbeit getagt: Es passt schon sehr ins Bild, dass man der Sache vorerst nicht auf den Grund gehen will. Was wäre, wenn eine Staatsanwaltschaft irgendwo nicht ermitteln würde, obwohl es einen offensichtlichen Anfangsverdacht gibt?
    Wenn man es so sehen will ist das Rechtsbeugung, zumindest aber Verfahrensverschleppung.

  • 6 Wilhelm Wiesche // Feb 24, 2011 at 19:54

    Schönen Dank für die Herausnahme meines ersten Kommentares.
    Offenbar steht im Grundgesetz:
    “Eine Zensur findet ……..statt”
    Sie haben das “nicht” überlesen!

  • 7 Hartmut Schmitz // Feb 27, 2011 at 20:27

    Die SZ schrieb von dem Parallel-Fall:

    “Ein anderer Unionspolitiker- er war als Vorsteher des niedersächsischen Landesverbandes Lippe niedrigeren Ranges als Guttenberg – musste wegen einer Plagiatsaffäre den Hut nehmen. Wie die Lippische Landes-Zeitung (LLZ) berichtet, plagiierte der Jurist in seiner Dissertation an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, er musste laut LLZ wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht 9000 Euro Strafe und zudem eine Geldbuße von 10000 Euro zahlen. Der Landesverband enthob ihn seines Amtes. Auch dieser Mann galt bis dahin als Senkrechtstarter in seiner Partei. Und auch er beteuerte stets, seine Studie nach bestem Wissen und Gewissen verfasst zu haben.”
    SZ 26./27.2. (Nr.47, S.13, li unten)

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