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Der Himmel über der Ruhr ist längst wieder blau

17. April 2011 · von Alfons Pieper

Voran mit Willy Brandt: Wahlkpampfslogan 1961

Voran mit Willy Brandt: Wahlkpampfslogan 1961

„Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ Als SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt dies am 28. April 1961 sagt, wird er von vielen belächelt. Sie ahnen noch nicht, dass dieser Satz der Rede Brandts auf dem Außerordentlichen Kongress der SPD in Bonn später zu einem Wahlslogan wird, der ihm im Ruhrgebiet Stimmen einbringt. Aber insgesamt ist der Slogan zu früh, die Zeit, sie ist nicht so wie heute. Die Schornsteine müssen rauchen, damit die Menschen Arbeit haben und damit Wohlstand. Umweltschutz ist damals noch kein Thema. Es gibt keine Grünen in Deutschland. Die SPD also als Vorreiter der Umweltschutzbewegung? 50 Jahre nach Brandts Rede wird Anfang Mai im Casino der Zeche Zollverein in Essen bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung über das Thema diskutiert. Mit dabei NRW-Ministerpräsidentin und SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft.

„Reine Luft, reines Wasser und weniger Lärm dürfen keine papierenen Forderungen bleiben“, ruft der Kanzler-Kandidat den Parteifreunden in der Bonner Beethovenhalle zu. „Erschreckende Untersuchungsergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit der Verschmutzung von Luft und Wasser eine Zunahme von Leukämie, Krebs, Rachitis, Blutbildveränderungen sogar schon bei Kindern festzustellen sind. Es ist bestürzend, dass diese Gemeinschaftsaufgabe, bei der es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, bisher fast völlig vernachlässigt wurde.“

1961 ist das Ruhrgebiet eher schwarz denn blau zu nennen. Die Staubbelastung ist höher als irgendwo anders, man sieht giftige Schwaden aus Hochöfen und Stahlkonvertern, Kraftwerken und Kokereien. Man kann eher von einem Wald von Schornsteinen reden denn von Bäumen. Überall Zechen, an jedem Ort. Der Dreck liegt in der Luft, auf der Straße, auf den Fensterbänken, er verschmutzt die Fensterscheiben. Es wird berichtet, dass am 19. September 1960 eine Dunstglocke über Essen den Tag zur Nacht machte.

Als Kind des Ruhrgebiets ist man mit dem Schmutz aufgewachsen. Man kannte es ja nicht anders und also nahmen es alle hin. Für die Erwachsenen war es wichtiger, auf Maloche gehen zu können, damit die Familien ernährt werden konnten. Wenn wir mit dem Fahrrad zur Schule fuhren und dabei eine Zeche passierten, war das Hemd anschließend verschmutzt. So erging es den Schülern in Datteln, Oer-Erkenschwick, Castrop-Rauxel und in Gelsenkirchen und Essen oder Oberhausen war es nicht anders. Die Wäsche wurde nur bei trockenem, sonnigem Wetter in den Garten gehängt, weil sie sonst verschmutzt worden wäre.

Die Umweltgifte töteten Bäume, Kinder wurden krank. Um über 100 Prozent ist allein in Oberhausen die Lungenkrebsrate seit 1952 gestiegen. Man könnte diese Statistik fortsetzen. Es gab Zahlen und Untersuchungen, aber das interessierte nur ein spezielles Publikum. Hauptsache die Schornsteine rauchten, damit die Kohle der Kumpel stimmte. Gelsenkirchen galt als die Stadt der 1000 Feuer. Und der Stadionsprecher in der Glückaufkampfbahn erinnerte daran bei abendlichen Fußballspielen von Schalke 04 und forderte die Zuschauer auf, ein Streichholz anzuzünden oder mit dem Feuerzeug eine kleine Flamme zu schlagen. Dann sah man Zigtausend kleine Lichter auf den Rängen der alten Kampfbahn.

Die Emscher war eine Industrie-Kloake, deren Gestank bei entsprechendem Wind kilometerweit zu riechen war. Der Rhein war verschmutzt und die Ruhr verdreckt. Heute kann man in der Ruhr wie auch im Rhein wieder baden. Der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer sprang vor Jahren mal von einem Schiff demonstrativ in den Rhein. Und die Emscher wird seit Jahren renaturiert. Vielleicht wird man in nicht zu ferner Zukunft dort wieder Fische fangen können.

Blauer Himmel über der Ruhr- das war ein Traum, nicht mehr. Georg Kreisler, der Österreicher, machte sich in seinem berühmten Gelsenkirchen-Lied darüber lustig, in dem er von schwarzen Dämpfen und von Krämpfen beim Atmen sang. Aber das mochten die Leute an der Ruhr auch nicht hören. Übrigens konnte Brandt bei der Bundestagswahl 19. September 1961 das SPD-Ergebnis zwar erheblich verbessern, aber Konrad Adenauer setzte sich erneut durch. Es war ein schmutziger Wahlkampf, in dem die Union und an der Spitze der Kanzler Adenauer sich polemisch über Brandts Emigration während der Nazi-Zeit äußerten. Schmutzig wie die Luft und das Wasser der Flüsse.

Heute, 50 Jahre nach Brandts Rede, ist der Himmel über der Ruhr blau. Überhaupt ist das Ruhrgebiet ergrünt über die Jahrzehnte, sind die Flüsse und Bäche sauberer geworden. Sicher haben Umweltbewusstsein und entsprechende Gesetze diese Entwicklung mit beeinflusst. Andererseits hat auch die wirtschaftliche Entwicklung an der Ruhr für eine sauberere Umwelt gesorgt. Es gibt kaum noch Zechen und Hochöfen und Hunderttausende von Arbeitsplätzen sind mit dem Zechen-und Hüttensterben verschwunden.

Strukturwandel heißt heute die Parole. Und wenn Besucher aus Bayern durchs Revier fahren, suchen sie oft vergeblich nach einer Zeche oder einer Kohlenhalde. Was sie sehen sind vielfach Grünflächen und Industriedenkmäler wie Zollverein oder Duisburg Nord. Dort überlassen sie die rostigen Industrie-Reste der Natur, die sich alles zurückholt, was die Industrie ihr einst wegnahm. 50 Jahre nach Brandts Rede ist der Traum vom blauen Himmel über der Ruhr wahr geworden.

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