Zu diesem Zweck fanden Sausen in Hannover statt, auf denen sich alles blicken ließ, was in den Ländern Niedersachsen und in Baden-Württemberg Rang und Namen hatte. Gesponsert wurden die Feste für rund 1000 hochmögende Wichtige und Wichtigtuer von der Wirtschaft. Glaeseker, so scheint es, soll aus der Staatskanzlei heraus bei Vertretern namhafter Firmen um Gelder für den Dialog geworben haben. Tausende von Euros wurden von den Firmen gespendet. Veranstaltet wurden die opulenten Feste durch Deutschlands Party- oder besser Event-Manager Nr. 1, Manfred Schmidt. Und was die ganze Geschichte angreifbar macht und mindestens pikant: Schmidt, der an den Feten kräftig verdiente, soll sich erkenntlich gezeigt haben gegenüber Glaeseker. Die Rede ist von kostenlosen Flügen und kostenlosen Urlauben in den Villen des Party-Meisters in Europas Sonnenregionen.
Und nun wird es schwierig für die Regierung in Hannover, ja es könnte brenzlich werden. Am 14. April 2010 sagte der damalige Chef der Staatskanzlei, Hagebölling, heute Chef des Bundespräsidialamtes: „Es handelt sich um eine Privatveranstaltung, es gibt keine Beteiligung oder Finanzierung durch das Land Niedersachsen.“ Diese Aussage von Hagebölling ist falsch, sie ist eine Lüge. Für die Bücher, die Manfred Schmidt jedem Gast des Nord-Süd-Dialog-Festes als Geschenk aushändigte, bezahlte nach einem Bericht der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ das Landwirtschaftsministerium in Niedersachsen 3.411 Euro. Es handelt sich um ein Kochbuch-Titel: Raspers Rezepte-Niedersachsens Küche neu entdeckt-, an dem nach Presse-Informationen Glaesekers Frau mitgearbeitet hat. Das Vorwort hat der damalige Ministerpräsident Wulff verfasst.
Damit nicht genug. Glaeseker hat kurz vor dem Dialog-Fest 2009 die landeseigene Medizinische Hochschule in Hannover um Amtshilfe gebeten. Die sah dann vor, dass 44 Studenten der Uni als Servicekräfte bei der Sause im Flughafen dafür sorgten, dass die feiernden Herrschaften auch stets gut mit Speisen und Getränken versorgt wurden. Die Rechnung von 5.245 Euro wurde aber nie bezahlt. Selbst der bedrängte Finanzminister Möllring, der zunächst alles bestritten hatte, musste einräumen, dass bei der Uni der Eindruck entstanden sei, es gehe um eine Veranstaltung der Staatskanzlei, also der Regierung, ja des Ministerpräsidenten. Möllrings Wutausbruch, er fühle sich von Glaeseker „beschissen“, ist belegt.
Der Skandal rückt nun immer mehr an Wulff ran. Denn Wulff und Gläseker waren wie siamesische Zwillinge. Wulff selbst hat Glaeseker mal als sein Faktotum bezeichnet, was laut Duden heißt: „Tu alles“, eben Mädchen für alles, einer, der alles für ihn tut. Oder Wulff über Glaeseker: „Der gehört zu mir.“ Die Nähe von Wulff und Glaeseker war in Niedersachsen jedem bekannt. Glaeseker galt als der Mann, der den einst blassen und windelweichen Wulff zu dem gemacht hat, der er dann wurde: Ministerpräsident und Bundespräsident, ein Mann, der Gesellschaft der Reichen und Schönen im Lande, von denen er heute einige als seine Freunde bezeichnet.
Dass Staatssekretär Glaeseker, der kurz vor Weihnachten entlassen wurde, eigenhändig gehandelt hat, ohne Absprache mit oder Kenntnis von Wulff, erscheint eher fraglich. Man darf gespannt sein auf seine Aussagen, auch, was die Gründe seiner Entlassung betreffen. Schließlich ist ein Ermittlungsverfahren gegen Glaeseker wegen Bestechlichkeit in Gang gesetzt worden. Es gab eine Razzia in der Wohnung Glaesekers. Auch gegen Manfred Schmidt wird ermittelt- wegen Bestechung.
In der CDU wächst die Distanz zu Wulff. Das gilt für die Bundes-Ebene genauso wie für das Land. Wulff gilt bei vielen CDU-Mittgliedern inzwischen als „unten durch“. Immer neue Geschichten, immer neue Fragen, keine klaren Antworten. Und Entschuldigungen des Präsidenten will ohnehin keiner mehr hören. Den Nord-Süd-Dialog gibt es schon längst nicht mehr. Man sorgt sich in Hannover, von der Affäre Wulff/Glaeseker angesteckt werden zu können. Im nächsten Jahr wird in Niedersachsen gewählt. Die Mehrheit glaubt dem Bundespräsidenten nicht mehr und nur noch eine Minderheit will ihn im Amt halten.
Aus den Reihen der Grünen wird sein Rücktritt gefordert. Die niedersächsische SPD will den Bundespräsidenten vor dem Landesverfassungsgericht verklagen, weil damals im Landtag nicht die Wahrheit gesagt, sondern gelogen wurde. Diesen Fall hat es in Deutschland noch nicht gegeben.











4 Antworten bis jetzt ↓
1 Vera König // Jan 22, 2012 at 16:58
Hier meldet sich die ehemalige WAZ-Kollegin Vera König, inzhiwschen gelandet bei der Neuen Presse in hannoverv und deshalb hautnah mit allen Voirgängen im system Wulff vertraut.
Der Kommentar, Alfons Pieper, ist gut. Sehr gut. Bis auf die Tatsache, dass sich Glaeseker mit ae schreibt. Nicht mal an dem einen Buchstaben mehr hat er gespart. Ich empfehle mal VIPs mit Meerblick mallorca-magazin zu googlen, damit sich Wulffs und Schmidts Welt noch besser erschließt…
Fröhliche Grüße !
2 Vera König // Jan 22, 2012 at 16:59
Sorryx für die vielen Tippfehler.
3 zoom » Umleitung: Von der WAZ auf dem Android-Tablet zur Bottroper Tristesse und mehr. « // Jan 22, 2012 at 21:39
[...] Die “Pflege der politischen Landschaft” durch das System Wulff/Glaeseker: spätestens seit der Flick-Affäre in Deutschland ein gängiger Begriff. Bekannt gemacht wurde er in den 80er Jahren durch den Flick-Generalbevollmächtigten Manfred von Brauchitsch … WirInNRW [...]
4 Umleitung – Presseschau vom 23.1.2012 » Online, Westen, Wulff, Linke, Schlecker, Duisburg » xtranews - das Newsportal aus Duisburg // Jan 23, 2012 at 09:07
[...] Monochromie taz, 22.01.2012Die Pflege der politischen Landschaft durch das System Wulff/Glaeseker Wir in NRW, 22.01.2012Wulff-Auftritt in Berlin Der Aussitz-Präsident Spiegel Online, 22.01.2012SPD will [...]
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