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Die WAZ bald ohne den Namen Brost. Die Funke-Erben haben nun das Sagen in der WAZ-Gruppe

Posted By Roberta Neuner On 25. Januar 2012 @ 19:18 In Unsere Themen | 2 Comments

Die Erstausgabe der WAZ vom 3. April 1948

Die Erstausgabe der WAZ vom 3. April 1948

Petra Grotkamp(67) hat den 50-Prozent-Anteil an der WAZ-Gruppe, der der Familie Brost gehörte, gekauft. Damit hat dann der Name Brost bald nichts mehr mit der Zeitung zu tun, deren eigentlicher Gründer Erich Brost war. Damals, 1948, erhielt der Sozialdemokrat Erich Eduard Brost von den Engländern unter der Nummer 192 die Lizenz für die Gründung der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Und nunmehr, nach 64 Jahren, gehört das ganze Medien-Reich den Funke-Erben. Eine davon ist Petra Grotkamp, geborene Funke, Tochter des dann als Mitgründer fungierenden Jakob Funke, von den Kollegen auch Köbes gerufen.

Einen solchen Verkauf hätte niemand, der das Haus WAZ kennt, niemand, der Erich Brost erlebt und je mit ihm gesprochen hat, für möglich gehalten. Denn niemals hätte er an die Funkes verkauft. Die Abneigung war groß, so groß, dass man im Grunde nicht miteinander redete. Und diese Abneigung gegenüber den Anteilseignern Funke teilte auch Brosts Witwe Anneliese, die 2010 im Alter von 90 Jahren starb.

Aber die Erben, gemeint die Enkel, also die Kinder des einzigen leiblichen Sohnes von Erich Brost, Martin, hatten kein Interesse an der Arbeit in diesem Konzern, ebenso wenig wie das bei Martin der Fall war. Den hatte der Vater vor Jahrzehnten ausgezahlt, nachdem er sich mit ihm überworfen hatte. Die Gründe mögen vielschichtig gewesen sein, der wichtigste war gewiss, dass Martin nicht die preußische Einstellung des Vaters zur Arbeit teilte. Erich Brost, die älteren Redakteure werden das noch wissen, kam jeden Tag ins Haus, in sein bescheidenes Büro, dessen Ausstattung mit Mobiliar und Telefon eher an die Mode der 60er Jahre erinnerte. Er kam leise ins Haus, kaum, dass es jemand bemerkte. Tag für Tag nahm er an der so genannten Abendkonferenz teil. Er nahm vor Kopf des Tisches Platz, um den sich die Ressortleiter samt Chefredakteur und Stellvertreter versammelt hatten. Selten sagte er ein Wort, hörte sich nur alles an und nach 20 Minuten ging er wieder in sein Büro, gefolgt vom Chefredakteur und erörterte mit ihm die Lage. Erich Brost las neben der WAZ, der NRZ, deren erster Chefredakteur er war, die FAZ und die Agenturen. Er war stets bestens informiert.
Dass Martin, ein gelernter Journalist, nicht bereit war, in seine Fußstapfen zu treten, hat ihn sehr getroffen. Brost war ein bescheidener Mann, der sich aus dem Reichtum, den er sich durch den Aufstieg der WAZ zur größten Regionalzeitung in NRW und den Ausbau des Verlags zu einem der größten Häuser in Europa erworben hatte, nichts machte. Nicht jede Entwicklung des Verlags erfüllte ihn mit Freude. Und nie hätte er daran gedacht, seine WAZ zu verkaufen, und an die Funkes schon gar nicht.

Man muss sich das vorstellen, wie das begonnen hatte. Der Emigrant und Nazi-Verfolgte Erich Brost, Sozialdemokrat aus Danzig, Journalist, kehrte nach Kriegsende aus London in das zerstörte Deutschland zurück. Erst Chefredakteur der NRZ, dann Lizenzträger der WAZ durch die Briten. Nach eigener Aussage, festgehalten in einer Biographie über ihn, lernte er Jakob Funke bei der NRZ kennen und schätzen. Ein tüchtiger Mann, wie Brost zitiert wird. Er nimmt ihn mit als Kompagnon, jeder bekam eine Hälfte des damals noch kleinen Verlags. Und fortan teilten sie immer 50:50. Brost hat den Schritt später bereut. Auch deshalb, weil ein Nein Scheitern bedeutete. Ein Ja hatte nur Sinn, wenn beide Seiten mit Ja stimmten.

Brosts Stil prägte die WAZ. Man liebte die Bescheidenheit, hielt sich gern im Hintergrund auf, was die Geschäfte der sehr erfolgreichen Geschäftsführer Schumann und vor allem Grotkamp nicht störte. Mag sein, dass Erich Brost zu einem der reichsten Männer in Essen wurde, er ließ es niemanden spüren. „Die WAZ ist die Dame, die den Nerz nach innen trägt“, so formulierte es einst Rolf Buttler, der bei der WAZ gelernt hatte und später für den WDR über NRW und darüber hinaus berichtete.

Nun also gehört die WAZ den Funkes. Peter Heinemann, der Testamentsvollstrecker, hat zum Verkauf der Brost-Anteile seinen Segen gegeben, nachdem er alles geprüft hatte. Mit der Besiegelung des Geschäftes scheidet Bodo Hombach, einer der Geschäftsführer, aus dem Verlag aus. Hombach hatte zehn Jahre die Brost-Seite im Verlag vertreten, zunächst neben Erich Schumann, dem Adoptiv-Sohn der Brosts, der aber vor ein paar Jahren starb. Die neuen Gesamt-Eigentümer dankten Hombach unendlich für seine Tätigkeit, die „publizistisch und wirtschaftlich erfolgreich war.“

Was man so sagt, wenn einer geht. Schaut man genauer hin, nämlich auf die Zahlen und die Zustände in Redaktion und Verlag, sieht das Bild anders aus. Oder wie der Journalist Jürgen Zurheide, der vor Jahrzehnten mal bei der WAZ gearbeitet hatte, im Berliner „Tagesspiegel“ das Lob relativierte: „ Das kann nur behaupten, wer die realen Zahlen ausblendet.“

Zwar hat die WAZ wieder guten Gewinn gemacht, aber die traditionellen Zeitungen haben viele Federn lassen müssen. Die Auflagenverluste sind immens und ein Ende des Abstiegs ist nicht absehbar. Es ist zwar richtig, dass alle Verlage in Deutschland mit Abo-und Anzeigen-Rückgängen zu kämpfen hatten und haben, aber Günther Grotkamp, dem langjährigen und sehr erfolgreichen Geschäftsführer, wird nicht entgangen sein, dass die Verluste auch nach dem Chefredakteurs-Wechsel zu Ulrich Reitz, der von der Rheinischen Post geholt wurde, nicht aufgehört haben. Eine Personalie, die vor allem auf den Einfluss von Bodo Hombach zurückgeführt wird.

Eine umstrittene Personalie, die sich bisher zumindest nicht ausgezahlt habe, wie führende Kreise des Hauses schon mal vor Jahresfrist eingeräumt hatten. Manchem im Hause WAZ ist das Auftreten von Reitz übel aufgestoßen. Er sei ein selbstverliebter Selbstdarsteller, der immer nur seine eigenen Interessen im Kopf habe. Umstritten war und ist auch Bodo Hombach, dessen Abgang einige im Hause WAZ mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen. Hombach sei vor allem ein Trickser gewesen, gern mit seiner Selbstdarstellung beschäftigt. Mit Hombach verbunden sind auch massive Stellenkürzungen in der Redaktion, die gerade in Lokalredaktionen als sehr schmerzlich empfunden wurden. Auch im Vertrieb seien in der Vergangenheit viele Mängel entstanden, so ein ehemaliger leitender Mitarbeiter des Verlags.

Günter Grotkamp, der mit der Funke-Tochter Petra seit 1986 verheiratet ist, kennt das Haus wie kein anderer. Ärmel aufkrempeln ist er gewohnt. Aber er ist, wenngleich ziemlich fit, auch schon 85 Jahre alt. Es ist die Frage, wie die verbliebenen Funke-Erben, Grotkamp, Schubries und Holthoff-Pförtner, künftig miteinander auskommen. In der Vergangenheit waren sie sich genauso spinnefeind wie die Funkes und die Brosts. Petra Grotkamp hält künftig 66,6 Prozent der Anteile, der Rest verteilt sich auf die beiden anderen. Stefan Holthoff-Pförtner, bekannt vor allem als Helmut Kohls Anwalt, hatte kurz vor dem Tod von Anneliese Brost von der Witwe einen Kredit über 80 Millionen Euro erhalten. Ob er dafür die Hälfte seiner Anteile als Sicherung anbot, ist ungewiss. Wenn ja, wem gehören sie jetzt? Möglich, dass Schubries und Holthoff ihre Anteile an Grotkamps verkaufen, damit sie handlungsfähig sind. Denn noch immer gilt das Einstimmigkeits-Prinzip. Ein Nein ist ein Nein.

„Günther Grotkamp ist es zuzutrauen, den Karren wieder flottzumachen“, urteilt einer, der früher leitend im Verlag tätig war und das Haus kennt, der aber nicht genannt werden will. „Ich hoffe, dass er Erfolg hat.“


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