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Vogel: Jeder ist gefordert im Kampf gegen Neonazis

Posted By Alfons Pieper On 23. Februar 2012 @ 18:10 In Unsere Themen | No Comments

Hans-Jochen Vogel, Mitbegründer des Vereins „Gegen Vergessen- Für Demokratie“

Hans-Jochen Vogel, Mitbegründer des Vereins „Gegen Vergessen- Für Demokratie“

Knapp drei Monate nach Aufdecken der Mordserie von Neonazis gedenken Staat und Gesellschaft bei einem Staatsakt der Opfer. Denn die Morde betreffen die ganze Gesellschaft. Seit der deutschen Einheit sind rund 10.000 Menschen bei Angriffen von Rechtsradikalen verletzt worden, mindestens 148 Menschen wurden getötet. Das berichten Zeitungen wie der Berliner Tagesspiegel. Eine schlimme Entwicklung. 14 Jahre konnten die rechten Täter Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe durch die Republik ziehen und morden. Acht Menschen türkischer Herkunft starben dabei wie ein Grieche und eine deutschstämmige Polizeibeamtin. Eine Schande für Deutschland, sagt die Bundeskanzlerin, Angela Merkel. Es stockt einem der Atem, wenn man von Opfern erfährt, dass sie kein Mitgefühl ernteten, sondern stattdessen sogar selber verdächtigt, ihre Kinderzimmer auf Drogenspuren geprüft wurden, um ihnen kriminelle Kontakte nachzuweisen. Hier ist jeder gefordert, hier darf nicht immer nur nach denen da oben gerufen werden. Nicht man muss, sondern wir müssen aufstehen gegen die Neonazis, wie einer wie Hans-Jochen Vogel das fordert, der auch mit 86 Jahren im Kampf gegen Rechts immer noch jede Mühe auf sich nimmt, ungeachtet mancher „gesundheitlicher Baustellen“. Vogel über Vogel.

Der Mann mit seinen schlohweißen Harren ist über jeden Zweifel an seiner Integrität und Glaubwürdigkeit erhaben und reist, wenn es erforderlich ist, im hohen Alter mal eben von München nach Dresden, um bei einer Kundgebung auf dem dortigen Schlossplatz für ein Verbot der rechtsextremen NPD einzutreten. Unerträglich findet der ehemalige SPD-Partei- und Fraktionschef, „dass der NPD eine legale Struktur für ihre Arbeit zur Verfügung steht.“ Er erinnert an die Mordtaten der Zwickauer Terrorzelle. Bei Vogel, der auch Mitbegründer des Vereins „Gegen Vergessen- Für Demokratie“ ist, spürt man das tiefsitzende Unbehagen, ja man meint die Empörung, die Scham ob dieser Leute herauszuhören. Gerade jetzt, 67 Jahre nach dem Bombardement der Alliierten auf Dresden, bei dem 25.000 Menschen den Tod fanden. Die Innenstadt Dresdens lag danach in Schutt und Asche. Eine Tragödie, die auch die Folge der Nazi-Verbrechen war. Die Neonazis, weiß Vogel, marschieren nicht, um der Toten zu gedenken, sondern um das Sterben zu missbrauchen. Das dürfe nicht hingenommen werden.

Jeder ist aufgerufen, mitzumachen gegen Rechts, jeder Bürger sei gefordert, erklärt Vogel bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die dem alten SPD-Fährmann gewidmet ist samt einer Ausstellung mit Bildern seiner langen Karriere. Vogel erinnert sich an die alten Zeiten, daran, wie er 1945 nach Hause kam aus der Kriegsgefangenschaft, das Land in Trümmern wie die ganze deutsche Gesellschaft, die mit den Massenmorden der Nazis leben musste, damit, dass die Nazis eine eigene Industrie erfunden hatten, um Millionen Juden in Auschwitz und in anderen Konzentrationslagern umzubringen. Wer von uns, äußert der alte Vogel über die Gedanken des jungen Vogel, hätte denn damals für möglich gehalten, dass der Wiederaufstieg Deutschlands und vor allem auch die internationale Anerkennung trotz der Verbrechen so schnell erfolgen würden?

Dankbar ist der alte Mann, der da vor den geladenen Gästen der Friedrich-Ebert-Stiftung redet und dabei geistig frisch wirkt, dankbar dafür, dass das alles so gut verlief, dass er dabei mitmachen durfte und viele Helfer an seiner Seite hatte. Einer seiner Nachfolger im Amt des SPD-Fraktionschefs, der heutige Chef der Ebert-Stiftung, Peter Struck, würdigt die Laufbahn und das Wirken seines großen Vorbildes. Vogel ist bei allem stets bescheiden geblieben, Wulffen war ihm fremd.

Wenn man so will ist der Kampf gegen die Rechtsradikalen ein Teil des Vermächtnisses von Vogel. Er selber hat vor Jahren anlässlich der Verleihung des Leo-Baeck-Preises in seiner Dankesrede sich dazu bekannt, dass er als Jugendlicher Scharführer und Kulturfunktionär in der Hitler-Jugend war und damals „der Faszination eines verbrecherischen Regimes nur ungenügend widerstanden“ habe. „Ich bin dennoch wesentlich im Strom der damaligen Jahre mitgeschwommen und der Gedanke, man könne, ja man müsse dem Staat Widerstand leisten, der ist mir damals nicht gekommen“.

Eine bittere Erfahrung, die Vogel gern weitergibt, damit man daraus Lehren zieht. 1993 gehörte Vogel zu den Mitbegründern des „Vereins gegen Vergessen-für Demokratie“ und war ihr Vorsitzender. Aufstehen gegen die Neonazis, Zivilcourage zeigen, die Demokraten müssten gegen die Rechtsradikalen zusamamenstehen, damit sich Weimar nicht wiederholt. Das ist Vogels Vermächtnis, über Parteigrenzen hinweg. Da wirkt er gar nicht alt, der 86jährige, wenn er über das Engagement gegen die Neonazis redet, wenn er die Jugend aufrütteln will, sich gegen die Rechten zur Wehr zu setzen und diesen schönen Staat gegen seine Feinde zu verteidigen.

So gut und richtig und wichtig Gedenkfeiern wie jene am Gendamenmarkt in Berlin auch sind, sie dürfen nicht ohne Folgen bleiben und die Bürger dürfen nicht am Rande stehen und nur zuschauen. Der Kampf gegen die Neonazis muss zur Selbstverständlichkeit werden, Tag für Tag, auf der Straße, am Arbeitsplatz, zu Hause, in Wort und Tat. Alle müssen mitmachen, die Angsträume vor Ort zu bekämpfen. Es darf nicht mehr passieren, was Semiya Simsek, die Tochter des ersten Mordopfers der Neonazi-Mordserie Enver Simsek, sagte: „Es war elf Jahre lang nicht möglich, mit reinem Gewissen Opfer zu sein.“


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