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Der Präsident- Ein Bürger aus dem Osten

Posted By Alfons Pieper On 13. März 2012 @ 00:15 In Unsere Themen | No Comments

Nach dem Wulff-Desaster: Bild kümmert sich um die wirklich wichtigten Fragen. Bildquelle: bild.de

Nach dem Wulff-Desaster: Bild kümmert sich um die wirklich wichtigten Fragen. Bildquelle: bild.de

Joachim Gauck wird der erste Bundespräsident sein ohne Parteibuch, der 72jährige wird zudem der älteste Präsident, den wir je hatten, der erste aus dem Osten Deutschlands, aus Rostock, der erste, den eine Lebensgefährtin ins Schloss Bellevue begleitet, keine Ehefrau, die er aber noch hat, von der er jedoch seit vielen Jahren getrennt lebt, ein Verhältnis, das der urkonservative CSU-Politiker Norbert Greis bemängelt hat, was aber die Menschen im weiten Land nicht berührt. Er wird Präsident im zweiten Anlauf, weil sein damaliger Konkurrent, Christian Wulff, ihn im dritten Anlauf besiegte, aber nach nicht einmal zwei Jahren im Amt an sich selbst und einer Reihe von Fehlern gescheitert ist. Und übrigens ist Joachim Gauck kein Bürgerrechtler der ersten Stunde, das hat er selber klargestellt. Dazu haben ihn andere gemacht. Und viele andere haben ihn seit damals, seit seiner ersten Niederlage zum Präsidenten der Herzen erhoben.

Die Erwartungen an ihn sind riesig. Er weiß selber, dass er sie nicht alle erfüllen kann und wird. Deshalb war es gut, dass sich schon unmittelbar nach der Kür Gaucks zum so genannten Konsens-Kandidaten von fünf Parteien-CDU, CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen, die Linke war nicht eingeladen worden- Widerspruch von Kritikern rührte. Gauck habe dies und jenes gesagt, zu Hartz IV, zur Occupy-Bewegung und anderen Themen. Verkürzt habe man Gaucks Äußerungen, wandten dann seine Befürworter ein, er habe anderes gesagt und vor allem auch gemeint. Nun ja, warten wir es ab, wie der Bundespräsident Joachim Gauck sich im Amt bewährt, dort, wo allein das Wort die Rolle spielt. Ein anderes Machtinstrument hat das deutsche Staatsoberhaupt nicht.

„Weil Joachim Gauck so eine spannende Persönlichkeit ist, sage ich natürlich aus vollem Herzen, dass ich gern meine Reverenz erweise, denn er hat sich in herausragender und auch in unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht- als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und Freiheitsdenker, als Versöhner und Einheitsstifter in unserem jetzt gemeinsamen Land sowie als Mahner und Aufarbeiter des SED-Unrechts und damit auch als ein Mann, der immer wieder an historische Verantwortung erinnert. Welche Facette man auch hervorhebt, immer spiegelt sich das Fundament unserer Gesellschaft wider: Einigkeit in Recht und Freiheit…“ Diese Lobpreisungen Gaucks stammen aus dem Munde der Bundeskanzlerin, gesprochen in einer Rede am 21. Februar 2010 anlässlich des bevorstehenden 70. Geburtstages des Rostockers. Wer diese Sätze liest, versteht nicht so ganz, dass dieselbe Angela Merkel den Kandidaten um das Präsidenten-Amt im selben Jahr, nämlich Joachim Gauck, nicht wollte, sondern Wulff diesem vorzog.

Die Kanzlerin hat damals noch mehr gesagt. Ein paar Zitate aus der Rede: „Dieser Freiheitssinn ist früh geschärft worden, wohl vor allem durch ein prägendes Erlebnis: Die Verhaftung des Vaters 1951 durch die sowjetische Geheimpolizei und die anschließende Haft in Sibirien… So ergab sich auch früh eine Ferne zum System in der ehemaligen DDR… Den Kern der Freiheit haben Sie einmal folgendermaßen umschrieben: Wer nicht lebt, was er als Möglichkeiten, die in ihm angelegt sind, leben könnte, wer sich so die Vollmacht aus den Händen seines Lebens nehmen lässt, jene Vollmacht, die aus Verantwortung erwächst, der erlaubt sich nicht, zu einer Fülle des Lebens zu gelangen, die ihm möglich ist und die wir alle brauchen.“
Und Angela Merkel setzte ihre Würdigung fort. „Sie sind Mahner, Sie sind ein richtiger Demokratielehrer. Sie halten die Erinnerung an die DDR und ihr Unrechtssystem wach. Sie werben immer wieder für Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit.. Weil wir immer wieder Debatten brauchen, weil wir uns immer wieder miteinander austauschen müssen, ist es so gut, dass wir Sie, Herr Gauck, haben. Denn sie legen den Finger in die Wunde, wenn Sie eine Wunde sehen, aber Sie können auch Optimist sein und sagen: Es geht voran. Beides brauchen wir. Danke, dass es Sie gibt. Danke, dass Sie weiter da sind.“

Auch andere haben ihn gelobt, Sigmar Gabriel und Claudia Roth, aber das verwundert ja nicht. Schließlich war Gauck damals schon der Kandidat von Rot-Grün oder besser Grün-Rot. Frau Roth hatte damals auch gleich den Begriff „historisch“ im Mund, als sie den Tag bewerten wollte, als der Konsenskandidat Gauck gefunden war. Und Gabriel sah in Gauck den Mann, der die Fähigkeit besitze, „die Kluft zwischen den Bürgern und der politischen Klasse“ zu schließen. Ein Bekenntnis, das tief blicken lässt in das Befinden des SPD-Chefs.

Gauck hat vor ein paar Jahren seine Autobiographie geschrieben. „Winter im Sommer-Frühling im Herbst“. Erschienen 2009 im Siedler Verlag. Ein lesenswertes Buch für Menschen aus dem Westen wie dem Osten, auch ein offensichtlich ehrliches Buch. Dass er erst in einem relativ hohen Alter in das höchste Amt, das die Republik zu vergeben hat, kommt, weiß jeder. Die Daten sind bekannt. Helmut Schmidt, mit 93 Jahren viele Jahre älter als Gauck, hat darauf verwiesen, aber auch hinzugefügt, dass der Mann Erfahrung mitbringe, Lebenserfahrung. In seinem Buch stößt man häufig auf die Begriffe Freiheit und Verantwortung, wohl Schlüsselbegriffe für Gauck. Er war ein –Systemgegner der DDR, aber er stand in den 80er Jahren nicht in der ersten Reihe, als die Bürgerrechtler sich trauten, öffentlich Kritik zu üben, Reformen zu fordern, Veränderungen.

Er hätte wie viele Millionen anderer die DDR verlassen können, er hätte sogar in Westberlin auf eine Wohnung von einer Tante zurückgreifen können, aber er blieb in Rostock. Und das, obwohl er das politische System in der DDR ablehnte, ein System der SED-Diktatur, das jene förderte, die sich ihm ergaben, Mitglied in der Partei wurden. Ein System, das vielen anderen den Weg nach oben versperrte. Er blieb und musste am Bahnhof in Rostock mit ansehen, wie drei seiner vier Kinder ihn und die Heimat Richtung Westen verließen. Sie hatten Jahre zuvor einen Ausreiseantrag gestellt. 1987 durften sie dann die DDR verlassen. Das hat ihn schmerzlich zurückgelassen, zumal er damals damit rechnen musste, dass es ein Abschied für immer werden konnte.

Es ist immer noch erschütternd, auch über 22 Jahre nach dem Fall der Mauer die Erlebnisse und Empfindungen des Joachim Gauck zu lesen. Nachzulesen, wer alles ging und plötzlich nicht mehr da war als Nachbar, Freund, Kind. Das Leben in der DDR, ein Leben wie in einem Gefängnis, festgehalten und eingeschlossen. Insassen seien die Bewohner, Staatsinsassen, die drin bleiben mussten nach dem Mauerbau. So beschrieb er es in einem Interview mit mir vor acht Jahren.

Viele flohen, als es die Mauer noch nicht gab, über Westberlin. Oder über die Ostsee, Skandinavien. Später wurde die Flucht zu einem gefährlichen Abenteuer, das einigen gelang, anderen zum tödlichen Verhängnis wurde. Dennoch gleicht das ganze Ausmaß der Flucht einem Ausverkauf der DDR. Zwischen 1949 und 1989 setzten sich drei Millionen Menschen aus der DDR ab, also etwa jeder Fünfte. Wir wären geblieben, wenn wir hätten gehen dürfen, dieser Satz im Buch von Gauck gehört in diese Zeit und beschreibt das quälende Dilemma, in dem sich viele Flüchtlinge befanden.

Gauck, der evangelische Pfarrer, beschreibt die Rolle der Kirche in der DDR. „Kirche war insofern oppositionell, als sie die einzige eigenständige und unabhängige, dem Zugriff von Staat und Partei entzogene Institution war, der einzige Ort, wo ein offenes Gespräch möglich war, wo Themen und Meinungen weder tabuisiert noch zensiert wurden und eine Erziehung zum unabhängigen Denken und Handeln erfolgte. Die Kirche machte die Menschen freier und für das System nicht oder weniger verführbar.“

Bis zum Herbst 1989 war Gauck, wie er sich ausdrückt, ein Pastor, der im kirchlichen Dienst aufging und der dabei seinen Gläubigen in der Gemeinde „die Wahrheit nicht schuldig blieb- das war in Rostock bekannt-, aber ich gehörte keiner außerkirchlichen Opposition an. Im Herbst 1989 wuchs ich Schritt für Schritt in eine politische Rolle hinein. Der Sturm hatte mich mitgenommen; nie waren wir aktiver als in diesen Wochen.“

Joachim Gauck war viele Jahre Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, die dann seinen Namen trug. Ihm ging es darum, den Opfern der Stasi-Verfolgung zu helfen. Dazu mussten die Stasi-Akten transparent gemacht werden für die Opfer und dazu musste dafür gesorgt werden, dass die Stasi-Täter von gestern nicht morgen in öffentlichen Ämtern versorgt wurden. „Der Täter muss bei seiner Schuld ankommen“, hat Gauck einmal dem südafrikanischen Bischof Tutu geantwortet, als der ihm gegenüber die Versöhnungsarbeit in Südafrika herausstellte mit dem Verzicht auf Ausgrenzung und Bestrafung.

In den Stasi-Kapiteln erfährt man, mit welcher kriminellen Energie die Stasi gearbeitet hat- gegen die eigenen Bürger, gegen die Nachbarn, ja gegen die Mitglieder der Familie. Dort kann man auch die Zweifel nachlesen, die der Behörden-Chef Gauck an der Lauterkeit der Gysis und Stolpes hegt, was deren Zusammenarbeit mit dem SED-Apparat betrifft und deren eigene Rolle als mögliche Mitarbeiter. Ein Schlussstrich kommt für Gauck nicht in Frage, kein Schließen der Akten.

Er sei eine Schlüsselfigur der jüngsten deutschen Geschichte, liest man auf dem Klappentext seiner Autobiographie. Das ist er ohne Zweifel, ein Zeitzeuge, von dem in der Zukunft vieles erwartet wird. Aber das ist auch vielen Politikern schon heute klar. Er wird ihnen nicht nach dem Munde reden und hoffentlich kein bequemer Präsident werden. Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin, der den Präsidenten-Kandidaten einst miterfand, hat schon mal vorgebeugt, als er prophezeite: „ Ich werde mich auch über Gauck ärgern.“ Das kann Gauck im übrigen bei fast allen seinen Amtsvorgängern nachlesen. Der gelegentliche Widerspruch der Präsidenten hat gute Tradition. Unvergessen die harsche Kritik von Richard von Weizsäcker an den Parteien. Er warf ihnen vor, machtversessen und machtvergessen zu sein. Dass er damit auch die Union meinte und deren Vorsitzenden, den mächtigen Kanzler Helmut Kohl, wusste damals jeder.


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