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Alle in einem Boot

Posted By Dominik Grau On 16. Mai 2012 @ 14:15 In Unsere Themen | 1 Comment

Der wohl bekannteste Satz des 1995 verstorbenen Fernsehjournalisten Hanns Joachim Friedrichs lautet: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Dieses Zitat hat der Verein, der jährlich den nach „Hajo“ Friedrichs benannten Preis für Fernsehjournalismus verleiht, zu seinem Motto gemacht. Seit Friedrichs Tod sind zwölf Jahre vergangen, derweil nimmt die Zahl der Journalistinnen und Journalisten, die seine Maxime beherzigen und ihm nacheifern, anscheinend stetig ab.

Nun ist es nicht so, dass Journalistinnen und Journalisten der Generation-Friedrichs ihrerseits stets nach seinem Motto handelten. Berichte über als Redakteure getarnte Politpropagandisten und schreibende Opportunisten sind so alt wie die Massenmedien selbst. Und selbstverständlich hat jede Journalistin und jeder Journalist das Recht auf eine eigene Meinung, die auch den Weg in die Zeitungsseiten oder auf die Bildschirme finden darf. Dafür gibt es die Ausdrucksform des Kommentars. Bedenklich ist es aber, wenn Journalisten das Sensorium dafür verlieren, was noch an Nähe statthaft ist und was nicht.

Für eine gute politische Berichterstattung jenseits von Pressemitteilungen und nichtssagenden O-Tönen von Politikerinnen und Politikern brauchen Journalisten sicherlich eine gewisse Nähe, um unterschwellige Entwicklungen in Parteien, Regierungen und Fraktionen erkennen zu können. Es gilt, Vertrauen zu den politischen Akteuren aufzubauen, so dass sie den Reporter als vertrauenswürdigen Gesprächspartner akzeptieren. In Berlin, Düsseldorf, München, Hamburg und den anderen Landeshauptstädten in der Bundesrepublik gibt es täglich Dutzende Gelegenheiten für vertrauliche Gespräche. Es ist ein tägliches Geben und Nehmen. Und wer als Journalist zu sehr auf Distanz setzt, bekommt Ereignisse, Strömungen und Entwicklungen verspätet oder gar nicht mit. Dabei gehört es gerade auch zur Aufgabe des politischen Journalismus, Situationen und Gegebenheiten zu analysieren. Doch ohne vertiefte Kenntnisse wird aus der Analyse schnell eine Ferndiagnose mit hoch spekulativem Anteil.

Es gilt für Journalisten also, die Balance zu wahren zwischen Neugier und gesunder Distanz. Jede Journalistin und jeder Journalist sollte darauf bedacht sein, die eigene Integrität nicht zu riskieren. Dazu gehört es, dass man sich nicht vereinnahmen lässt, nicht um die Gunst der Mächtigen buhlt, nicht mit ihnen ins selbe Boot steigt und sich seinen Rhythmus nicht von den Trommelschlägen einer Partei oder Koalition vorgeben lässt.

Letzteres ist aber geschehen. Genau so. Kein Scherz! Und wenn das Drachenboot „Struppi“, in dem das halbe niedersächsische Landeskabinett mit Ministerpräsident David McAllister an der Spitze saß, nicht so spektakulär am Dienstag dieser Woche auf dem Zwischenahner Meer bei Oldenburg gekentert wäre, wäre das inzwischen erreichte Ausmaß der Verbrüderung zwischen Regierungsparteien und bestimmten Medien in Niedersachsen wohl auch verborgen geblieben.

Was ist passiert? Im Kurort Bad Zwischenahn im nordwestlichen Niedersachsen ging die niedersächsische CDU-Landtagsfraktion für drei Tage in Klausur. Am zweiten Tag stieß die Landtagsfraktion des Koalitionspartners FDP hinzu. Es galt offenbar, ein Signal der Geschlossenheit zu senden. Angesichts des Bildes, das Union und FDP im Bund abgeben, sowie der jüngsten Wahlniederlagen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen war das ein verständlicher Ansatz. Symbolischer Höhepunkt sollte eine gemeinsame Drachenbootfahrt von CDU- und FDP-Politikern auf dem drittgrößten niedersächsischen Binnensee sein, dem Zwischenahner Meer. Das Medieninteresse war beträchtlich. Das Kalkül der schwarz-gelben PR-Planer ging auf.

Das Interesse einiger Journalisten war sogar so groß, dass sie sich bereitfanden, nicht nur über das Drachenbootrennen zu berichten, sondern selbst mitzutun. Sie reihten sich in die Mannschaft ein und paddelten im Gleichklang mit den vor ihnen im Boot sitzenden Ministern, Fraktionschefs und Abgeordneten von CDU und FDP. Im Bug saß Niedersachsens Ministerpräsident McAllister und gab mit Trommelschlägen den Takt an. Fünfhundert Meter vor dem Ziel drang Wasser in das Boot. Es geriet in Schieflage und kenterte.

Die Bilder von der Havarie und den ins Wasser stürzenden Politikern wurden in Windeseile bundesweit verbreitet. Da viele Fotografen das Wahlkampfspektakel im Visier hatten, war es auch möglich, die Fahrt der „Struppi“ lückenlos vom Auslaufen bis zum Kentern zu dokumentieren. Eines der chronologisch ersten Fotos zeigt die komplette Crew, fröhlich lachend, kameradschaftlich vereint beim Ablegen. Mitten drin mehrere Mitglieder der niedersächsischen Landespressekonferenz. Deren Bad im elf Grad kalten Wasser wurde selbstverständlich nicht dokumentiert. Schließlich hatte für die Fotografen die Rettung der Prominenten Nachrichtenwert, die patschnassen Journalisten nicht.

Welches Signal geht von dieser Sache aus? Für die mitfahrenden Journalisten ist es offenbar in der Selbstbetrachtung völlig problemlos gewesen, sich auf diese Nähe einzulassen. Aus Neugier? Aus Gefallsucht? Das wissen nur die beteiligten Journalisten selbst. Jedenfalls transportierten sie die Botschaft: Wir sitzen mit McAllister in einem Boot. Wollte man das?

Die paddelnden Politiker dürften ihrerseits eine große Genugtuung erfahren haben. Die gehören zu uns, mag man gedacht haben. Vielleicht auch: Die haben wir im Sack! Für das besondere Binnenklima in einem politischen Treibhaus, gerade wenn es Hannover heißt, sind diese Dinge jedoch fatal.

Interessanterweise hatte nur ein Kollege einer niedersächsischen Regionalzeitung den Schneid, in Form einer Ich-Erzählung von der Havarie des Narrenschiffs zu berichten. Die anderen ließen es unerwähnt und nahmen den spöttischen und hämischen Tenor der Agenturen und überregionalen Medien auf. Offenbar war es ihnen dann doch zu peinlich, den eigenen Untergang zu referieren. Dabei haben sie aber ihre Leser getäuscht, die ja davon ausgehen sollen, wollen und dürfen, dass ihnen ihre Zeitung allmorgendlich die Ergebnisse professioneller journalistischer Arbeit präsentiert.

Was hat das Ganze mit NRW zu tun? Erst einmal nichts, es sei denn, man stellt die Parallele zur hiesigen Medienlandschaft in den Jahren 2008 bis 2010 her, in denen sich eine Hofberichterstattung um König Rüttgers etabliert hatte, die das Etikett „verlottert“ verdiente. Es war dieses Blog, das als Auffangbecken für diejenigen diente, die nicht mehr schreiben durften, was war, sondern nur das, was als opportun galt. Ein Überdruckventil für diejenigen Journalistinnen und Journalisten, die sich nicht gemein machen wollten, die sich noch an Hanns Joachim Friedrichs erinnerten.

Es mag in gewisser Weise tröstlich sein, dass diese medialen Auswüchse von damals offenbar keine NRW-Eigenart waren. Die morbide Anziehungskraft der Macht funktioniert anscheinend immer und überall – selbst an einem norddeutschen See, der sonst für seine Moorheilbäder, Räucheraale und Fantasiegeschichten um einen Hunde mordenden Riesenwels bekannt ist.

In seinem letzten Interview vor seinem Tod hat Hanns Joachim Friedrichs im März 1995 beschrieben, in welcher Rolle er sich selbst gesehen hat. Er sagte, er sehe sich als ein „Mensch, der mit am Esstisch sitzt, der ein bisschen mehr weiß, weil er die Fähigkeit hat, unbefangen in die Welt zu gucken“. Diese Fähigkeit haben nicht alle Journalisten, was man ihnen nicht vorwerfen kann. Niemand ist perfekt. Bedenklich ist es aber, wenn immer mehr Journalisten keinerlei Interesse daran haben, diese Fähigkeit zu erlernen oder gar nur anzustreben.


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