- Wir in NRW Blog - http://www.wir-in-nrw-blog.de -

Der Stern ist auf den Hund gekommen.

Posted By Gabriele Gans On 10. Mai 2012 @ 10:37 In Unsere Themen | 9 Comments

Wie wichtig Qualitätsjournalismus ist, weiß man spätestens dann, wenn man sich die Wahlkampfhilfe für die CDU in der heutigen Ausgabe des „Stern“ (10.5.2012) zu Gemüte nimmt.
Das Urteil der meisten Journalisten der Landeshauptstadt fiel daher auch recht deutlich aus: Eine dünne Suppe, die da angerührt wurde. Dafür braucht der Stern 4 (!) gut dotierte Journalisten, um auf 1 (!) Seite viele Mutmaßungen, Behauptungen und Gerüchte zu verbreiten. 3 Tage vor der Wahl! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Eigentlich ist diese durchsichtige Story zu erbärmlich, um darauf zu reagieren. Dennoch sollte man auf ein paar Fakten hinweisen, die einige spannende Hintergründe dieses „Süppchen“ hinweisen.

Was die fantastischen 4 vom Stern hier als Ergebnis investigativer Recherche präsentieren ist wohl doch nur abgeschrieben! Ein wahres Meisterstück: Nach Hitlers Tagebüchern präsentieren sie nun offenbar als neuesten Knüller die „Tagebücher“ von David Schraven. Der hat schon vor Wochen auf der Grundlage eines CDU-Dossiers, wie Kollegen aus der Landeshauptstand berichten, zum Blog an Gott und die Welt Fragebögen mit eben genau diesen Mutmaßungen und falschen Behauptungen (und vielen weiteren Unsinn) verschickt, sie zu einer ziemlich haarsträubenden Geschichte verdichtet und vor Freude strahlend seiner Redaktion präsentiert. Bei der WAZ wurde dieses Machwerk schnell versenkt. Kein Interesse, sich vor die Wahllokomotive (eher Eselskarren) der CDU spannen zu lassen. David Schraven ging dann schwer enttäuscht ob dieser Kränkung hausieren. Nach WAZ klopfte er beim Spiegel an. Wir wissen nicht, wo er noch sein Glück versuchte, Erfolg wurde ihm dann beim Stern beschieden. Liegt ja nahe, weil dort sein guter „Investigationskumpel“ (Schröm) sein (Un)Wesen treibt.

Strategisch gut positioniert dann der heutige Veröffentlichungstermin: 3 Tage vor der Wahl. Weil die CDU ja immer noch nach einem Wahlkampfthema sucht, hat man hier gerne mal ausgeholfen.

Was ist der Kern der Geschichte? Ein Hund hat (zumindest indirekt) die Blogger enttarnt. Eine Mailadresse (die der Stern dann auch bereitwillig zur Freude der CDU-Auftraggeber publiziert hat) verweist angeblich auf ein Facebook Profil eben der Hundedame Trixi. Die neben 60 Freundschaftsanfragen seit der gestrigen Vorveröffentlichung und der danach unmittelbar einsetzenden Verbreitungskampagne von CDU, JU und (sic!) der NPD Hunderte von Zuschriften bekam. Aber auch Drohungen wie „Hunde wie Euch sollte man vergasen“. Danke Stern! Warum eigentlich wundern uns solche Kommentare nicht. So ziemlich jeder Pro NRW Anhänger postet zudem seitdem im Blog und philosophiert über Käuflichkeit. Vergessen wird, dass das ein Stichwort ist, mit dem die CDU um Rüttgers in NRW eine Abmahnung durch den Wähler am 9. Mai 2010 erhielt. Nicht der Blog hat Geld für irgendetwas verlangt oder jemals bekommen. Es waren die Verkaufsgenies der CDU, die Politik käuflich erscheinen ließen. Kein Beitrag, der auf unserem Blog erschien, musste in seiner Aussage zurückgenommen oder auch nur im Ansatz relativiert werden. Wir haben uns an die Fakten gehalten. Das hätte der Informant des Sterns, David Schraven, auch tun sollen
.
Aber das haben seine Emotionen verhindert. Zu viele alte Rechnungen und Enttäuschungen waren noch abzuarbeiten. Derselbe Schraven war ja mal engagierter Blogger bei den Ruhrbaronen. Dort erkannte er zum Jahresanfang 2010, das mit dem Wir-in-NRW-Blog und den Geschichten von Tiger & Co für die CDU Ungemach drohte. Flugs kontaktierte er die Blog-Macher (oder „Hintermänner, wie der Stern es formuliert“) und schlug vor zu kooperieren: „Vielleicht kann man mal was zusammen machen?“ (aus seiner Mail vom 31.1.).

Kurze Zeit später echauffierte er sich über die WAZ, die versuchte auszuspionieren, ob einige ihrer Redakteure unter den Blog-Autoren zu finden seien. Seine moralische Entrüstung schwand aber kurz danach, als er erst öffentlich in seinem und unserem Blog mit Theobald Tiger aneinander geriet (siehe alte Rechnungen!) und danach auch die WAZ ihm ein schönes Angebot unterbreitete, das er dann ja auch annahm. Aus dem einstmals größten Blogger wurde dann ein Journalistenjäger, quasi im Auftrag der CDU. Die ging mit ihren dummen Vermutungen und Verdächtigen ja ohnehin schon seit Jahren auf die Suche nach einer Bühne. Mehrmals hat sie das versucht. Nie ist daraus etwas geworden. Bis jetzt.

Dabei hat sich die CDU enorme Mühe gegeben, ihr breites Kontaktnetz zu den Medien gegen die Blogger von Wir-in-NRW zu nutzen. Zum Kreis der Informanten, die gegen den Blog Informationen zum damaligen Generalsekretär Krautscheid trugen, gehören interessanter Weise eine Redakteurin des Spiegels und der eigentliche Entdecker der Hundedame Trixi als Drahtzieherin des Rüttgersturzes. Ein freier Mitarbeiter des WDR und Deutschlandradios war es, der seine aufmerksamen Lesefrüchte in unserem Blog erst beim WDR zur Geschichte machen wollte und abgewiesen wurde, dann seine „Enthüllung“ an den Spiegel verkaufte und erstaunt feststellte, dass auch dort der journalistische Wert anders beurteilt wurde. Dann ging er eben zum CDU-Generalsekretär und „spickte“ ihm seine Sensationsenthüllung. Wie willfährig hier Journalisten als Partei-Informanten arbeiteten ist unglaublich. Getoppt nur noch von der Stern-Aktion, diese Phantastereien mit Fragezeichen (siehe die Vorabmeldung des Sterns) und Etiketten wie „mutmaßlich“ (siehe Artikel im Stern) nur kläglich zu kaschieren. Die Rechtsabteilung beim Stern hat sich sicher dazu ihre Gedanken gemacht. In der Tradition von Henri Nannen sind also Mutmaßungen zum journalistischen Standard geworden. Wir „mutmaßen“, dass der Stern seine Gründe gehabt hat, der CDU unter die Arme zu greifen. Sei es um die guten Kontakte zur CDU zu beflügeln oder sei es, dass die CDU die Anzeigenkunden des Stern mobilisierte, um solchen Rückenwind zu erzeugen. Man kann auch noch viele andere Dinge mutmaßen. Muss man aber nicht, denn wir bleiben bei den Fakten. Und die sind: der Blog war und ist nicht käuflich. Der Blog hat niemals Geld oder geldwerte Vorteile erhalten. Das gilt auch für seine Autoren.

Für die CDU ist aber die Verschwörungstheorie ideologisch attraktiver. Die Wahrheit stört da nur. Und man muss sich auch nicht mehr mit den Machenschaften der Ära Rüttgers beschäftigen. Eine Aufarbeitung hat es auch nie gegeben. Die alten Strukturen und die Konzepte für Politik sind geblieben. Wie sollte es auch sein, wenn der Parteivorsitzende im fernen Berlin weilt und dort auch bleiben will. Der Bürger wundert sich, weil Norbert Röttgen weder irgendeinen messbaren Beitrag zur Umwelt- oder Energiepolitik vorweisen kann, noch in Berlin als wichtig oder gar unersetzlich gilt. Kaum einer würde ihn dort vermissen. Von ihm selbst einmal abgesehen.

Die Bild-Zeitung hat schon vor einigen Wochen einen unerwarteten Beitrag in dieser Sache geschrieben. Man wünscht sich sogar eher einen Gähnwahlkampf als den alten Intriganten-Stadl von 2010. Wilfried Pastors Kolumne trägt den Titel „Wahrheit der Woche“. Zu Recht, denn es trifft den Kern: Der Blog lebte von der CDU, ihren Informanten und den Geschichten, die Jürgen Rüttgers und seine “Beastie Boys“ dem Land einbrockten. Die SPD hat nur einen Beitrag geleistet, nämlich sich verwundert die Augen zu reiben.

Dabei hat der Blog noch nicht einmal alle Geschichten erzählt, die ihm zugetragen wurden. Themen, die für enorme Schlagzeilen gesorgt hätten und auch heute noch würden. Nicht alles, was einem zugetragen wird, eignet sich für die öffentliche Diskussion. Weil es Menschen unangemessen beschädigen könnte, weil die Motivationen der Zuträger oft zu durchsichtig sind oder weil der Anstand einfach weitere Recherchen verbietet. Die Bandbreite dieser Themen war so eben breit wie sie skandalös war. Aber wir fühlten uns nicht als „Dirty Harry“, der sich auch schon mal hinreißen ließ, über „Victorias Secrets“ zu philosophieren. Das macht man nicht, selbst wenn es belegbar wäre.

Diese Werte teilen die CDU und ihre willigen Helfer nicht. Zumindest nicht, wenn es die Autoren des Blogs betrifft. Schmutzkampagnen gegen investigative Journalisten sollten nicht zum Standard des politischen Umgangs gehören. Schade, dass einige Medienvertreter im Land das anders sehen. Norbert Röttgen zeichnet dafür verantwortlich, wenn die CDU im Wahlkampf dank Stern jetzt „Verzweiflung als Waffe“ zur Strategie macht.


Article printed from Wir in NRW Blog: http://www.wir-in-nrw-blog.de

URL to article: http://www.wir-in-nrw-blog.de/2012/05/der-stern-ist-auf-den-hund-gekommen/

Copyright © 2009 Wir in NRW - Das Blog. All rights reserved.