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Keine Sternstunde des Magazins

Posted By Alfons Pieper On 10. Mai 2012 @ 13:20 In Unsere Themen | 31 Comments

Wir wussten seit Wochen, dass recherchiert wurde. WAZ-Redakteur Schraven hatte mich angerufen und um ein Hintergrundgespräch gebeten. Das Thema sollte Karl-Heinz Steinkühler sein. Ich lehnte ab mit der Begründung, ich redete nicht über Kollegen und schriebe auch nicht über sie. Üble Nachrede überlasse ich gern anderen. Wochen später folgten Fragen Schravens an mich und viele Kollegen. Das war neu, dass hier Journalisten Jagd auf Journalisten machen wollten. Es ging nicht mehr um Rot-Grün oder Schwarz oder Gelb oder Schulden, nein, nur um Gerüchte und Mutmaßungen. Dann überraschte mich die Information, zumindest ein Teil der Schraven-Fragen und Antworten der Befragten seien beim „Stern“ gelandet. Und jetzt das Ergebnis mit der „Beute des Tigers“, über mutmaßliche Hintermänner und so weiter. Wahrlich keine Sternstunde des Magazins aus Hamburg.

Wahr ist, dass der Blog Wir-In-NRW unabhängig ist. Wahr ist, dass wir nie Geld erhalten haben, von niemandem. Wahr ist, dass wir von Informanten aus der CDU und dort auch aus der Landesgeschäftsstelle in der Düsseldorfer Wasserstrasse Interna zugespielt bekamen, die es in sich hatten. Informationen, die andere Medien nicht hatten. Warum wohl nicht? Weil die Informanten befürchteten, dass bestimmte Medien diese Interna nicht bringen würden.

Die Rent-A-Rüttgers-Affäre hatte damals der „Spiegel“ als erster aufgedeckt, wir folgten auf dem Fuße. Warum schreibt das der „Stern“ in der Story über „Die Beute des Tigers“ nicht? Überhaupt hat sich der „Spiegel“ an der Aufklärung der Skandale beteiligt. Wo war der „Stern“? Rent-A-Rüttgers bedeutete, dass Sponsoren bei Parteitagen der CDU für einen Betrag von bis zu 20.000 Euro ein Gespräch mit Rüttgers hätten führen und dafür auch ein Bild mit dem MP machen können. Aber das war nur eine von vielen unsauberen Geschäften. Wir berichteten über Frau van Dinther, die es mit ihren Mitgliedsbeiträgen an die CDU nicht so genau hielt, wir berichteten über Prozesse der CDU gegen eine Mitarbeiterin, über die Entsorgung kritischer Journalisten, über die Parteispendenaffäre der CDU, über Prof. Korte, der verankert war im System Rüttgers, über Sprengsätze in der Wasserstrasse, wir dokumentierten ein Strategiepapier des Rüttgers-Vertrauten Boris Berger, wie der MP mit Besuchen im Dom und auf einem Friedhof zu inszenieren sei. Viele Berichte wurden mit Dokumenten aus der CDU belegt. Und oft hieß der Autor Theobald Tiger.

Die Frage nach der wahren Identität der Autoren, die unter Pseudonym gearbeitet haben, wurde oft gestellt. Ich habe die in unserem Gründungsstück vereinbarte Verschwiegenheit hinsichtlich der Namen nie gebrochen. Warum auch?! Und oft habe ich Journalisten die Gegenfrage gestellt, ob sie etwas an den Inhalten auszusetzen hätten? Nichts wurde daran bekrittelt. Wir haben in der ganzen Zeit nicht eine Gegendarstellung erhalten, wir mussten nichts zurücknehmen oder widerrufen. Ich wurde als E-Mail-Dieb beschimpft und habe selten so gelacht. Der damalige CDU-Generalsekretär Krautscheid drohte mit dem Staatsanwalt. Der jedoch erwiderte etwa Folgendes: Die CDU habe ein Problem, einen Maulwurf in ihrer Parteizentrale, den müsse sie fangen, nicht er.

Durch die Aufdeckung dieser Affären geriet Rüttgers in Erklärungsnot, er büßte einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit ein und stand am Ende fast ohne Amtsbonus da. Aber er wurde nicht gestürzt von Bloggern, also in unserem Fall von einem Rentner und fünf Freiwilligen, sondern er wurde in einer ordentlichen Landtagswahl abgewählt. Im Mai 2010. Bis heute können sich führende CDU-Mitglieder nicht damit abfinden. Sie erfinden irgendwelche Verschwörungstheorien, die sie in journalistische Kanäle schicken. Das Ergebnis ist dann so peinlich und lächerlich, wie das in der aktuellen Stern-Ausgabe zu besichtigen ist.
Der Blog Wir-In-NRW ging am 7. Dezember an den Start. Übrigens mit dem Leitartikel von mir. Titel: „Die SPD zerlegt sich selbst“. Wir haben die Arbeit des Blogs in einem Buch dokumentiert. „Von Maulkörben und Maulwürfen“. Erschienen ist das Buch im epubli-Verlag in Berlin, der die Kosten des Drucks übernahm und so das kleine Werk erst ermöglichte. Dort wie auch in unserem Internet-Archiv findet der geneigte Leser alles, was im Blog erschienen ist.

Wir bekamen zwei Preise, auch für kritischen Journalismus. In beiden Fällen haben wir uns nicht beworben, sondern wurden von anderen für diese Auszeichnungen vorgeschlagen.

Der „Stern“ äußert nun Zweifel an unserer Unabhängigkeit. Die Belege, die er ins Feld führt, sind dünn, sehr dünn. Ich wiederhole hier noch einmal, was ich mehrfach betont habe und wovon ich nichts zurücknehme. Wir bekamen nie Geld und es gab nie eine Einflussnahme einer Partei, auch nicht der SPD. Zwischen dem Blog Wir-In-NRW und der im Stern genannten Firmen gibt es keine Zusammenarbeit und keine Geschäftsbeziehungen. Mit den Tätigkeiten der genannten Firma hat der Blog Wir-In-NRW nichts zu tun. Im Übrigen würde ich gern wissen, was illegal daran sein soll, dass eine PR- und Beratungsfirma sich an öffentlichen Ausschreibungen beteiligt und hin und wieder den Zuschlag erhält?

Der Rest grenzt an den Versuch der üblen Nachrede. Bei einer Diskussion im Anschluss an einen Vortrag vor Journalistik-Studenten am Mittwoch wurde von einem jungen Mann die Frage gestellt, ob ich mir erklären könne, warum sich ein einst renommiertes Magazin wie der „Stern“ zum Wahlhelfer der CDU mache? Ich musste die Frage verneinen.


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