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Zum 150.Geburtstag der SPD plant die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Ausstellung der Superlative Das Archiv der sozialen Demokratie ist eine Fundgrube für die Geschichte der Arbeiterbewegung

Posted By Alfons Pieper On 11. Juli 2012 @ 19:11 In Unsere Themen | No Comments

Am 23. Mai 2013 feiert die älteste deutsche Partei, die SPD, ihren 150. Geburtstag. Damals, am 23. Mai 1863, wurde der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein in Leipzig gegründet, der Vorläufer der heutigen SPD. Aus diesem Anlass bereitet das Archiv der sozialen Demokratie(AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Wanderausstellung vor, die in 25 Städten der Bundesrepublik gezeigt wird. Beginnen wird die Ausstellung über die Geschichte der Arbeiterbewegung und damit der SPD wie auch der Gewerkschaften am 12. September im Paul-Löbe-Haus in Berlin. Bundestagspräsident Norbert Lammert(CDU) hat schon sein Ok gegeben. Anschließend wandert die Ausstellung durch Deutschland, sie wird in fast allen Landeshauptstädten präsentiert. Ausnahmen sind Frankfurt/am Main statt Wiesbaden, was mit der Paulskirche 1848 zu tun hat. Und Augsburg statt München, weil die Schwaben-Metropole die Arbeiterstadt in Bayern war.

Münchens OB Christian Ude hat dem Wunsch der Ebert-Stiftung, die Ausstellung in Augsburg zu platzieren und nicht in der Landeshauptstadt, zugestimmt. Und zwar vom 13. 11. 2012 bis 3. 12. 2012 im Augsburger Textilmuseum. Anschließend wandert sie nach Nürnberg, wo die Interessenten sie bis zum 7. Januar 2013 besichtigen können.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW wird die Ausstellung an drei Orten zu sehen sein: Anfang Dezember 2012 in der Stadtbibliothek Bielefeld, im April und Mai 2013 wandert sie nach Düsseldorf, wo der endgültige Ort noch nicht feststeht, danach ist sie bis Anfang Juni im Dortmunder Rathaus. Dortmund, die Herzkammer der SPD, wie Willy Brandt die einstige Bier-,Kohle- und Stahl-Stadt nannte.
Die Ausstellung verspricht eine Messe der besonderen Art zu werden, zählt doch das Archiv der sozialen Demokratie zu den größten Archiven in der Tradition der Arbeiterbewegung. Es beherbergt 44000 laufende Meter Akten. Die Überlieferung der Archivalien reicht von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Das AdsD ist in der Zentrale der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn untergebracht. Es ist, wie ein Besuch mit einer Führung gezeigt hat, eine wahre Fundgrube für politisch interessierte Zeitgenossen.

„Wir wollen die Geschichte der Sozialdemokratie und ihre Verdienste um die Demokratie würdigen“, erläutert Dr. Anja Kruke, Leiterin des besagten Archivs, den Zweck der Ausstellung. „Wir wollen zugleich erreichen, dass sich die Leute mit den Themen beschäftigen“. Und die Themen waren oder sind immer noch die großen Probleme von Millionen kleinen Leuten. Denn die Geschichte der SPD ist der Kampf für mehr Freiheit, für ein allgemeines Wahlrecht, gegen Unterdrückung, für Meinungs- und Pressefreiheit und gegen Zensur, es ist der Kampf um einen gerechteren Lohn, gegen Ausbeutung, gegen Kinderarbeit, der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau, es ist am Ende der erfolgreiche Kampf für die 35-Stunden-Woche und die Mitbestimmung, der Kampf um Integration, für die Rechte von Minderheiten. Die Geschichte der SPD ist die Geschichte der Arbeiterbewegung, der Gewerkschaften, ein Kampf, der immer noch nicht zu Ende ist und wohl nie endet. Auch wenn man ihn heute nicht mehr allein führen muss.

Es ist eine Geschichte voll Freud und Leid, eine Geschichte, die verbunden ist mit Verboten, Verhaftungen, mit Folter, Mord und Tod. Eine wahre Erfolgsgeschichte ist zum Beispiel der Kampf um den sozialen Aufstieg durch Bildung, ein Thema, dem sich längst auch andere demokratische Parteien verschrieben haben. Arbeiterkinder sollten das Abitur machen können, sie sollten studieren können, damit es ihnen mal besser gehen würde als ihren Eltern. „Wissen ist Macht“, lautete einer der Grundsteine der Philosophie der Aufklärung. Wilhelm Liebknecht griff den Satz auf, um auf die Hindernisse zu deuten, mit denen Arbeiterkindern der Zugang zu höherer Bildung verwehrt wurde. In der Kaiserzeit zum Beispiel gab es im Ruhrgebiet keine Universität. Die Leute sollten arbeiten. Die Ruhr-Uni in Bochum entstand erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gründungsrektor war Prof. Kurt Biedenkopf, späterer CDU-Generalsekretär.

Beispiel Kinderarbeit: Noch im 19. Jahrhundert mussten viele Kinder Tag und Nacht arbeiten. Eltern und Gutsbesitzer hatten größeres Interesse daran, die Kinder zur Arbeit einzusetzen. In Fabrikgegenden fand die Schule nur abends statt. Gesetzliche Verbote blieben ungeachtet. 1892 wurde die Nachtarbeit für Kinder verboten- was aber in der Glasindustrie wenig bewirkte. Ausnahmeregelungen setzten die Verbote quasi außer Kraft. Zunächst zielte das Kinderarbeitsverbot zynischerweise vor allem darauf, die Gesundheit der künftigen Militärdienstleistenden nicht zu sehr zu schinden. Nachzulesen ist das in einem Heft des „Gesprächskreis Geschichte“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Titel: Aufstieg durch Bildung.

Der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unter Führung von Ferdinand Lassalle 1863 folgte im August 1869 die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Ende Mai 1875 vereinigen sich Lassalleaner und Marxisten in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei.

Die Gründungspapiere der SPD werden bei der Ausstellung nicht gezeigt, sie liegen in Amsterdam. Das rührt daher, dass die SPD bei der Machtergreifung der Nazis 1933 diese und viele andere Unterlagen und Dokumente nach Holland gebracht hatte, um sie vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Man verkaufte die Papiere sogar, weil man das Geld dringend brauchte, um verfolgten Sozialdemokraten zu helfen, um den Kampf gegen den NS-Terror zu finanzieren. Dokumente, wenn sie denn in Deutschland blieben, wurden oft irgendwo vergraben, die Nazis bekamen sie nicht in die Hände. Heute finden sich Dokumente im Archiv der Stiftung, die diesen Kampf belegen. Was rein- und rausgeschmuggelt wurde aus Nazi-Deutschland, ist zu sehen. Darunter unter vielen anderen Papieren ein kleines Heftchen, vielleicht drei mal drei Zentimeter, offiziell eine Anleitung zum Rasieren. Auf der Seite vier steht dann mitten im Text der Aufruf zum Kampf gegen die Nazis.

Statt der Gründungspapiere wird in der Ausstellung das Protokollbuch des Allgemeinen Arbeitervereins Augsburg gezeigt. (Genauer ausgedrückt: Es werden in der Ausstellung Abbildungen der Dokumente gezeigt.)Erster Präsident in Augsburg wurde Friedrich Dürr, ein aus Kempten im Allgäu stammender Mechaniker und Zeugschmied. Das Hamburger ADAV-Vorstandsmitglied Jakob Audorf junior hatte Dürr der Zentrale in Leipzig vorgeschlagen, die ihn dann einsetzte. Interessant dabei, dass Ferdinand Lassalle, der erste Präsident des Allgemeinen Arbeitervereins mit Sitz in Leipzig, wohl lieber die Augsburger ferngesteuert hätte, was den als eigensinnig bekannten Schwaben sicher nicht Recht gewesen wäre. Überhaupt zeigten die Schwaben schon früh erste demokratische Ansätze im Sinne einer sich von unten entwickelnden Demokratie. So führte der ADAV in Augsburg demokratische Wahlen durch und meldete den Gewinner nach Leipzig, von wo aus dann die formale Einsetzung des Präsidenten erfolgte.

Lassalle, der wegen einer Liebesgeschichte zum Duell aufgefordert wurde und schon 1864 starb, hatte wohl mit der Hoffnung geliebäugelt, einer wie Bismarck würde sich später vielleicht der Gedanken der organisierten Arbeiterbewegung annehmen, sie zumindest tolerieren. Eine Illusion, wie seine Nachfolger schmerzlich erfuhren. Bismarck dachte gar nicht daran. Vielmehr sah er in der Arbeiterpartei eine Gefahr für das Kaiserreich. Am 18. Oktober 1878 verabschiedete der Reichstag auf Betreiben Bismarcks das so genannte Sozialistengesetz, was einem Verbot der Partei gleichkam.

Gezeigt wird in der Ausstellung auch die goldene Uhr von August Bebel. Bebel war ein vermögender Mann. Andere Protagonisten der Arbeiterbewegung entstammten sogar dem gehobenen Bürgertum. Bebel sammelte goldene Taschenuhren. Eine davon wurde Willy Brandt in den 60er Jahren übergeben, sie liegt heute im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Mit der Bebel-Uhr hat es eine besondere Bewandtnis. Aus Anlass des 50. Todestags von August Bebel am 13. August 1963 besuchte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, das Grab Bebels in Zürich. Die Zürcher Sozialdemokraten übergaben Brandt als Vertreter des SPD-Parteivorstands eine goldene Taschenuhr. Diese Uhr hatte Bebel dem ihm befreundeten Kantonsrichter Otto Lang geschenkt. Nach dessen Tod kam die Uhr 1936 an Albert Bader, Vertrauensmann der Sozialdemokraten in der Schweizer Stadt. Dessen Witwe gab die Uhr an die Sozialdemokraten in Zürich weiter. Die Übergabe an die SPD in Person Brandts, heißt es in einem Papier der Ebert-Stiftung, erfolgte ausdrücklich „in Einverständnis mit der Genossin Bader.“

Zu seinem 53. Geburtstag überreichte Herbert Wehner Brandt am 18. Dezember 1966 bei einer Konferenz in Bad Godesberg eine goldene Taschenuhr. Wie sich herausstellte, war es das Zürcher Exemplar. Brandts Redenotiz dazu: „Bebels Uhr- am 13/8 63 mir zu treuen Händen-von mir wieder zu treuen Händen der Partei. Schönes Zeichen der Kontinuität bei allem Wechsel.“

Mit Bildern und Texten werden die Macher der Ausstellung in 45 Panels die Geschichte der SPD lebendig machen. Eine spezielle Dokumentation widmet sich dem Thema SPD und Gewerkschaften. Eine Dia-Show befasst sich speziell mit der Geschichte der 1.Mai-Plakate.

Durch medial aufbereitete Interviews kann der Besucher sich über die Exilzeit von führenden Köpfen der Arbeiterbewegung informieren, eine schmerzliche Zeit. Tausende von SPD-Mitgliedern, Gewerkschaftern und Kommunisten mussten vor den Nazis ins Ausland fliehen, andere landeten in Konzentrationslagern und wurden ermordet.

Weitere Ton-Dokumente enthalten Reden u.a. von Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Wels, darunter dessen berühmte Rede in der Berliner Krolloper vor dem versammelten Reichstag, als er das Nein der SPD zum Ermächtigungsgesetz erklärte mit den Worten: Leben und Freiheit könnt ihr uns nehmen, unsere Ehre nicht. Die SPD war die einzige Partei, die dem Gesetz nicht zustimmte.

Zur Geschichte der SPD gehört die Traditionsfahne der Partei. Sie lagert im Keller der Ebert-Stiftung unter Glas. Diese Fahne mit dem berühmten Händedruck wurde bis in die 80er Jahre des 20.Jahrhunderts auf allen SPD-Parteitagen präsentiert. Diese Fahne, die die Breslauer Sozialdemoraten im Garten einer Schrebergartensiedlung vergruben, damit sie nicht in die Hände der Nazis geriet, stammt aber nicht aus den Gründungstagen des Arbeitervereins. Die Gründungsversammlung fand am 23. Mai 1863 in Leipzig statt, erst zehn Jahre später weihte der Arbeiterverein in Lassalles Geburtsstadt Breslau ein Banner ein, das später als Blutfahne in die Geschichte der Partei eingeht.

Zeitlich beginnt die Ausstellung 1848, dem Jahr der Paulskirche. Aber man greift auch auf frühere historische Ereignisse zurück, wie die Französische Revolution und das Hambacher Fest, dem Geburtsjahr der Farbsymbolik von Schwarz-Rot-Gold. Die Ausstellung widmet sich der Zeit der Unterdrückung im Kaiserreich ebenso wie der Zeit des Ersten Weltkrieges, der Weimarer Republik, der Nazis, der Zeit des Wiederaufbaus und Neugründung der SPD nach 1945, dem von den Kommunisten erzwungenen Zusammenschluss von KPD und SPD zur SED in der DDR, der Wiedergründung der Partei zunächst unter dem Namen SDP am 7. Oktober 1989 in Schwante. Kein leichter Prozess, zumal einer der ersten Führungspersonen der SPD der DDR, Ibrahim Böhme, wahrlich kein Hoffnungsträger war, sondern ein Stasi-Spitzel. Er endete in völliger Armut.

150 Jahre SPD, das war ein Kampf gegen viele Widerstände und nicht immer ohne inneren Widerspruch. Zu erwähnen ist da zum Beispiel, dass auch die SPD sich 1914 hinreißen ließ, den Kriegskrediten zuzustimmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte die Partei Jahre, ehe sie sich 1959 zum Godesberger Programm durchrang, zur Volkspartei wurde, die soziale Marktwirtschaft akzeptierte wie auch die Bundeswehr und die Anbindung der Republik an die westliche Allianz. So wurde sie regierungsfähig. Eine Entwicklung, die Willy Brandt, der als Bundeskanzler die Aussöhnung mit dem Osten erreichte, später so beschrieb: “Wir sind stolz auf unsere Geschichte und auf den Dienst an unserem Volk. Dies ist der Weg, der von der kleinen belächelten Minderheit zur großen fortschrittlichen Volkspartei führte. Vom rechtlosen Proletarier zum gleichberechtigten Staatsbürger. Vom begrenzten Männerwahlrecht zum Wahlrecht für alle. Vom Obrigkeitsstaat zum Bürgerrecht auf Mitwirkung, auch auf Mitbestimmung. Es ist gut, sagen zu können, dass wir uns treu geblieben sind. Vom Widerstand gegen die Unfreiheit bis zur aktiven Sicherheit von Freiheit.“


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