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Der vorletzte DDR-Kulturminister Keller blickt zurück

Posted By Roberta Neuner On 5. August 2012 @ 16:10 In Unsere Themen | No Comments

Bildquelle: Amazon

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Die DDR, das ist Vergangenheit. 1989 fiel die Mauer, ein Jahr später war es vorbei mit dem so genannten Arbeiter- und Bauernstaat. Seit dem hat es viele Analysen und Rückblicke gegeben, von Wessis wie Ossis, Bewertungen, die nie objektiv sein können, weil die Sicht eben subjektiv ist, gefärbt, je nachdem aus welchem Augenwinkel man die Entwicklung jenseits der Elbe nach dem Krieg betrachtet. Vor einem Jahr hat der vorletzte Kulturminister der DDR, Dr. Dietmar Keller, ein Buch geschrieben: In den Mühlen der Ebenen. Unzeitgemäße Erinnerungen. Berlin 2011.

Wer Keller begegnet, wird nicht unbeeindruckt sein. Er sieht sich –zu Recht oder Unrecht- als Reformer, als einen intellektuellen Geist, der erwartet hatte, in der neuen Bundesrepublik mitreden zu können, mit zu entscheiden über den gemeinsamen Weg. So hatte er sich mir gegenüber bei einem Besuch in seinem Haus in Niederwiesa in der Nähe von Chemnitz geäußert. Er zeigte sich ziemlich enttäuscht, dass die politische Klasse im Westen nicht auf Leute wie ihn zugegangen war, weil sie ihn hätte brauchen können.

Darüber mag man streiten, gerade aus heutiger Sicht, Jahre nach dem Untergang der DDR. Sein Buch gewährt Einblicke in das politische Innenleben der späten DDR und macht „die deformierenden Auswirkungen des politischen Alltagsgeschäftes und die sich daraus ergebenden Mechanismen für Aufstieg und Fall“ sichtbar. Wer Keller damals, Mitte der 80er Jahre erlebt hatte, lernte einen „komplizierten, aber geradeaus denkenden Menschen mit einer Neigung kennen, von der Realität des übernommenen Gesellschaftssystems angefasst zu sein“, wie es ein Kenner der Szene beurteilt. Der Schöngeist Keller war rasch beeindruckt von dem, was sich ihm im Westen bot und im Zusammenspiel mit politischen Vertretern in Bonn, namentlich einigen aus der damaligen Landesvertretung NRW. Seine Erklärung beim Wein, die bei einigen noch im Gedächtnis ist, das Ende der DDR stünde bevor, entsprang der lockeren Gesprächsatmosphäre am Rhein, aber auch einer gewissen Naivität. Denn natürlich waren solche prophetischen Bekenntnisse ausgerechnet beim Klassenfeind riskant für einen Repräsentanten aus der DDR, deren System ja nicht unbedingt als meinungsfreudig galt.

Richtig ist, dass Keller sich nach Einschätzung von westlichen Gesprächsteilnehmern jener Zeit als ein Mann darstellte, der sich mit großer Beharrlichkeit um künstlerische Freiheiten bemühte, was nicht einfach war. So habe Keller als vorletzter Kulturminister der DDR ein Konzept für eine Kulturstiftung der Länder im Deutschen Dom in Berlin angeregt. Denkwürdige Ansätze, mit denen er das Niveau vieler seiner Mitspieler im Osten in den Schatten stellte. Was ihm aber auch später die Karriere möglicherweise verbaute, wie ein Beobachter jener Jahre meint. „Da ist einer in den Tigerkäfig gestiegen und hat die Tierchen für Hauskatzen gehalten“.

In der DDR mit ihrer politischen Monokultur habe Keller sich noch einigermaßen durchsetzen können, nicht aber in einem auf Konkurrenz und Machtstreben ausgelegten Mehrparteiensystem wie in der Bundesrepublik. Diesem Umfeld sei er nicht gewachsen gewesen. Und so trafen ihn die Vorwürfe über Verquickungen mit der Stasi ziemlich heftig, sie haben ihn sehr berührt. Vorwürfe, die ein Experte aus dem Westen als völlig unberechtigt einstuft, auch wenn einzuräumen ist, dass es ab einer gewissen Funktionsebene in der DDR unmöglich war, der formalen Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit auszuweichen. Die Frage war ja immer auch, wie weit hat man sich eingelassen und ob man jemanden ans Messer geliefert hat. Keller wusste, was er tat, er wusste, dass er Teil des Systems war, er hat mitgespielt, aber er hat wohl nicht foul gespielt. Übrigens bleibt festzuhalten, dass es in Zeiten des Kalten Krieges auch in Bonner Ministerien Geheimschutzbeauftragte gab, dass Berichte über bestimmte Kontakte obligatorisch waren, dass sich Funktionsträger private Reisen in den Ostblock genehmigen lassen mussten, wenn sie geheimschutzverpflichtet waren. So jedenfalls betont es noch heute ein ehemaliger Funktionär aus dem Westen.

Ausführlich schildert Keller die kulturpolitischen Beziehungen zwischen der DDR und dem Lande Nordrhein-Westfalen. Darunter über eine umfassende Kulturpräsentation, die am 9. November 1989 im Gewandhaus in Leipzig vom damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau eröffnet wurde, eine Präsentation, die fast am Widerstand der DDR-Mächtigen in Ostberlin gescheitert wäre, weil die Nomenklatura der DDR angesichts der Entwicklung im Lande Angst vor der eigenen Courage bekam. Aber durch den persönlichen Einsatz von Arno Rink, dem Rektor der Hochschule für bildende Künste in Leipzig, bei Politbüromitglied Kurt Hager wie auch dem Einsatz von Dietmar Keller konnte Rau an jenem historischen Tag seine Rede im Gewandhaus halten.

Wenige Wochen später, am 25. Januar 1990, erlebten Zuhörer einer Podiumsdiskussion in der NRW-Landesvertretung in Bonn einen Dietmar Keller, der sich wie andere Teilnehmer aus der DDR durch weitgehende Passivität auszeichnete. Ein Beobachter der Diskussion widerspricht ausdrücklich der Eindruck Kellers: „Alle gegen einen“. Vielmehr habe es keinen ernsthaften Versuch Kellers gegeben, sich dem Begriff der Kulturnation Deutschland als Brücke in eine gemeinsame Zukunft auch nur zu nähern. Möglich, dass diese gemeinsame Zukunft damals für manchen Gesprächsteilnehmer noch nicht zum Wunschbild gehörte.

Verdammt lang her, könnte man mit der Zeile aus einem Song die Zeit kommentieren, die Keller versucht, aus seiner Sicht zu beschreiben. Lesenswert ist es allemal, zumindest für den, der sich für diese Jahre und die von Keller angesprochenen Themen interessiert. Im übrigen füge ich gern einen Satz des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl an, der in einem anderen Zusammenhang mal für sich feststellte: „Ich wüsste nicht, wie ich mich verhalten hätte, wen ich drüben hätte leben müssen. Helden sind selten.


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