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Helmut Kohl, der Helmut Schmidt ablöste

Posted By Alfons Pieper On 29. September 2012 @ 21:08 In Unsere Themen | No Comments

Am 1. Oktober ist es 30 Jahre her, dass Helmut Kohl, der CDU-Parteivorsitzende, den Bundeskanzler Helmut Schmidt(SPD) durch ein konstruktives Misstrauensvotum ablöste. Ein Ereignis, das sich seit Monaten anbahnte und das die FDP beinahe zerrissen hätte. Hans-Dietrich Genscher, der neben Otto Graf Lambsdorff diese so genannte Wende der Freidemokraten betrieb, kostete es innerhalb der FDP viele Sympathien und später den Parteivorsitz. Mit Helmut Kohl kam jemand ins Amt des Regierungschefs, dem es viele nicht zugetraut hatten. Und dann regierte ausgerechnet er 16 Jahre, länger als Konrad Adenauer.

Helmut Kohl, der vielfach unterschätzte. Es war mehr herablassend, wenn Helmut Schmidt ihn bei Debatten im Bundestag als „Herr Dr. Kohl“ ansprach. Und es passte ins Bild der Auseinandersetzung, wenn Herbert Wehner, der SPD-Fraktionschef, bei Kohl-Reden hin und wieder dazwischenrief: „Sie reden Kohl.“

So war das damals. Witze über den Mann, den man gern als Birne lächerlich machen, als tumben Provinzpolitiker abtun wollte, der Mann mit dem Pfälzer Dialekt, bei dessen Reden man Familie mit Vanille verwechseln konnte. Über den Mann aus Oggersheim wurde oft gelächelt. Dabei hatte Kohl bei seinem ersten Antritt gegen Schmidt 1976 immerhin 48.6 Prozent der Stimmen geholt und die absolute Mehrheit nur knapp verfehlt. 48.6 vh, ein stolzes Resultat, aber damals gab es nur drei Parteien im Bundestag und die FDP hatte sich festgelegt, das Bündnis mit der SPD fortzusetzen.

1980 überließ der schlaue Fuchs Kohl dem Widersacher aus Bayern, Franz Josef Strauß, die Rolle des Kanzlerkandidaten, wissend, dass Strauß es nicht schaffen konnte, weil die FDP niemals den CSU-Mann zum Kanzler küren würde. Es kam, wie Kohl und viele andere es vermutet hatten, Strauß holte ein achtbares Ergebnis, aber die Liberalen verschafften der SPD und ihrem Kanzler Schmidt die Mehrheit. Dieser Wahlkampf 1980 hatte, wie sich nur zwei Jahre später zeigen sollte, eine für die FDP bittere Konsequenz. 1980 hatten die Freidemokraten, sich auf den Wahlslogan festgelegt: FDP wählen, damit Helmut Schmidt Kanzler bleibt.

Dieser Slogan flog den Liberalen 1982 um die Ohren, als sie zur Wende hin zur Union ansetzten. „Das ist Verrat“, rief Helmut Schmidt im parallel zum geplanten Regierungswechsel laufenden Wahlkampf in Hessen. „Die FDP gehört weggeharkt“, giftete der Hamburger beim Wahlkampfauftritt in Wetzlar, im Schatten des Domes. Die scharfe Attacke hatte Folgen: der CDU-Kandidat für die Landtagswahl in Hessen, Alfred Dregger, verpasste den Sprung in die Staatskanzlei in Wiesbaden, Holger Börner(SPD), blieb Ministerpräsident.

Aber in Bonn lief alles nach Plan, man verhandelte über die Inhalte der künftigen konservativ-liberalen Koalition unter Kohl und Genscher und bereitete sich auf das Misstrauensvotum vor.

Am 1. Oktober war es so weit, die Weichen waren gestellt, an der Mehrheit war trotz aller Proteste aus den Reihen der FDP nicht zu zweifeln. Hildegard Hamm-Brücher hielt eine flammende Rede gegen diese Wende, Wehner schenkte ihr anschließend Blumen, sie blieb aber in der FDP, andere verließen die Partei, darunter Günther Verheugen, Ingrid Matthäus-Maier und Andreas von Schöler, um nur die drei zu nennen. Der FDP drohte die Spaltung, einer ihrer Wortführer war der frühere Innenminister Gerhard Rudolf Baum, der aber den Schneid nicht hatte, gegen Genscher anzutreten. Das überließ er Uwe Ronneburger, der scheiterte. Gleichwohl verzichtete Genscher 1985 auf den FDP-Vorsitz, sein Image in der FDP hatte schwer gelitten.

Über diese Wende ist viel geschrieben worden. Die Gründe lagen nicht nur in der FDP, sondern auch in der SPD, die die Haushalts-, sowie die Außen- und Sicherheitspolitik ihres Kanzlers Schmidt nicht mehr mittragen wollten. Vor allem der Streit über den Nato-Doppelbeschluss entzweite die Partei, Schmidt hatte am Ende nicht mehr die Zustimmung der SPD und bekam das zu spüren. Erst Jahre später lobte Björn Engholm den SPD-Kanzler Helmut Schmidt und sorgte mit dafür, dass die SPD sich mit dem Hamburger wieder versöhnte. Es war halt wie so oft in dieser Partei, wie es mal der Bundesminister Jürgen Schmude beschrieb: „Wenn wir regieren, sind wir nicht zufrieden, aber wenn wir nicht regieren, sind wir es auch nicht.“ Das zeigte sich wenige Jahre später, die Oppositionsbank ist hart.

Der schwarze Riese, wie ihn die Medien nannten, war aber nicht so tumb, wie manche über ihn voreilig und aus Unkenntnis spotteten. Seine Machtbasis für Bonn legte er schon in den 70er Jahren an, als er dafür sorgte, dass die übrige Partei-Prominenz, die ihm hätte gefährlich werden können, in die Länder auswich, darunter Stoltenberg und Leisler Kiep. Kohl ist gelernter Historiker, er liest viele Biographien, er kennt die Geschichte, nicht nur die deutsche. Ein Intellektueller ist er wohl nicht, wollte er aber auch nicht sein.

Die SPD rannte gegen den Kanzler Kohl über Jahre an: Zuerst Hans Jochen Vogel, dann Johannes Rau, der strahlende Wahlsieger von NRW, dann Oskar Lafontaine, Björn Engholm schaffte es gar nicht bis zur Wahl, weil er die Öffentlichkeit in der Barschel-Affäre belogen hatte, Rudolf Scharping war der nächste Verlierer. Erst Gerhard Schröder schob Kohl aufs Altenteil.

Innerparteilich wollte man ihm auch gelegentlich die Macht entreißen. Doch der geplante Aufstand Ende der 80er Jahre, kurz vor dem Mauerfall, entpuppte sich als Zwergen-Revolte, Lothar Späth, Rita Süssmuth, Heiner Geißler griffen ins Leere. Der Pfälzer hatte durch seine sagenhaften Kontakte innerhalb der Union quer durch die Republik längst gesteckt bekommen, dass man ihm ans Leder wollte.

Kanzler der Einheit mag er durch einen Zufall der Geschichte geworden sein, aber er hatte sich darauf vorbereitet, er hatte sich die Sympathien von Gorbatschow, von Bush und Mitterrand besorgt, dazu lieferte Genscher als Außenminister im Kreise seiner Amtskollegen die passende Begleitmusik, indem auch er jeden Zweifel an Deutschlands Verlässlichkeit gar nicht erst aufkommen ließ. Vertrauen und Glaubwürdigkeit, das war das Fundament, auf dem Kohl und Genscher sich die Zustimmung der Staatsmänner der Welt holten, die den Weg freimachte für die deutsche Einheit.

Kohl war die CDU, die CDU war Kohl. So lauteten die Kommentare viele Journalisten. Wer in der CDU was werden wollte, musste mit Kohl klarkommen. Zeigte sein Finger nach unten, war es vorbei. Kohl, der Mann der schwarzen Kassen? Das war Kohls Tiefpunkt 2000, als die Kanzlerschaft längst verloren war. Kohl schwieg, nannte keine Namen, das Ehrenwort hatte für ihn mehr Wert als das Gesetz. Was Folgen hatte. Angela Merkel verurteilte sein Verhalten in einem Aufmacher für die FAZ. Das Verhalten Kohls, ein Wort zu halten und dies über Recht und Gesetz zu stellen, und dies bei einem rechtswidrigen Vorgang, habe der Partei Schaden zugefügt. Kohl, der in den Jahren 1993 bis 1998 Spenden in Höhe von 1,5 Millionen DM angenommen hatte, wurde in der Partei heftig kritisiert, ja er geriet in die Isolation und legte den Ehrenvorsitz nieder.

Auch das war Kohl, stur und verbissen, beratungsresistent.
Kohl war der Aussitzer, eine Qualität, die seine Nachfolgerin Angela Merkel in ähnlicher Weise beherrscht. Was aber auch besagte, Kohl reagierte nicht auf jeden Zwischenruf, ließ manche Aktion seiner Gegner unkommentiert passieren. Die Karawane zieht weiter.

Kohl hatte ein engmaschiges Netzwerk. Ein Telefonbuch mit Namen von Flensburg bis Garmisch, mit Namen von Christ- und anderen Demokraten, mit Namen von Industriellen und Mittelständlern, Leuten der Gesellschaft. Kohl war kein Champagner-Typ, viel zu bodenständig, ein Mann, der die Gefahren roch.

Europäer war er aus Überzeugung, er konnte die europäische Geschichte erzählen, warum Europa so wichtig war und ist für uns Deutsche und alle anderen Europäer.

Heute ist Helmut Kohl ein alter Mann, ein Pflegefall, wie man sehen konnte, als er jetzt vor den Augen der Öffentlichkeit erstmals seit seinem Ausscheiden in der Unions-Fraktion wieder empfangen wurde. Er sitzt seit seinem schweren Unfall in einem Rollstuhl, seine zweite Frau Maike Richter- die erste Frau Hannelore hatte sich vor Jahren das Leben genommen- pflegt ihn, schirmt ihn ab gegen Besucher, wie es heißt auch gegen die Söhne. Ob es stimmt? Kohl im Rollstuhl, das war ein Bild, das Mitleid erregt. Warum macht er das, warum lässt er das zu? Wird er instrumentalisiert, von Angela Merkel, weil sie ihn braucht für die Wahlkämpfe. Merkel hat viele Gegner in der Kohl-CDU. Kohl habe die Einladung genossen, betonte Theo Waigel, damals Finanzminister im Kabinett Kohl, seit vielen Jahren ein wahrer Freund des Pfälzers. Waigel hat Zugang zu Kohl, besucht ihn, hält an ihm fest, verteidigt ihn.

Wer immer Helmut Kohls politische Leistungen kommentiert und interpretiert, er wird zumindest daran nicht vorbeikommen, dem Mann ob der Lebensleistung Respekt zu zollen. 16 Jahre Kanzler, das ist man nicht so im Handumdrehen. Dahinter steckt auch eine Leistung, die es zu würdigen gilt, ungeachtet aller sonstigen Kritik an der Person Kohl.


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