SUCHEN:

Das Dilemma des Kandidaten Steinbrück. Das falsche Spiel der Heuchler

31. Oktober 2012 · von Alfons Pieper

Natürlich kann auch ein SPD-Mitglied viel verdienen und Millionär sein. Mit der Mitgliedschaft in der alten Arbeiterpartei hat niemand das Gelübde der ewigen Armut abgelegt. 1,2 Millionen Euro hat Peer Steinbrück binnen weniger Jahre nebenbei verdient, ein stolzes Honorar für Vorträge. Der Mann ist halt ein guter Redner und sein Geld wert, er ist gefragt, heißt es allerorten. Und niemals hat er den Bankern und all denen, die ihn beschäftigten, nach dem Mund geredet. Und er hat schließlich sein Versprechen gehalten, dass er alles offenlegen werde, was er an Reden gehalten und was er dafür bekommen habe. Also alles ok? Warum die Aufregung? Steinbrück hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Vorträge gegen Geld hält. Jeder wusste, dass der SPD-Mann viel Geld nebenbei verdient hat. Es ist alles rechtens, ist aber auch alles legitim, im Sinne von anständig?

Die Politiker von Union und FDP, die seit Tagen und Wochen gegen Steinbrück sticheln, haben in der Vergangenheit jene Transparenz verhindert, die SPD und Grüne wollten. Und auch jetzt lehnen sie eine Offenlegung der Einkünfte, wie sie Steinbrück und die SPD und die Grünen nach Euro und Cent fordern, mit fadenscheinigen Gründen ab. Was sie wollen, liegt auf der Hand: Der Kandidat mag sich noch so geschickt verteidigen, etwas bleibt immer an ihm hängen, der Kandidat wird nicht unbeschadet aus dieser Debatte hervorgehen.
Der Karikaturist Heiko Sakurai hat es im Bonner Generalanzeiger so ins Bild gesetzt: Der nackte Kanzlerkandidat steht vor seinen Kritikern aus Union und FDP und fragt: „So Freunde und Ihr? Große Klappe und nix dahinter, oder was?“ Trefflich gezeichnet, gleichwohl kann Peer Steinbrück nicht zur Tagesordnung übergehen oder gar jubeln. Er kennt seine SPD und die dazu gehörenden Anhänger, die schon bei der Wahl 2009 in Millionen-Stärke zu Hause blieben und nicht an die Wahlurne eilten, weil ihnen das Agenda-Programm von Gerhard Schröder nicht gefiel. Und einer wie Steinbrück stand und steht zur Politik Schröders, heute noch. Das mag nicht jedem gefallen, aber ein Opportunist ist Steinbrück nicht.

Wie kann ein Bundestagsabgeordneter, fragen sich viele Bürger, so viele Vorträge halten? Und wie verträgt sich das mit seinem Mandat im Bundestag? Steinbrück hat betont, dass er seine Pflichten als Abgeordneter nicht vernachlässigt habe. Wobei man einräumen darf, dass ein Parlamentarier nicht täglich und stündlich im Plenarsaal sitzen muss. Neben der Arbeit in den Ausschüssen hat er sich in seinem Wahlkreis und anderswo zu zeigen. Und er hat daraus nie ein Hehl gemacht, dass er viele Reden hält. Und er hat nicht nur kassiert, sondern auch gespendet.

89 Vorträge zwischen 2009 und 2012 gegen Geld, dazu 237 Vorträge ohne Bezahlung, nicht zu reden von den Büchern, die er geschrieben hat. Wir reden über die Zeit, als sich Steinbrück quasi im Vorruhestand befand, also kurz vor dem Ende seiner Politik-Karriere. Da hat er wie andere Prominente aus dem politischen Betrieb „sein Können versilbert“, wie ein Leitartikler formulierte. Und was ist eigentlich mit den Viel-Verdienern der Union wie Michael Glos und Heinz Riesenhuber?

Man darf sich wundern, warum ausgerechnet die Stadtwerke Bochum Steinbrück für eine Rede 25000 Euro überwies. Bochum ist eine hochverschuldete Stadt und weiß Gott nicht auf Rosen gebettet. Aber das werden die Stadtväter irgendwann ihren Wählerinnen und Wählern erklären müssen. Der Fall belegt andererseits die Qualität der Transparenz, wie sie der Kandidat an den Tag gelegt hat.
Bisher hat sich niemand darüber beschwert, der Vielredner und Vielverdiener Steinbrück war nie ein Thema. Als Steinbrück Kanzlerkandidat wurde, hat er seine Nebentätigkeit eingestellt. Und sofort hob die Kritik seiner Gegner an, kamen die Einwände gegen den Viel-Verdiener der SPD, der eben nicht auf dem Sprung ins Altenteil war, sondern noch einmal ein hohes Ziel anpeilte. Eine Neid-Debatte setzte ein, seine Gegner aus dem Lager der Union wie der FDP hatten exakt dieses einkalkuliert, um ihm im eigenen Lager Schaden zuzufügen. Dass sie selber Geld nebenbei verdient hatten, viel Geld. Geschenkt, werden sie denken, schließlich wollen sie nicht hoch hinaus. Und was sie von der Volksweisheit halten, dass, wer im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen darf? Oder wer mit einem Finger auf jemand anders zeigt, muss wissen, dass drei Finger derselben Hand auf ihn selber zeigen? Das stört sie nicht, denn im Mittelpunkt dieser Debatte steht nun mal der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

Genau diesen Zwiespalt hatten seine Kritiker im Sinn. Kann dieser Kanzlerkandidat der SPD, der Partei, die doch immer für soziale Gerechtigkeit eintrat, Anwalt der kleinen und benachteiligten Leute sein wollte und es wieder sein will, kann dieser Mann glaubwürdig das leisten? Wird man diesem Mann, der in einem Vortrag mehr verdient hat als eine Hebamme in einem Jahr, eine Kampagne für mehr Steuergerechtigkeit zugunsten der Arbeitnehmer abnehmen? Kann er die SPD-Sympathisanten mobilisieren, werden sie ihm folgen oder sich abwenden? Wird der Funke überspringen?

Die Qualitäten von Peer Steinbrück sind bekannt. Der Mann, der gewiss nicht einfach ist und auch arrogant sein kann, vermag zuzuspitzen und bissig und zugleich sachgerecht anzugreifen wie kaum ein anderer. Seine Attacken gegen die Bankenwelt und Industriefürsten fürchten die Union wie die Liberalen. Da ist eine ihrer offenen Flanken. Deshalb kommt ihnen der Nebenkriegsschauplatz mit dem Vortrags-Millionär Steinbrück gerade recht. Die SPD-Anhänger sind gefordert, sich mit ihrem Kandidaten auseinanderzusetzen. Wenn sie ihn stützen ohne Wenn und Aber, wenn sie ihn tragen, hat er eine gute Chance gegen die Meisterin der unverbindlichen Politik Angela Merkel. Wenn sie aber halbherzig dabeistehen und sich eher entschuldigen für den Mann, dann wird es schwer für ihn. Und die SPD.

» drucken           » kommentieren          » verschicken


2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 IPKlaus // Okt 31, 2012 at 16:38

    Der arme Peer Steinbrück. Er wird ja von der Welt so verkannt.
    Die Vergangenheit hat aber gezeigt dass Politiker nach der Wahl nur selten die Versprechen einhalten die im Wahlkampf gegeben werden. Vielmehr ist dann wieder die Einstellung zu bemerken, die vorher gegolten hat.
    Steinbrück war vorher mit der alten Transparenz im reinen, ist für soziale Einschnitte wie Harzt4 incl. Rentenkürzung und unterstützt Banken und Industrie wo es geht. Er wird sich nicht ändern!

  • 2 Lindemann, Ralf // Nov 3, 2012 at 16:45

    So, so, nun wissen wir, dass Interviews sind keine Reden sind. Deshalb man darf dafür Geld, … über 7.000 Euro …, annehmen und braucht es nicht aufzulisten – die neue Ehrlichkeit! Es gab schon, vor nicht all zu langer Zeit, einen Politiker gegeben, den hat man zum Rücktritt gezwungen, weil er aus einem Beschäftigungsverhältnis 70.000 Euro bezogen hat. Aber der war ja auch nicht Mitglied der “Arbeiterpartei”.

Hinterlasse einen Kommentar