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Über das Leben zweier großer Sozialdemokraten. Ein bereichender Blick von Gunter Hofmann auf Willy Brandt und Helmut Schmidt

Posted By Josef Fuchs On 24. Oktober 2012 @ 10:27 In Unsere Themen | No Comments

Ist nicht schon alles darüber gesagt? Was soll es, die alten Kamellen über das schwierige Verhältnis von Willy Brandt und Helmut Schmidt aufzuwärmen? Diese Skepsis ist schon nach den ersten Seiten des Buches „Willy Brandt und Helmut Schmidt – Geschichte einer schwierigen Freundschaft“ verflogen. Der Autor, Gunter Hofmann, langjähriger Bonner und Berliner Korrespondent für „Die Zeit“, nimmt die Leser mit, nicht nur auf eine spannende Reise durch das Leben der beiden großen Sozialdemokraten, sondern durch die politischen Zeitläufte des vergangenen Jahrhunderts.

Der eine, der ältere, 1913 geboren, macht sich von Hitlerdeutschland 1933 frei, der andere, fünf Jahre später zur Welt gekommen, leidet als Junge darunter, nicht zur Hitlerjugend dazuzugehören. Der eine kämpfte von Europa aus gegen die Hitlerdiktatur, der andere wollte vom Ausmaß der Judenverfolgung trotz eigener jüdischer Familienbindung nichts wahrgenommen haben. Der eine, „links und frei“, der andere die Wehrmacht als patriotische Verpflichtung ansehend und sich lange von den Absichten des „Adolf Nazi“, wie er ihn später nannte, blenden lassend.

Gunter Hofmann urteilt nicht, sondern erklärt. Einfühlsam, immer bemüht, beiden Lebensentwürfen gerecht zu werden. Willy Brandt, der ewige Sozialdemokrat, Helmut Schmidt, der dazu im Gefangenenlager durch glückliche Umstände erst wurde. In diesem Herausarbeiten liegen die größten Verdienste des Autors, dienen sie doch als Erklärung für späteres Auftreten.

Im bundesrepublikanischen Aufstieg der beiden räumt Hofmann mit der Geschichte auf, dass Brandt der Zauderer, Schmidt dagegen der immer entschlossene Macher gewesen sei. Er zeichnet nach, wo die Beziehung, in der Brandt das Objekt der Bewunderung Schmidts war, die ersten Haarrisse bekam und schließlich zur Belastung wurde.

Vieles wie jene Nacht von Münstereifel, am 4. Mai 1974, in der sich Brandt zum Rücktritt als Kanzler entschloss, hat man in vielfachem Zusammenhang schon gelesen oder in Dokumentationen gesehen, aber Hofmanns Sensibilität versteht es, auch hier neue Einblicke, neues Verständnis zu geben. Ob Schmidt sich schon damals für den besseren Kanzler hielt, bleibt offen. Aber er vermittelte den Eindruck, dass das Land einen Entschlosseneren als Brandt brauchte. Schmidt kokettierte damit, jedenfalls der beste Kronprinz zu sein.
Als er dann Kanzler wurde, erwartete er von dem Parteivorsitzenden Willy Brandt, dass er ihm den Rücken frei hielte. Brandt tat es – widerwillig, entdeckte sich aber als Vorsitzender der Sozialistischen Internationale (SI) neu, fand seine neue Bestimmung im Kreis von Freunden – wie Bruno Kreisky oder Olaf Palme und kehrte in jenes internationale Umfeld zurück, in dem er während der dreißiger Jahre seine politische Arbeit begonnen hatte.

Die Welten Brandts und Schmidts glitten wieder auseinander. Während der eine den Nord-Süd-Dialog zwischen Industrie- und Entwicklungsländer für eine gerechtere Welt initiierte, musste der eine zu Hause den Wohlstand garantieren, die RAF-Gefahr in den Griff bekommen und den ungeliebten NATO-Doppelbeschluss durchpauken. Willy Brandt lebte an seinen neuen Aufgaben auf, Schmidt zehrte sich auf.

Eindrucksvoll beschreibt Hofmann wie die beiden nach der Kohl-Wende auf dem SPD-Sonderparteitag zum NATO-Doppelbeschluss 1983 sichtlich entfremdet auseinander gingen. Gerade noch 13 Delegierte hatten zu dem NATO-Kurs von Schmidt gestanden. Ein geschlagener Mann. Zwei Männer, die sich nichts mehr zu sagen hatten.

Aber ebenso eindrucksvoll ist, dass Schmidt darauf beharrt, nach seinem letzten Besuch des sterbenskranken Brandt 1992, sich weiterhin als seinen Freund zu verstehen. Erschien auf den ersten Blick der Untertitel des Buchs „Geschichte einer schwierigen Freundschaft“ eine Spur zu kitschig, beim Beharren Schmidts auf diesem Begriff, wird deutlich, dass das Verbindende zwischen beiden größer gewesen sein muss als die bekannte Außenwahrnehmung. „Davon“, schreibt Hofmann, „vom Ungesagten zwischen den beiden, handelt das Buch“. Und diesem Ungesagten hat der Autor Wörter und Erklärungen gegeben. Seine Anstrengungen sind ein bereichender Blick auf zwei große Deutsche geworden.

Gunter Hofmann, Willy Brandt und Helmut Schmidt, Geschichte einer schwierigen Freundschaft, C.H.Beck-Verlag, 336 Seiten, 21.95 Euro


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