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Beim ZDF war Strucks Tod nur die dritte Nachricht

Posted By Alfons Pieper On 20. Dezember 2012 @ 18:36 In Unsere Themen | 2 Comments

Mit tiefer Trauer und Bestürzung nahmen die Medien und die Bürger die Nachricht vom plötzlichen Tod des beliebten und von allen Seiten geachteten SPD-Politikers Peter Struck auf. Mit dieser für einige Zeitgenossen schockierenden Meldung begannen die Nachrichten in der ARD um 20 Uhr, in der Heute-Sendung des ZDF um 19 Uhr wurde der Zuschauer zuerst darüber unterrichtet, dass der Bund Wärmedämmung mit Milliarden Euro fördert und dass Stromautobahnen kommen. Erst danach folgte der Bericht über den Tod Strucks-an dritter Stelle der ZDF-Abendnachrichten. Was haben sich die Mainzer-Medien-Macher wohl dabei gedacht?

69 Jahre wurde er nur, am 24. Januar nächsten Jahres wäre er 70 geworden, die SPD-Bundestagsfraktion hatte schon eine Feier zu Ehren ihres ehemaligen Chefs organisiert, die Einladungskarten waren gedruckt. Dann passierte der Infarkt, in der Woche vor Weihnachten, er überlebte ihn nur wenige Stunden. Unfassbar für viele seiner Freunde und Wegbegleiter. Strucki, wie sie ihn liebevoll nannten, das kann doch nicht sein.

Verlässlicher Freund, so reagierte der politische Gegner in Form des Fraktionschefs der Union, Volker Kauder, der Struck in der großen Koalition kennen- und schätzen gelernt hatte. Ja doch, Raubein war er auch, aber mehr sprachlich. Kanzlerin Angela Merkel lobte ihn, wissend, dass er sie zeitlebens nicht mochte, aber als Politiker rauften sie sich in der Koalition zusammen. Struck war verlässlich, das wusste die Kanzlerin.

Struck war Parlamentarier durch und durch und achtete stets auf die Rechte der Volksvertreter. Ihm war der Bundestag wichtiger als welche Regierung auch immer. Deshalb der Satz vom Struckschen Gesetz: Kein Gesetz verlässt das Parlament, wie es als Gesetzentwurf eingebracht wurde. „Es gibt nichts Höheres“, hat er mal über die Bedeutung des Parlamentariers gesagt.

Wer das Glück hatte, ihn kennenzulernen, dem fiel die direkte Art der Ansprache und des Aufeinanderzugehens ein. So war er. Ohne viel Federlesen, ohne viel Theater, klare Sprache, klare Haltung. Glätte, das Aalglatte verachtete er. Er bildete sich nichts ein, sondern machte seine Arbeit. Erdverbunden war er, nie abgehoben, menschlich. Welcher Fraktionschef, der auch Verteidigungsminister war, zuvor Erster Parlamentarischer Geschäftsführer, hat über die Jahre immer die gleichen Mitarbeiterinnen? Sein Pressechef Norbert Bicher begleitete Peter Struck als Fraktionschef, dann als Bundesminister der Verteidigung, dann wieder als Chef der Bundestagsfraktion. Sie wurden Freunde und blieben es bis zum Tode. Wo gibt es das?

Der Mann aus Uelzen, ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, hat vieles erreicht in seinem Leben, aber Karrierist war er nie. Er konnte aus der Haut fahren, mürrisch reagieren, bärbeißig sein, dabei war er hilfsbereit und ausgesprochen freundlich. Knorrig war er auch. Und ein Kumpel. „Parlamentssoldat“ titelte die Süddeutsche Zeitung gekonnt ihren Nachruf.

Struck hat Jura studiert und wurde promoviert, was er später jungen Leuten gelegentlich empfahl. „Macht Jura, das ist ein leichtes Studium, wenn man einigermaßen klar im Kopf ist.“ So redete er.
1964 trat der Sohn eines Soldaten und einer Verkäuferin in die SPD ein, weil er wollte, dass es Menschen aus kleineren Verhältnissen später besser haben. Das war damals die Lehre der SPD. Aufstieg durch Bildung, hieß das Programm dieser Zeit, geformt von Leuten wie Willy Brandt.

Zum Minister musste der damalige Kanzler Gerhard Schröder ihn praktisch zwingen. Struck wollte Parlamentarier bleiben, aber es half nichts. Amtsinhaber Rudolf Scharping war nicht nur in den Augen des Kanzlers untragbar geworden, nachdem eine Zeitschrift Bilder des Ministers mit seiner Geliebten, der Gräfin Pilati, am Pool eines Hotels auf Mallorca gezeigt hatte. Ausgerechnet der Zivilist Struck, ausgerechnet in Schröders Kabinett. Beide hatten sich über die Jahre einige Male die Meinung gesagt, Struck auf seine deftige Art dem Ministerpräsidenten Schröder via Fernsehen rübergerufen, dass er nie Kanzlerkandidat der SPD werde, Schröder hatte seinen „Parteifreund“ zuvor als Mittelmaß beschimpft. Aber Struck war auch einer, der sich in die Pflicht nehmen ließ. Und Schröder wusste, dass Struck loyal war, ein Mann, der seine Arbeit tat. Er war beliebt und geachtet bei den Soldaten wie den Abgeordneten. Es waren seine Soldaten, seine Abgeordneten.

Fast dreißig Jahre war er Mitglied des Deutschen Bundestages, der Vater dreier Kinder, bekennender Fan von Borussia Dortmund, Pfeifenraucher auch nach zwei Herzinfarkten und einem Schlaganfall, über den er selbst den damaligen Kanzler und Freunde im Unklaren ließ. Nach dem Ende der Politik- er verließ freiwillig die Arena- übernahm er den Vorsitz der Friedrich-Ebert-Stiftung, vor wenigen Tagen wurde er wiedergewählt. Er hatte sich noch mit Freunden in Bonn verabredet. Dazu kam es nicht mehr. Den dritten Herzinfarkt überlebte Peter Struck in der Berliner Charité nicht. Die Sätze des Bedauerns von allen Seiten und parteiübergreifend sind ehrlich gemeint und nicht die üblichen Grabreden. Man mochte und schätzte diesen Mann, weil er immer so war wie man ihn vor Jahren kennengelernt hatte: geradeaus, natürlich, kein Champagner-Typ. Man wird ihn vermissen.


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