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Wir sollten uns mehr zurückhalten

2. Dezember 2012 · von Alfons Pieper

Bundeskanzlerin Angela Merkel(CDU) mag in Deutschland über gute, vielleicht sogar herausragende Werte der Anerkennung bei den Wählerinnen und Wählern verfügen. Im Ausland liegen die Dinge anders, völlig anders. Da wird Merkel Überheblichkeit und ein Politikstil der Belehrung vorgeworfen. Man frage Journalisten z. B. aus Italien. Da hört man wenig von Wertschätzung, da ist eher die Rede von einem gewissen Hang, von oben herab Politik gegenüber dem Ausland zu betreiben. Partnerschaft innerhalb der Europäischen Union, in den Augen nicht nur des italienischen Kollegen, Mangelware, wenn man ihn nach Merkel fragt.

Nein, sie mögen die Kanzlerin nicht und das hängt nicht mit den Erfolgen der Deutschen zusammen. Das rührt eher daher, dass man es gern leiser hätte, dass man nicht immer vorgeführt bekommen will, wie schlecht es doch den europäischen Nachbarn Deutschland ginge, weil sie eben zu faul gewesen seien, sich zu sehr auf das Traditionelle berufen hätten und und und.

Man könnte sich darauf beschränken und sagen, sollen die Ausländer doch von der deutschen Regierungschefin halten, was sie wollen. Gewählt wird in Deutschland und nicht in Rom, Paris, London oder Den Haag. Das aber wäre zu kurz gegriffen, Deutschland braucht Europa genauso wie umgekehrt. Der europäische Markt ist für Deutschland ein Segen. Dass die deutsche Wirtschaft immer noch brummt, wenngleich der Motor ein wenig in Stottern gerät, ist nicht nur eine Folge deutscher Leistungskraft und des Einsatzes und Fleißes der Deutschen. Das ist schon auch ein Produkt des europäischen Einigungsprozesses, der seit über 60 Jahren im Fluss ist und der mit dafür gesorgt hat, dass mitten in Europa, wo sich die Völker über Jahrhunderte die Köpfe eingeschlagen haben, seit Jahrzehnten kein Krieg mehr geführt ist. Und, bitte nicht vergessen, dass niemand in Europa mehr Angst haben muss vor den wiedererstarkten Deutschen, weil sie Mitglied der Nato und der EU sind, ich meine das militärisch, nicht wirtschaftlich. Fragen Sie mal die Polen.

Weniger ist mehr, diese Volksweisheit sollten gerade deutsche Politiker im Umgang mit ihren Kolleginnen und Kollegen befolgen. Wir sind doch eh so stark, das sieht jeder, das weiß jeder, wir müssen das niemandem klarmachen. Wir könnten uns hin und wieder etwas mehr zurücknehmen und anderen das Gefühl geben, wie wichtig sie für uns sind, dass wir sie achten und mögen.
Der Alt-Sozialdemokrat Erhard Eppler, inzwischen 85 Jahre, hat in einem bemerkenswerten Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ die Kritik der Deutschen an Russland als nicht angemessen bezeichnet. Eppler spricht in dieser Kolumne für die SZ von einem „Zwischenruf eines Wehrmachtssoldaten von einst“. Und er schildert, wie er als 18jähriger Grünschnabel von alten Landsern im Dezember 1944 erfuhr, wie sie vom Einbruch des Winters 1941 vor Moskau überrascht wurden und wie sie, weil sie wegen ihrer untauglichen Kleidung gefroren hätten, ein paar russische Kriegsgefangene umgelegt hätten, um an deren warme Stiefel zu kommen. Eppler betonte, dass der damalige Obergefreite, der diese Geschichte erzählt habe, kein Nazi gewesen sei, dass er die braunen Bonzen gehasst habe.

Das vergisst man nicht, auch Jahrzehnte später nicht. Und er erinnert daran, dass ungeachtet der schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges im Kalten Kriegs eben die Deutschen die Guten gewesen seien und jenseits des Eisernen Vorhangs die Bösen. Und das, obwohl „diese Guten Millionen russischer Kriegsgefangener verhungern ließen, dass insgesamt 20 Millionen Menschen aus der Sowjetunion, Soldaten und Zivilisten, ihr Leben lassen mussten, dass die Überlebenden versklavt werden sollten“. Diese Verbrechen seien nie so ins Bewusstsein der Deutschen eingedrungen wie der millionenfache Mord an den Juden. Im Gedächtnis geblieben sei vor allem die grausige Rache der Sieger, schreibt Eppler weiter. Schon Adenauer habe über die „Soffjetunion“ aus einer „Attitüde moralischer Überlegenheit“ geredet. Wörtlich Eppler: „Das tun wir bis heute, wenn es um Russland geht.“

Ein nachdenklicher Beitrag. Nein, wir müssen nicht in Schutt und Asche gehen, das ist nicht der Gedanke des Erhard Eppler, sondern wir sollten uns der geschichtlichen Ereignisse gelegentlich erinnern, bewusst werden, was den Russen damals angetan worden ist. Ich erinnere mich an einen Besuch in Leningrad vor ein paar Jahren, als wir das Glück hatten, mit einem Soldaten der Roten Armee, der am Vaterländischen Krieg teilgenommen hatte, zu reden. Er war stolz auf Stalin, auf den Mann, der Russland gerettet hatte vor den Nazis und der sie wieder vertrieben hatte von russischem Boden. Wir sprachen mit einer Frau, die die jahrelange Einkesselung Leningrads überlebt hatte. Bei beiden, weder dem Soldaten noch der Frau, waren Gedanken des Hasses zu spüren. Stalin war ein Verbrecher, unbestritten ein Mörder, aber er war in den Augen des alten Soldaten und der alten Frau der Befreier Russlands und Leningrads. Es lohnt sich zuzuhören.

Natürlich ist Putin kein lupenreiner Demokrat, wie das der damalige Kanzler Gerhard Schröder vor Jahren mal formulierte, aber sicher auch anders meinte. Die Frage ist aber, ob es uns ansteht, mit unseren Maßstäben die Verhältnisse in Russland zu bewerten und ihnen Empfehlungen zu geben. Dass es in Russland vieles zu bemängeln gibt, weiß jeder, das räumt auch Eppler ein. Die Frage ist doch, wie wir Russland helfen können, die Verhältnisse zu verbessern. Wir sollten das aber nicht tun aus einer Haltung „von oben herab, nicht durch Belehrung des Zurückgebliebenen durch den Fortgeschrittenen, des nicht so Guten durch den ach so Guten“. Was gibt mir das Recht zur Kritik, fragt Eppler. Und wir sollten klarmachen und uns dessen bewusst sein, dass „uns die Partnerschaft mit Russland ebenso viel wert ist wie Putin die Partnerschaft mit Deutschland viel wert ist“.

Noch einmal: Wir müssen nicht in Schutt und Asche gehen, sollten uns aber gelegentlich die Frage stellen, die sich Eppler stellt: Sind ausgerechnet wir Deutschen dazu berufen, den Russen und anderen Völkern Demokratie und Menschenrechte beizubringen? Zur Erinnerung: Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat 1985, 40 Jahre nach Ende des Krieges, betont, dass die Deutschen 1945 von den Alliierten vom Joch der Nazi-Herrschaft befreit wurden, heißt auch, dass wir nicht selber die Kraft und den Mut dazu hatten.

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1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Walther Gruschel // Dez 5, 2012 at 09:20

    Wir können doch nicht von einer Frau, deren einzige Sorge es ist, sich im Kanzleramt fest zu beissen, erwarten, das sie Überlegungen anstellt wie Herr Eppler !
    Das wäre ja wohl etwas zu viel.

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