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Einer wie Struck – Ein Nachruf auf den verstorbenen SPD-Politiker

4. Januar 2013 · von Alfons Pieper

Wer die Trauerfeier für Peter Struck in der St-Marien-Kirche zu Uelzen erlebt hat, war ergriffen. Niemand im weiten Rund der Kirche blieb unbewegt von den Worten der Redner und dem großen militärischen Ehrengeleit. Selbst einer wie Gerhard Schröder konnte die Tränen nicht ganz unterdrücken. Es war nicht so einfach daher gesagt, was Frank-Walter Steinmeier, der heutige Fraktionschef der SPD im Bundestag und in diesem Amt Nachfolger von Struck, betonte: „Peter Struck war ein Glücksfall für die parlamentarische Demokratie in Deutschland.“ Oder was Thomas de Maiziere, der amtierende Bundesverteidigungsminister, auch ein Nachfolger Strucks, feststellte: „Peter Struck hat sich um unser Vaterland verdient gemacht.“ Manchen Politikern der jüngeren wie älteren Generation wünschte man, dass sie ein paar Verhaltensweisen Strucks übernähmen, dass sie sich benähmen, wie er es vielfach vorgemacht hatte. Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, ebenfalls Gast der Trauerfeier wie Helmut Schmidt und Bundestags-Präsident Norbert Lammert und viele andere aus allen Parteien, könnte sich bei Struck manche Scheibe abschneiden. Politik fürs Volk und nicht für sich selbst, sich kümmern um die Sorgen der Menschen und nicht um die eigene Karriere. Das war Struck, direkt, einfach, ehrlich, aufrecht. Er verabscheute die Champagner-Gesellschaft, die sich gern gespreizt gibt, gekünstelt, da ist vieles nicht echt. Hauptsache, es wird damit Wirkung für sich selbst erzielt, Hauptsache, die Öffentlichkeit bemerkt den Auftritt. Solcherlei Zeug war ihm zuwider.

Er war im besten Sinne ein Parlamentarier, der sein Mandat ernst nahm. Er sah sich als Volksvertreter, als Vertreter des Volkes, der für andere da war, für den Mann an der Ecke wie die Verkäuferin von gegenüber. Die einfachen Menschen hatten es ihm angetan.

Ich habe viele Teilnehmer an der Trauerfeier beobachtet, wie sie nickend dem jeweiligen Redner zustimmten, als Thomas de Maiziere, oder Frank-Walter Steinmeier oder Wolfgang Schneiderhan, der General a.D. den Toten würdigten. Den Mann, der das Parlament oben anstellte über die jeweilige Regierung. Das Strucksche Gesetz, wonach kein Gesetzentwurf, der von der Regierung in den Bundestag eingebracht wird, auch so Gesetz werde. Der Bundestag hat das letzte Wort, nicht die Exekutive, eine Reihen- und Rangfolge, die vielfach vergessen wird. Eine Selbstverständlich-eigentlich.

Man sah ihn selten in den Talkshows. Dieses Theater schätzte er gar nicht. Politik wird im Bundestag gemacht und nicht im Fernsehen, weder von Anne Will noch von Günther Jauch oder wem auch immer. Und wem das nicht passte, dem rief der Mann mit dem kleinen Schnauzbart schon mal rüber: Du kannst mich mal.

Maiziere erläuterte in seiner eindrucksvollen Rede, dass Struck einst bekannt hatte, er habe die Bundeswehr rundweg abgelehnt. Aber als er sich von Bundeskanzler Gerhard Schröder in die Pflicht nehmen ließ, übernahm er dieses Amt mit aller Kraft und Hingabe für die Menschen, die dort arbeiteten. Da war er wieder, der Mann, der sich um die Menschen kümmern konnte, um die Soldaten, um deren Leben und Gesundheit. Er war für sie da. Das spürten sie. Es war ein schwerer Gang für den Zivilisten und Bundesverteidigungsminister Struck, als die ersten deutschen Soldaten in Afghanistan umkamen, fielen und Struck sich vor den Toten in den Zinksärgen verneigte. Da musste er tief Luft holen und manches runterschlucken. Er trug die Verantwortung, selbstverständlich, keine Frage.

Thomas de Maiziere erinnerte sich an ein Gespräch mit seinem Amtsvorgänger, als er diesen wegen des Umbaus der Bundeswehr um Rat fragte. Struck habe ihm gesagt, er möge alle Betroffenen um ihre Meinung fragen, alle Informationen sammeln, Pro und Contra wägen, die Rückendeckung der Kanzlerin einholen, aber dann selber entscheiden und danach nicht mehr wackeln.

Bewegend die Worte, die er einstige General Schneiderhan für seinen damaligen Minister fand, für den Politiker, den Menschen, den späteren Freund, eine einfühlsame Rede, die deutlich machte, wie der Verteidigungsminister mit den Soldaten umging, wie er mit ihnen fühlte, wie er ihnen das Gefühl gab, dass er für sie da war. Struck habe nicht nur über Hilfen für Soldaten geredet, sondern auch gehandelt und unter anderem einem schwer verletzten Soldaten zu einer neuen Arbeit verholfen.

Wenn man über Struck redet und ihn würdigt, geht es nicht darum, dass früher alles besser gewesen wäre. Nein. Es ist auch keine Generationenfrage, die hier eine Rolle spielt. Es ist mehr eine Charakterfrage, eine Frage der Einstellung zu den Menschen und zu den Dingen, die es zu erledigen gibt zum Beispiel in der Politik. Ob jung oder alt, ein Politiker muss sich der Sache verschreiben und nicht seiner Karriere, er muss einem Land, seiner Stadt dienen und für die Menschen arbeiten, die ihn gewählt haben. Dazu passt der Satz von Kennedy: Frage nicht, was das Land für dich tun kann, sondern frage, was Du für das Land tun kannst.
Struck war knorrig, ja, sperrig, wenn ihm was nicht gefiel und wenn er etwas für falsch hielt. Dann stritt er heftig um die Sache, um den Weg. Wenn aber entschieden war, war entschieden, dann wurde nicht nachgetreten. Struck stand, er war kein Opportunist, der die Fahne in den Wind hing. Ihm vertrauten viele Bürger, Zivilisten wie viele Soldaten reagierten traurig über die Meldung von seinem plötzlichen Tod.
Einer seiner Freunde war Volker Kauder, der Fraktionschef der Union im Bundestag. Er war auf der Trauerfeier, wie viele andere auch. Kauder und Struck wurden über die Arbeit im Bundestag, dem sie über Jahrzehnte angehörten und im Falle von Kauder noch angehören, Freunde. Sie schätzten einander, weil sie zuverlässig waren, weil sie hielten, was einmal verabredet war.

Struck hat als Politiker hart gearbeitet. Wer das Glück hatte, ihn kennengelernt zu haben, traf auf einen Parlamentarier, der seine Arbeit ernst nahm. Das war nicht einfach so ein Job, sondern eine Aufgabe mit hoher Verantwortung. 12 bis 14 Stunden täglich, das war bei ihm wie auch bei Kauder und manchem anderen nicht die Ausnahme. Struck habe sich nicht geschont, betonte der Minister in der Kirche, und er habe dafür einen hohen Preis bezahlt. Damit deutete er wohl an, dass der Verteidigungsminister Struck vor Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, aber nach kurzer Genesungspause die Arbeit fortsetzte.

„Wir werden ihn vermissen“, sagte Frank-Walter Steinmeier. Einen wie ihn bräuchten sie oder mehrere davon. Verlässlich, aufrecht, nicht nur auf die Schlagzeile aus, einen wie ihn, dem sie draußen vertrauen, woran es heute vielfach mangelt. Es gibt die Strucks sicher in allen Parteien. Darauf wies Ulrich Lüke in seinem feinen Leitartikel im Bonner Generalanzeiger hin. Aber wo sind sie, warum melden sie sich nicht, warum mucken sie nicht auf? Politik ist ein hartes Geschäft, das man nicht des Geldes wegen betreibt, aber es ist eine Aufgabe, die sich lohnt, wenn man das Vertrauen der Bürger und Wähler erwirbt. Siehe Struck, der aufrecht durch das Leben ging und der über die Parteigrenzen hinweg Achtung erlangte. Einen wie ihn bräuchten sie, Politiker seines Schlages. Das gilt für alle Parteien.

Struck hatte Freunde über die Parteigrenzen hinweg. Entscheidend für ihn war das gegenseitige Vertrauen, war, dass man sich auf den anderen und sein Wort verlassen konnte. In seinen Worten hörte sich das höchste Lob über einen anderen Politiker schon mal so an: “Der hat mich nie verarscht.” Diesen Satz können wir Journalisten auch über ihn sagen.

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