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WAZ-Verlag schließt die Redaktion der Westfälischen Rundschau zum 1. Februar

Posted By Roberta Neuner On 15. Januar 2013 @ 18:30 In Unsere Themen | 5 Comments

Die Redaktion der “Westfälischen Rundschau” wird dicht gemacht. Und zwar zum 1. Februar, also in ein paar Tagen. Das verkündete die Geschäftsleitung des WAZ-Verlages am heutigen Dienstag, 15. Januar, bei einer Betriebsversammlung in Hagen. “Männer haben geweint”, schildert ein Teilnehmer dieser Trauerfeier. Die Betroffenen waren am Tag zuvor in einem Schreiben der Verlagsleitung zu der Veranstaltung geladen worden. Dort erfuhren sie dann die bittere Nachricht. Übrigens: Die Rendite des WAZ-Verlages im Jahr 2012 betrug 14 %.
Die Zeitung WR soll bestehen bleiben – ohne eigene Redaktion. Den Mantel liefert die Essener WAZ, den Lokalteil in Dortmund der dortige Konkurrent, die konservative “Ruhr-Nachrichten”. Der Geschäftsführer der Mediengruppe, Manfred Braun, betonte, die Zeitung werde grundlegend saniert.

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt den Beschäftigten nicht. Wie sollen sie in der Kürze der Zeit einen neuen Job finden? Ohnehin ist der Zeitungsmarkt mit Stellen dünn gesät. Es sieht düster aus für die Betroffenen. Darüber kann auch ein Sozialplan nicht hinwegtäuschen.

Das brutale Ende der Redaktion der “Westfälischen Rundschau” kam schneller als befürchtet. Seit Monaten musste man sich Sorgen machen um die Dortmunder Zeitung, die einst der SPD gehörte. Es gab Gerüchte im Hause der WAZ-Gruppe in Essen, die darauf schließen ließen, dass das Blatt keine längere Zukunft mehr haben werde. Und als es vor Wochen hieß, die Firma Aldi habe ihre Anzeigen in der WAZ-Gruppe gestrichen, was hohe Verluste bedeutete, wurde diese Verlautbarung mit dem Zusatz versehen, über das Aus der Zeitung werde nun geredet.

Die Zeitungskrise hat mit der WAZ-Gruppe einen der größten Verlage in Europa erreicht. Erst das Ende der Frankfurter Rundschau, dann das Aus der Financial Times Deutschland, jetzt die WR – Redaktion. Wie geht es weiter mit den Printmedien in der Republik? Gerüchte gibt es schon länger über die Berliner Zeitung. Und im Hause WAZ sorgt man sich bereits über die Zukunft der NRZ, auch wenn betont wird, dort schriebe man noch schwarze Zahlen. Für Aufsehen sorgte vor einiger Zeit zudem eine Meldung über die betriebsbedingte Kündigung des langjährigen und angesehenen Parlaments-Korrespondenten der Westfalenpost in Berlin, Dr. Winfried Dolderer.

Die Meldung über den Tod der WR-Redaktion mit dem Sitz in der Westfalen-Metropole Dortmund erfuhren, wie das „guter Brauch“ ist in diesem Konzern, die Beteiligten im Grunde als Letzte und völlig überraschend. WR-Chefredakteur Malte Hinz hatte noch vor Wochen Meldungen zurückgewiesen, die den Bestand der WR in Frage stellten. Hinz und all die anderen waren ganz offensichtlich nicht eingeweiht. Die Redaktion in Dortmund habe nichts gewusst, hieß es, und auch die SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks sei von der Entscheidung des Verlags überrumpelt worden. Immerhin hat die SPD noch einen Anteil von rund 13 Prozent an der WR. Aber so hielt der Verlag das auch schon in den 70er Jahren, als der Reihe nach die angeschlagenen Blätter “Westfälische Rundschau”, die “NRZ” und die “Westfalenpost” quasi über Nacht von der WAZ gekauft, oder soll man besser sagen, geschluckt wurden. Damals sprach man von einem Modell, ja man rühmte diesen Weg, der die Zeitungen mit ihren Mantelredaktionen zu sichern sollte. Interessenten mögen ins Rundfunk-Archiv des WDR gehen,um dort zu hören, wie der damalige NRZ-Chefredakteur Jens Feddersen diese Lösung pries. Vertrieb, Druck, Anzeigen und vieles andere mehr kamen künftig aus einem Verlag, was Personal und Kosten sparte, die besagten Zeitungen WR, NRZ und WP verfügten durch den Zeitungsverbund mit der großen WAZ wieder über beträchtliche Anzeigen. Insgesamt konnte durch die erhöhte Auflage aller Blätter der WAZ-Gruppe in NRW auch der Anzeigenerlös gesteigert werden. Lediglich die eine oder andere Lokal-Ausgabe wurde eingestellt. Von einer rosigen Zukunft war die Rede.

Aber mit den Jahren bröckelten die Auflagenzahlen im WAZ-Verlag und damit sanken auch die Rendite. Legt man die offiziellen Auflagenzahlen des dritten Quartals 2012 zu Grunde, hatten alle Blätter der WAZ-Gruppe in NRW nur noch eine Gesamt-Auflage von gut 711000. Zum Vergleich: Als die WAZ die WR, NRZ und WP vor 40 Jahren kaufte, hatte die WAZ alleine eine Auflage von 745000.

Die Zeitungskrise hatte damit auch den WAZ-Verlag erreicht. Vor Jahren schon wurden von über 800 Stellen in den Redaktionen rund 300 gestrichen, die Beschäftigten erhielten teils ansehnliche Abfindungen. Lokal-Redaktionen wurden eingestellt. Und jetzt geht als erstes Blatt die WR in die Knie.

Inwieweit der Kauf des Brost-Anteils an der WAZ-Gruppe durch Petra Grotkamp, die Ehefrau des langjährigen früheren Geschäftsführers der WAZ, hier eine Rolle gespielt haben mag, steht dahin. Petra Grotkamp hatte nach dem Tod von Anneliese Brost, der Witwe des WAZ-Gründers Erich Brost, den mehrere 100 Millionen-Euro teuren 50-Prozent-Anteil von Brost am Unternehmen erworben, der den Kindern des einzigen leiblichen Sohnes von Erich Brost, Martin, also den Enkeln des Gründers vererbt worden war. Die Enkel aber hatten andere berufliche Ziele, also wurde ihr Erbe verkauft. Die Familie Martin Brost lebt in Bayern in der Nähe des Kochel-Sees.

Die WR soll noch eine Auflage von 110000 gehabt haben und 120 Mitarbeiter. Vor Jahrzehnten hatte das Blatt noch eine Auflage von weit über 200000 Exemplaren. Das SPD-Blatt war kurz nach dem Krieg gegründet worden. Ursprünglich hatte man stolze Ziele, man wollte eine überregionale Zeitung produzieren, die in ganz Deutschlang verkauft werden sollte. Es war die Zeit nach dem Ende von Hitler-Deutschland, als endlich wieder Pressefreiheit herrschte im Lande. Aber die WR musste, wie der einstige Chefredakteur und spätere Herausgeber Günther Hammer, ein feiner Mensch, mehrfach geschildert hatte, finanziell für manche Kosten der SPD in Wahlkämpfen herhalten. Alfred Nau, so Hammer vor vielen Jahren, habe immer wieder Gelder aus den Erträgen der WR erhalten. Was der Zeitung über die Jahre nicht bekam.

Einer der bekanntesten Redakteure des Blattes war Wolfgang Clement, unter Hammer stellvertretender Chefredakteur des Blattes, der Sprecher beim SPD-Parteivorstand unter Willy Brandt wurde, dann Chefredakteur der Hamburger Morgenpost und Jahre später Ministerpräsident des Landes NRW und schließlich Superminister im rot-grünen Kabinett des Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

Die Zusammenarbeit im WAZ-Verlag war in den ersten Jahren sehr erfolgreich, brachte aber für die Rundschau auch immer Einschränkungen mit sich. Da auch die WAZ mit einer eigenen Ausgabe in Dortmund erschien, allerdings nur mit einer bescheidenen Auflage, konnte sich die Rundschau nie richtig entfalten. Über die Jahre enteilte ihr die Konkurrenz, die Ruhr-Nachrichten, auch weil die Rundschau ihren eigenständigen Charakter mehr und mehr verlor. Jetzt wird die Redaktion der Westfälischen Rundschau geschlossen. Das ist keine schöne Nachricht.


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