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Wut. Empörung. Entsetzen. Ratlosigkeit. Fassungslosigkeit

25. Januar 2013 · von Roberta Neuner

Wut, Empörung, Entsetzen, Rat- und Fassungslosigkeit, so sind die Reaktionen auch Tage nach der bitteren Botschaft für die 120 Beschäftigten der Redaktion der Westfälischen Rundschau durch die Geschäftsführer der WAZ-Gruppe. Kündigung zum 1. Februar. Eiskalt. „Eine Kälte, die uns frösteln lässt“, heißt es in einem gemeinsamen Brandbrief der WAZ- und NRZ-Redaktionen und des so genannten Content Desk aus Essen. Wut darüber, dass die Entscheidung lange vorbereitet wurde, ohne dass Betriebsräte oder geschweige die Redakteure darüber in Kenntnis gesetzt worden sind. Quasi über Nacht fiel das Damoklesschwert auf das Personal, ausgeteilt durch die Herren Nienhaus, Braun und Ziegler. Im November soll schon bei den Ruhr-Nachrichte an einem Dummy gearbeitet worden sein, soll schon versucht worden sein, die unterschiedliche Typographie aufeinander abzustimmen.

Die Ruhr-Nachrichten sind der große Gewinner, die große WAZ gibt auf, überlässt dem Konkurrenten, den man einst bekämpfte, das Feld. Zu welchem Preis eigentlich, fragte ein WAZ-Redakteur einen der Geschäftsführer, er fragte nach der Kompensation dafür, dass man der RN die WR-Abonnenten quasi auf dem silbernen Tablett überreiche. Ganz umsonst werden das die Nienhaus, Braun, Ziegler nicht gemacht haben.

Zurück zum Aus der WR-Redaktion. Da wird einfach Personal für überflüssig erklärt. Weg damit, kostet nur Geld. Sagen wir es ironisch: Der Redakteur steht im Mittelpunkt und was macht er da? Er steht im Weg und muss weg, Platz machen. Damit mehr Geld verdient werden kann. Mehr Rendite müssen her, 14 Prozent sind zu wenig. Fast meint man, Joe Ackermann von der Deutschen Bank zu hören.

Die Westfälische Rundschau, so beschreiben es die Redakteure, die das Schreiben an die Geschäftsleitung abgezeichnet haben, werde „de facto“ aufgegeben und 120 Menschen würden in eine mehr als ungewisse Zukunft entlassen. Klar, denn einen Markt für Journalisten gibt es kaum, so gut wie keine offene Stellen. Welche Perspektive für ein junges Ehepaar, mit Kind, Haus mit Schulden?! Die Redakteure sprechen auch die positiven Jahres ergebnisse der WAZ an, die viel zitierte Kriegskasse. Zur Erinnerung: die damaligen Geschäftsführer Erich Schumann und Günther Grotkamp wollten eine Milliarde DM für die Süddeutsche Zeitung hinblättern. Es ist kaum anzunehmen, dass die Existenz des Gesamtunternehmens bedroht gewesen wäre, wie das in dem Schreiben angetippt wird, wenn man nach einer anderen Lösung für die WR gesucht hätte.

„Entschieden sozial“, das war mal ein Kernsatz der WAZ, er stammt noch vom Gründer der Zeitung Erich Brost, der damals, 1948, von den britischen Alliierten die Lizenz zur Gründung der Zeitung bekam. Ein körperlich kleiner Mann, aber eine Riesen-Persönlichkeit. Die Redakteure erinnern die Geschäftsführer an diese Tradition und daran, dass man immer stolz darauf gewesen sei, entschieden sozial zu sein. An diese Tradition fühlte sich die WAZ-Gruppe „mehr als 60 Jahre gebunden, verzichtete auf betriebsbedingte Kündigungen. Weiter heißt es in dem Brief: „Die Aufgabe der gesamten WR-Redaktion unter Beibehaltung des Titels als leere Hülle spricht diesem selbst gewählten Maßstab Hohn.“ Erich Brost würde sich im Grabe umdrehen. Entschieden sozial, das war stets mehr als eine hohle Phrase, man stand auf der Seite der Betroffenen. Das Soziale war das Herz der Zeitung und wurde nie unterdrückt. Es ehrt die Kollegen des Desks, der NRZ und der WAZ, dass sie „an der Seite der 120 Kollegen stehen, die mit hohem Engagement, großer Leidensfähigkeit und nach bestem Wissen und Gewissen ihre Arbeit gemacht haben.“
Die Angst geht um in den Redaktionen des Konzerns, der eine schaut den anderen an, um zu fragen: Wer ist der nächste? Ist es die NRZ, sind es die Lokalredaktionen der NRZ in Essen, Duisburg, Mülheim? Könnte hier nicht auch das Geschäftsmotto gelten: Kann nicht eine Redaktion zwei Zeitungen machen? Und die Antwort könnte, nach gewissenhafter Prüfung natürlich, nur lauten: Sicher können sie das. Und es könnte das neue WR-Modell greifen, das gerade 120 Menschen zu spüren bekommen. Wie heißt es doch in dem Schreiben der Redakteure an die Geschäftsführer weiter. „Und wir fragen uns nach diesem Dammbruch in der Geschichte der einst so stolzen WAZ: Was kommt als nächstes?“

Die Kolleginnen und Kollegen verkennen dabei nicht die Probleme der Verlage mit dramatischen Auflagen- und Anzeigenverlusten, weisen aber daraufhin, dass „die Redaktionen in der jüngeren Vergangenheit schwere Einschnitte erlitten, ihren Anteil am Umstrukturierungsprozess mehr als erbracht“ hätten. Aber sie erkennen nicht, so ihr Vorwurf an die Chefs ganz oben, „ dass in diesen schwierigen Zeiten das notwendige Maß an Menschlichkeit gehalten, der Begriff der Solidarität gelebt und das viel zitierte Miteinander(Wir Arbeiten Zusammen)mit Leben gefüllt wird. Wir erkennen vor allem, dass der Wert des Menschen geringer geschätzt wird als erhofft…Wir sind uns sicher: Wenn diese Kahlschlagpolitik Schule macht, wird es am Ende keine Gewinner mehr geben.“

67 Jahre Tradition einer Tageszeitung werden ad absurdum geführt. Kein Redaktionsbereich zwischen Kleve und Warstein kann sich mehr sicher fühlen, so der Betriesratsvorsitzende der WR, Uwe Tonscheidt, in der Betriebsversammlung am 22. Januar. Er hat ja Recht: Es entsteht ein absurdes Produkt, eine WR ohne Menschen, ohne Leben, ohne Seele. Ein ungeheuerlicher Vorgang.

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2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Jürgen Scheffler // Jan 26, 2013 at 09:53

    Obwohl ich die NRZ seit Jahren im Abo habe, fühlte ich mich gezwungen, letztes Jahr dieses Abo zu kündigen. Und das nicht, weil ich nicht zufrieden mit der Zeitung war, sondern einzig und allein wegen des Medienkonzerns (WAZ Mediengruppe), der mir nur noch wie ein sich immer weiter ausbreitender Moloch vorkommt.

  • 2 Westfälische Rundschau (WR): Neues zur Zombie-Zeitung (26.01.2013) » Pottblog // Jan 26, 2013 at 09:56

    [...] Wut. Empörung. Entsetzen. Ratlosigkeit. Fassungslosigkeit (Wir in NRW) – [...]

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