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Zeitungskrise: Wer ist der nächste?

8. Januar 2013 · von Alfons Pieper

„Die Journalisten sind wahrscheinlich die Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts. Die braucht man heutzutage nicht mehr. Traurig aber wahr“. So wird der Reporter der Financial Times Deutschland(FTD), Andrzej Rybak, in einer Einladung zum MainzerMedienDisput Mitte Februar in der Rheinland-Pfalz-Landesvertretung in Berlin zitiert. Zugespitzt hat der Reporter seine Meinung, doch er weiß, wovon er redet. Schließlich ist sein Blatt gerade eingestellt worden und der Frankfurter Rundschau steht ja wohl ähnliches bevor. Die Zukunft vieler Blätter ist ungewiss. Passend dazu lief vor ein paar Tagen eine Meldung bei „newsroom“, wonach dem politischen Korrespondenten der „Westfalenpost“, Dr.Wilfried Dolderer, betriebsbedingt gekündigt worden sei. Dolderer ist ein angesehener Parlaments-Korrespondent im Berliner Büro der WAZ-Gruppe.

Die Westfalenpost mit Sitz in Hagen gehört zur WAZ-Gruppe. Dort, im Ruhrgebiet, kennt man das sprachliche Bild des FTD-Reporters von den Bergarbeitern, deren Zeit nach langen Schrumpfungsprozessen bald zu Ende geht. So weit ist es mit den Printmedien nicht oder vielleicht noch nicht, aber die Angst geht um unter Deutschlands Journalisten und manche fragen sich besorgt: Wer ist der nächste?
Der Markt schrumpft, Print verliert. In den letzten 20 Jahren wurde die Gesamtauflage aller deutschen Zeitungen fast halbiert, entsprechend gingen die Anzeigen zurück und sanken die Rendite. Dennoch wird Geld verdient im Zeitungs-Geschäft. Aber es wird auch gekürzt, rigoros gestrichen, vor allem beim Personal und nicht zuletzt in den Redaktionen.

Hört man sich in den Medienhäusern um, stößt man auf nervöse Gesprächspartner, die namentlich nicht genannt werden wollen. Gemeinsam sind ihnen aber die Irritationen, wie man mit den Problemen umgehen soll. Niemand weiß eine Lösung, sie wäre die Eine-Million-Euro-Frage. Aber den Königsweg scheint es nicht zu geben.

Verlage kürzen die Etats der Redaktionen zusammen, streichen Hunderte von Redakteurs-Stellen und reden dann dem Qualitätsjournalismus das Wort, ohne sich näher darüber auszulassen, was sie darunter verstehen. Kurze Frage dazu an die Chefetage: Wurde früher nur Ramsch produziert, mit all den Redakteurinnen und Redakteuren, die man jetzt gegen eine zugegebenermaßen ordentliche Abfindung losgeworden ist? Sicher ist, wer jetzt keinen Job hat, bekommt auch so schnell keinen mehr, der Markt ist leergefegt.

„Es bleibt der beste Beruf der Welt- einmal abgesehen von Queen oder Papst“, stellte der einstige Stern-Chefredakteur, Michael Jürgs, in einem Meinungsbeitrag für den Berliner „Tagesspiegel am Sonntag“ fest. „Denn man wurde und wird bezahlt für das, wofür es sich zu leben lohnt: denken, lesen, schreiben“. Aber Zeitungskrise muss ja nicht das Ende der Zeitung oder des Berufs des Journalisten bedeuten, muss nicht das Ende von Print zur Folge haben. Und dies nicht nur, weil nach Michael Jürgs „jede Zeitung von heute morgen immer noch nützlich ist, um am Marktstand mit den Sportseiten Fisch einzuwickeln oder zu Hause mit dem Wirtschaftsteil nasse Stiefel auszustopfen oder abends mit dem Feuilleton das Kaminfeuer zu entzünden“.

Nein, gedruckte Zeitungen bleiben unersetzlich, meint nicht nur Jürgs. Wer will schon frühstücken ohne die Morgenlektüre? Ohne den Leitartikel, über den sich ärgern will, ohne den Sportteil mit den Siegen und Niederlagen des BVB oder Schalke 04. Wie will die Politik eigentlich ohne Print ihre Botschaften an den Mann und die Frau, sprich die Bürgerinnen und Bürger bringen? Brauchen sie Print nicht als Überbringer, Transporteur, auch als Erklärer, Kritiker?

Alles richtig, könnte man meinen, aber es trifft leider nicht für alle Generationen zu. Die Jüngeren greifen zum iPhone und blättern dort im Internet und lassen sich informieren. Schnell geht das, schneller als in den Zeitungen, die ja erst am Morgen danach auf dem Tisch liegen. „Das Internet hat das Verbreiten und Konsumieren von Nachrichten verändert“, schrieb kürzlich der Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers, Joachim Braun. Die Tageszeitung sei nicht mehr die erste Instanz, die Neuigkeiten verbreitet, so Braun weiter. Ja man muss hinzufügen, die Zeitungen haben die Deutungshoheit verloren, sie müssen mehr liefern, anderes, aber sie wissen nicht genau, wie sie die Leser bei der Stange halten und neue Leser gewinnen können. Frage: Wann sollen die Jüngeren, die voll im Beruf stehen, die Zeitungen lesen? Vielfach verlassen sie die Wohnung in der Früh um sieben Uhr und kommen erst gegen 19 Uhr nach Hause. Ich rede von Leitenden Angestellten.

Joachim Braun, der Chef des oben zitierten Bayreuther Blattes, findet Zeitungen weiter total praktisch, sie seien ohne Gebrauchsanweisung benutzbar, sie bräuchten keinen Strom und wenig Platz. Sie bedienten extrem viele Interessen, sie hielten geistig und emotional fit und seien auch schnell umweltfreundlich entsorgt. Und trotzdem glaubt Braun nicht an die Zukunft von Print, nicht daran, „dass der Nordbayerische Kurier in gedruckter Form noch die nächste Generation Oberfranken mit Nachrichten aus ihrer Heimat versorgen wird. Die Betonung liegt natürlich auf dem Halbsatz in gedruckter Form“. Braun empfiehlt den Lesern, sich in ihrem Lebensumfeld umzuschauen. Alle seien irgendwie digital, im Internet-Laden werde eingekauft, Wikipedia habe das Lexikon längst ersetzt so wie die E-Mail den Brief, mit den alten Schulfreunden verkehrten wir über Facebook. Alles habe sich verändert in den vergangenen 15 Jahren- „und da soll die vor gut 400 Jahren gegründete Zeitung so bleiben wie sie ist? Sie müssen zugeben, diese Vorstellung ist naiv“. So Joachim Braun.

Es stimmt ja, dass sich viele von uns die Nachrichten aus Deutschland und aller Welt schon am Tage und Abend im Internet besorgen und sie nicht warten, bis die geliebte Tageszeitung uns am nächsten Morgen darüber informiert. Facebook und Twitter tun ein übriges.(Wenn man mitmacht.) Jeder User kann sein eigener Journalist sein, jeder kann veröffentlichen, was er will. Aufgabe des Journalisten werde es sein, noch einmal Braun, aus dem schier undurchdringlichen Durcheinander von Wichtigem und Unwichtigem herauszufiltern, was für seine Kunden bedeutend sein könnte. Der Journalist also als eine Art Lotse?
Frage am Schluss: Und was lese ich zum Frühstück? Die Zeitung ist ein Stück Lebensqualität und nicht zu ersetzen.

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1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Eddie // Jan 9, 2013 at 22:00

    Die Zeitungen krepieren aus einem ganz simplen Grund: Der Durchschnittsjournalist hat ‘ne feste grünrote Einstellung und labert dem Zeitungsleser 24 Stunden am Tag vor, was er politisch zu denken hat. Die Menschen haben davon einfach die Schnauze voll. Fresst es oder geht unter!

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