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Dortmund verliert eine Stimme

Posted By Roberta Neuner On 1. Februar 2013 @ 00:01 In Unsere Themen | 2 Comments

Dortmund, die stolze Metropole Westfalens, die Stadt des Fußballmeisters, nach Köln und Düsseldorf drittgrößte Stadt in Nordrhein-Westfalen, verliert ab 1. Februar eine wichtige Stimme. Ab diesem Datum ist die gesamte Redaktion der Westfälischen Rundschau gekündigt, wird die Zeitung in einer Mogelpackung an die immer noch einige Tausend Köpfe zählenden Abonnenten des Blattes in Dortmund verteilt. Der Leser wird sich über den Inhalt wundern, denn es ist nicht mehr die Sprache der Westfälischen Rundschau, nicht mehr die vertraute Stimme, die ihn seit Jahr und Tag über Dortmund, Deutschland und die Welt informierte, sondern die Essener WAZ liefert den Mantel, also den Hauptteil, und die eigentlich mit der Rundschau konkurrierenden Ruhr-Nachrichten stellen den Lokalteil. Die Zeitung, die einst der SPD gehörte, die nach dem Krieg auf den Trümmern, die Nazi-Deutschland angerichtet hatte, gegründet worden war, sie ist dann nicht mehr. Ihre künftige Westfälische Rundschau, das wird eine konservative Zeitungsmischung sein, ausgerechnet in der Stadt, die Willy Brandt einst als die Herzkammer der SPD bezeichnet hat.

In einer der größten Städte Deutschlands gibt es künftig nur noch eine richtige Zeitung, mit eigenem Lokalteil, mit eigenem Hauptteil, mit Sitz in Dortmund, und das sind die Ruhr-Nachrichten. Denn wo künftig Westfälische Rundschau draufsteht, ist keine Westfälische Rundschau mehr drin. Die vielgepriesene Presse-Vielfalt wurde bei der Jagd nach mehr Rendite abgeknallt. Geld ist wichtiger als die Qualität der Information. Eine Zeitung mehr oder weniger, was solls. 120 Beschäftigte haben keine Beschäftigung mehr. Einzig Chefredakteur Malte Hinz bleibt erhalten. Aber was hat er noch zu sagen, hat er überhaupt noch etwas an der Ausgestaltung seines einstigen Blattes mitzubestimmen? Kaum zu glauben. In seiner Haut möchte man nicht stecken. Er bleibt, weil es presserechtlich eines Chefredakteurs bedarf.
Man könnte über diese Nummer lachen, wenn es nicht so Ernst wäre, wenn nicht 120 Redakteurinnen und Redakteuren und anderen Mitarbeitern quasi über Nacht der Stuhl vor die Tür gesetzt würde. Sie werden nicht mehr gebraucht in einer Stadt, die früher auch eine Zeitungsstadt war. In der es neben den Ruhr-Nachrichten die WAZ und die Westfälische Rundschau gab, drei Zeitungen mit eigenen, selbständigen Redaktionen. Dortmund, das war eine Zeitungsstadt, in der es eines der bekanntesten deutschen Zeitungsarchive gibt, in der Journalisten seit vielen Jahren Journalistik studieren können. Dortmund, in der es nach dem WAZ-Gründer Erich Brost ein renommiertes Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus gibt.

Erich Brost war vor dem Krieg Redakteur der Danziger Volksstimme und SPD-Abgeordneter der freien Stadt Danzig. Er floh vor den Nazis nach England, wo er für den deutschen Dienst der BBC arbeitete. Dort lernte er den späteren britischen Botschafter in Deutschland kennen, über den er 1948 unter der Nummer 192 die Lizenz zur Herausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, kurz WAZ genannt, erhielt. Erich Eduard Brost war der Lizenzträger der WAZ und ihr erster Chefredakteur. Die Original-Urkunde hängt im Haus der Geschichte in Bonn. Sicher kam ihm dabei zugute, dass er als Sozialdemokrat und Emigrant eine reine Weste ohne braune Flecken hatte. Brost war im übrigen auch erster Chefredakteur der NRZ nach 1945. Dunkle Wolken ziehen über der NRZ oder zumindest ihren Lokalredaktionen in Essen, Duisburg und Mülheim auf. Sie könnten das nächste Opfer einer möglichen Streich-Aktion durch die WAZ-Geschäftsführer werden.

Anneliese Brost, die zweite Frau von Erich Brost, starb 2010. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes einen Teil seiner Verantwortung übernommen. Sie kümmerte sich um die Sorgen und Belange der Redaktionen und der Redakteurinnen und Redakteure. Wenn man so will, hielt sie ihre Hände schützend über die Redaktionen, auch und gerade über die der Westfälischen Rundschau, bei der sie damals, nach dem Krieg, als Sekretärin angefangen und wo sie Erich Brost, ihren späteren Mann, kennengelernt hatte.
Welch ein Hohn, dass die WAZ-Geschäftsführer vor wenigen Tagen der Redaktion der Westfälischen Rundschau die Kündigung zum 1. Februar verkündeten. Eiskalt.


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